„Die besondere Essenz der Malerei, der Literatur und der Musik“

Gespräch mit Gábor Ruda vom Kulturverein „Freundeskreis Murgebiet“

Ausgabe Nr. 2706

Gábor Ruda.

Gábor Ruda vom Kulturverein „Freundeskreis Murgebiet“ aus Pilisvörösvár in Ungarn hat unter anderem ungarndeutsche und szeklerische Wurzeln.  Zu seiner jüngsten Tätigkeit gehört das Zusammenstellen des bildkünstlerischen Albums „ORGOVÁNYI Anikó: Himnusz, Szózat, Székely Himnusz – festmények“ (Ungarische Hymne, Proklamation, Szeklerische Hymne – Gemälde), das vor Kurzem erschienen ist. Weiterhin wird gegenwärtig im Rahmen des Vereins auch an einer deutschsprachigen Anthologie gearbeitet.

Über seine Tätigkeit sprach mit Gábor Ruda der HZ-Redakteur Werner F i n k:

 

Wie ist es dazu gekommen, dass Sie das Album „ORGOVÁNYI Anikó: Himnusz, Szózat, Székely Himnusz – festmények“ zusammenstellten?

2015 traf ich Anikó Orgoványi bei der Eröffnung ihrer Ausstellung in Esztergom (Ungarn), wo sie ihre Gemäldeserie zum Thema ungarische Hymne präsentierte. Hier habe ich erfahren, dass wir uns bereits an der 11. Station einer Wanderausstellung befinden und dass die Künstlerin sehr entschlossen ist, weitere Ausstellungen zu organisieren. In den folgenden Jahren half ich Anikó bei der Verwirklichung einiger Ausstellungen. Eine von ihnen wurde noch im selben Jahr in der nördlichen Hälfte von Komárom, in der zwischen Ungarn und der Slowakei durch die Donau geteilten Stadt, umgesetzt.

Im Jahr 2018 entstand auch die Gemäldeserie Proklamation (ung. Szózat). Nach mehreren Ausstellungen wurde auf Initiative des Sankt-Georg-Ritterordens (ung. Szent György Lovagrend, 1326 von Karl I. Robert in Visegrád, Ungarn, gegründet) im Januar 2020 anlässlich des Tages der Ungarischen Kultur im Kulturhaus Odorhellen die Hymne- und Proklamationsausstellung eröffnet, die der Freundeskreis Murgebiet mitorganisiert hatte. Gyula Elekes, der Kulturhausleiter, freute sich über die Idee der Ausstellung, und bei der Eröffnung bat der mitwirkende Gemischte Chor „Ferenc Balázs“ die Künstlerin – die auch Mitglied des Ritterordens ist –,auch die Szeklerische Hymne zu malen.

Nach Odorhellen kam noch eine Ausstellung in Niklasmarkt (rum. Gheogheni) zustande, dann wurden die Bilder nach Temeswar (rum. Timișoara) transportiert, aufgrund der Epidemie konnte aber keine Ausstellung mehr eröffnet werden.

Die Hauptsponsoren des Albums sind der Nationale Kulturfonds Ungarns und der Sankt-Georg-Ritterorden.

Was beinhaltet das Album?

Dieses bildkünstlerische Album ist die besondere Essenz der Malerei, der Literatur und der Musik, die die linke und rechte Hemisphäre unseres Hirnes gleicherweise in Gang bringt. Der Leser erfährt einerseits ein visuelles Erlebnis, andererseits kann er die künstlerische Darstellung der Gemäldeserie von „Himnusz, Szózat, Székely Himnusz” (Hymne, Proklamation, Szeklerische Hymne) bewundern, und gleichzeitig einen Einblick in den historischen und ethnographischen Hintergrund bekommen. Er kann durch die Gemäldeserie fast wissenschaftliche Kenntnisse über die Symbolik der Bilder und über ihre zugrunde liegenden Inhalte erfahren. Im Mittelpunkt der Hymnegemälde erscheint die Form der Frauenzopfscheibe aus der Staatsgründungszeit, aus den Bildern der Proklamationsserie ist die Ursprungsgeschichte der Ungarn durch die Kontinuität der skythischen, hunnischen, awarischen und ungarischen Symbole herauszulesen. Auf den Gemälden der Szeklerischen Hymne sind solche Symbole zu sehen, die die Motivwelt der szeklerischen Tore und der hölzernen Grab-
stelen zitieren. In dem Kapitel über die ungarischen Mandalas kann der Leser einen Einblick von der Welt der Mandalas bekommen, und der Ansicht der Autorin nach, der klassische Mandalaaufbau und die Bilder der ungarischen Glaubenswelt aufeinandertreffen. Die „ungarische“ Deutung der Mandala wurde erstmals von Anikó Orgoványi beschrieben und in ihren Werken verwendet sie konsequent diese Motive. Eine Auswahl von Fotoaufnahmen bisheriger Ausstellungseröffnungen schmückt das Album. Am Ende des Albums – würdig des Titels – ist der Text der Hymne zu lesen, der an einige Gemeinden geschrieben wurde.

Was symbolisiert die Frauenzopfscheibe?

Die Flechtscheibe war ein mit Goldschicht versehenes, meistens aus Silber oder Bronze hergestelltes Schmuckstück reicherer Frauen, das im heutigen Sinn etwa einer Haarklemme entspricht. Sie gilt als ein seltener verzierter archäologischer Schatz aus dem 10. Jahrhundert. Die heilige Lotusblume bildete ein Grundelement der Verzierung der Scheiben, es kamen aber auch mythische Tierfiguren, wie z. B. der Greifvogel oder geflügelte Löwe, vor. Die jungen ungarischen Mädchen und verheirateten Frauen flochten ihre Haare zu Zöpfen. Als Mädchen trugen sie nur eine in den Zopf geflochtene Scheibe. Nach ihrer Heirat wickelten sie ihre Haare in zwei Zöpfe und trugen zwei identische Scheiben, was darauf hinwies, dass sie bereits einen Ehepartner hatten. Das Haarzopfornament wurde mit Leder-, Samt- oder Seidenbändern in den Zopf eingewebt.

Welchen Bezug hat die Malerin Anikó Orgoványi zu Siebenbürgen?

Anikós Großmutter väterlicherseits stammt aus dem Szeklerland. Später, nach der Gründung ihres Kulturvereins, der Jugendlichen Naturschutzbewegung „Grünes Herz“ (ung. Zöld Szív Ifjúsági Természetvédő Mozgalom), wurden mehrere „Grünes-Herz“-Gruppen auch im Szeklerland gegründet, z. B. in Odorhellen oder in Bad Borseck (rum. Borsec) unter der Leitung von Ede Balla bzw. Aladár Farkas.

Welchen Bezug haben Sie zu Siebenbürgen und zu Deutschland?

Einer meiner Großväter stammte aus Niklasmarkt (rum. Gheorgheni), die Vorfahren meines anderen Großvaters waren möglicherweise Schlesier, von denen ich auch meinen Namen geerbt habe. Meine beiden Großmütter waren Ungarndeutsche aus Alt-Ofen (heute ein Stadtteil von Budapest) bzw. aus der Zips. So wurde ich Mitte der 80er Jahre als Spätaussiedler in Deutschland anerkannt. Dort absolvierte ich meinen zweiten Uni-Abschluss, wobei ich mich auf die Erforschung der Kultur nationaler Minderheiten spezialisierte. Unter anderem hielt ich einen Vortrag über die Lage ungarischer Schulen in Siebenbürgen, organisierte verschiedene künstlerische Programme sowie Konferenzreihen zum Thema Schulen und Kultur nationaler Minderheiten und gab Buchreihen mit demselben Inhalt heraus. Ich befinde mich seit einer Weile im Ruhestand.

Ich möchte darauf hinweisen, dass der Freundeskreis Murgebietbauch die Mitteleuropa-Buchreihe veröffentlicht, die normalerweise deutsche einsprachige Bände enthält. In der Buchreihe wird derzeit eine deutschsprachige Anthologie erstellt, und unter den Autoren befindet sich auch Beatrice Ungar aus Hermannstadt.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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