Von ,,Porl“ und ,,Ziegenhainer“

Neues Buch von Erwin Neustädter erschienen

Ausgabe Nr. 2680

Nach „Mensch in der Zelle – Ein Erlebnisbericht“ (2015) hat Pfarrer Ortwin Galter aus Linz nun das zweite Buch aus dem Nachlass seines Großvaters, Dr. phil. Erwin Neustädter, herausgegeben. Es trägt den Titel „Im Glanz der Abendsonne – Wie ich wurde, was ich bin“.

Über Jahre hinweg versuchte Neustädter zu ergründen, „welches die Mächte waren“, die ihn zu dem geformt hatten, der er schließlich wurde. Erste Anläufe dazu unternahm er bereits im Jahr 1955 nach seiner Entlassung aus der Internierung. Anfang der 1960er reicherte er den Entwurf mit Beobachtungen über die Einflüsse auf ihn an und begann das handschriftliche Manuskript, an dem er bis 1975 arbeitete, zu verfassen. 1976 schrieb er die erste maschinelle Fassung; die letzte Fassung trägt die Notiz: März 1980.

Auf 326 Seiten erinnert Neustädter sich zurück an seine früheste Kindheit im Geburtsort Tartlau, den Umzug der Familie nach Kronstadt bis hin zu seiner Zeit als Offiziersaspirant, kurz bevor der Erste Weltkrieg begann. Dabei handelt es sich aber nicht um einfache Memoiren. Detailliert beschreibt er neben seinen Abenteuern als Kronstädter Knabe auch Personen aus seiner Familie und der Nachbarschaft, die ihn maßgeblich prägten. Insbesondere seine Zeichnungen des Lebens in Siebenbürgen zu Beginn des 20. Jahrhunderts machen dieses Buch nicht nur zur Pflichtlektüre für jene, die sich an Neustädters literarischem Schaffen erfreuen, sondern auch für alle, die sich für die Geschichte der Region interessieren. Begleitet werden die Ich-Erzählungen zudem von Fotografien aus dem Familienbesitz sowie fünf Skizzen aus Neustädters eigener Feder.

Erwin Neustädter: ,,Blick von unterer Burgpromenade gen Rathaus und Weißen Turm (r.)“ (Kronstadt, 1949)

Ein Jahr lang habe sich der Enkel Ortwin Galter nach eigener Angabe mit dem Buch beschäftigt und hat es seinen Eltern, Heinz Galter und Inge Galter geb. Neustädter gewidmet. Akribisch passte er die Rechtschreibung an heute geltende Regelungen an und fügte erklärende Fußnoten ein, sodass ein jeder versteht, worum es sich z. B. bei einem „Porl“ (kleine Wasserpfütze, Tümpel) oder einem ,,Ziegenhainer“ (knotiger Wanderstock aus dem Holz der Kornelkirsche) handelt.

Erwin Neustädter, geboren am 1. Juni 1897 in Tartlau, schrieb Zeit seines Lebens die Romane „Der Jüngling im Panzer“ (1938) und „Mohn im Ährenfeld“ (1943). Nach der gemeinsamen Ausreise mit seiner zweiten Ehefrau Ingeborg in die Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1965 veröffentlichte er 1976 den Gedichtband „Dem Dunkel nur entblühen Sterne“. Am 4. Mai 1992 verstarb er im Alter von 94 Jahren im bayrischen Kaufbeuren.

Warum er den Titel ,,Im Glanz der Abendsonne“ für das Erinnerungsbuch gewählt hat, erklärt Erwin Neustädter selbst so: ,,Im Glanz der Abendsonne erscheint manches anders als im grellen Licht des Tages; sie mildert die Kontraste, fasst zusammen, was getrennt schien; dies und das, was übersehen wurde, blinkt in den schrägen Strahlen, die schon zum Untergang sich neigen, auf und erhält einen Schimmer, wo man bloß Alltagsgrau erblickt oder vermutet hatte. Sinnestäuschung? Selbstbetrug? Oder bloß andere Sicht des Alters? Wer vermag das zu entscheiden?“

Tobias LEISER

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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