„Hinter der Urzelmaske vereint“

In Agnetheln liefen am Sonntag wieder die Urzeln durch die Stadt

Ausgabe Nr. 2658

Urzeln auf der Fußgängerbrücke über den Harbach. Im Hintergrund ist die Agnethler Kirchenburg zu sehen, die derzeit aus EU-Mitteln saniert wird.                                                            Foto: Werner FINK

„Mer wäinschen vill Gläck än diesem Hais, mer draiwen mät asen Gaußeln och Schallen de Suarjen ais. As Lauder och Wätz koun en jäider hieren, daut mer Ech besecken zaucht daut mer Ech ieren!“, wurden Pfarrer Reinhardt Boltres und die anderen Anwesenden im Pfarrhaus begrüßt. Derjenige der den Spruch aufsagte war Hans Georg Richter, Vorsitzender der HOG Agnetheln und stellvertretender Vorsitzender des Verbands der Heimatortsgemeinschaften, der dieses Mal seit 1984 zum ersten Mal wieder als Urzel an der Urzelparade in Agnetheln teilnahm. Über 260 Urzeln nahmen am vergangenen Sonntag am Urzellauf in Agnetheln teil.  Einen Tag davor feierten übrigens die Siebenbürger Sachsen in Traunreut 40 Jahre seit der Aufnahme des Brauches daselbst.

 

Vergangenen Sonntag war in Agnetheln wieder Urzeltag. Mit Peitschengeknall und Kuhglockengeläut bemühten sich auch dieses Jahr die Agnethler Urzeln die „bösen Geister” zu verjagen. Teil der Parade waren natürlich auch dieses Mal der Paradehauptmann mit den beiden „Engelchen”, die Zunftlade oder Gesellenlade, die von zwei Männern getragen wurde, das Schneiderrösschen und das Mummerl der Kürschnerzunft, die zwei Reifenschwinger der Fassbinderzunft,  der aufrecht schreitende Bär und der Bärentreiber und das Ringelspiel mit den Füchsen, die je einen Marder im Maul tragen und diese ihrerseits je ein Ei als Symbol der Kürschnerzunft sowie das Pferdchen mit dem Jungen darauf, das Wahrzeichen der Riemenmacher, das erst seit 1969 Teil der Parade ist. Für die musikalische Untermalung  sorgte auch dieses Mal die Neppendorfer Blaskapelle. Die zwei Wägelchen, die Urzeln hinter sich her zogen, waren auch dieses Mal mit Krapfen vollgeladen, so dass die Quetschen ab und zu „geladen” werden konnten.

Radu Curcean (Bildmitte, am Mikrofon) bei seiner Ansprache vor dem Bürgermeisteramt, links von ihm stehen Bürgermeister Ioan Dragoman (mit Trikolore), rechts vom Bürgermeister ohne Maske Hans Georg Richter und Bogdan Pătru.                                                                Foto: der Verfasser

„Wir nehmen auch heute wie in den letzten 13 Jahren an einer Veranstaltung teil, die uns alle zusammenbringt, die uns dazu bewegt unsere Identitäten zu vergessen und uns hinter der Maske der Urzeln zu vereinen durch einen gemeinsamen Gedanken, der unsere allgemeine Identität definiert und uns stolz darauf macht, Agnethler zu sein“, sagte Radu Crucean, ehemaliger Bürgermeister und Vorsitzender des Vereins „Breasla Lolelor Agnita“ in seiner Ansprache vor dem Bürgermeisteramt. Weiterhin erklärte er, dass eine Finanzierung von europäischen Fonds für die Urzeln beantragt werden konnte.

„Es ist ein ganz besonderes Gefühl und sehr schönes Erlebnis dabei zu sein“, sagte Hans Georg Richter der seinen Urzelanzug vom Ende der 1890-er oder Anfang 1900-er Jahre angezogen hatte. Er hatte einst seinem Urgroßonkel gehört, später trug ihn auch sein Vater und nun er. Richter ist zwar jedes Jahr entweder in Sachsenheim, in Traunreut, in Geretsried oder in Nürnberg beim Urzelnlauf dabei, in Agnetheln nahm er nun seit 1984 das erste Mal wieder als Urzel an der Urzelparade teil. Er erinnerte sich, dass er als Zehnjähriger nur unverkleidet teilnehmen durfte. Erst als Sechszehnjähriger war es ihm gelungen, zusammen mit Freunden teilzunehmen. ,,Die Schüler durften vom Staatsapparat her nicht laufen“, erinnert sich Richter. „Es war uns verboten, teilzunehmen. Erst  im Alter von 16 Jahren waren wir eine Gruppe von Jugendlichen, die nicht in Agnetheln zur Schule gegangen sind, sondern in Hermannstadt oder anderswo und so war es uns möglich, uns in die Parade einzuschleusen, sogar als eigene Parte“.

Ein Zuschauer holt sich einen leckeren Krapfen aus der Quetsche einer Urzel. Foto: der Verfasser

Die Urzeln aus Deutschland arbeiten nun eng zusammen mit den „Lole“ hier. „Wir möchten die Lole in Agnetheln auch ins Kulturprogramm im Rahmen der Kirchensanierung einbinden, so dass sie die artistischen Elemente in den einzelnen Türmen, wo die Zünfte dargestellt werden, mit Leben erfüllen und die Touristen ein bisschen begleiten“, sagte Richter.  Zusammenarbeit gebe es nicht nur auf lokaler sondern auch internationaler Ebene.  Im letzten Jahr nahmen Urzeln aus Deutschland und „Lole“ auf einem gemeinsamen Festival in Thessaloniki teil.

Richter befand sich nämlich auch wegen Aufgaben bezüglich der Kirchenrenovierung in Agnetheln, die im letzten Sommer in Angriff genommen wurde. „Der Stand der Arbeiten ist sehr zufriedenstellend. Die Roharbeiten sind schon im Spätherbst abgeschlossen worden. Das Dach ist fast komplett gedeckt und und sobald die Temperaturen steigen fängt man an zu verputzen. Parallel dazu hat eine zweite Frima begonnen die Türme auch in Angriff zu nehmen. Es wurden die Türme ausgeräumt, der Putz, die Steine sauber gemacht. Auch die Türme sollen hergerichtret werden, so dass die Zünfte hier repräsentiert werden“.

Eine Ansprache hielt vor dem Bürgermeisteramt auch Lehrer Bogdan Pătru, der Ehrenvorsitzende des Vereins in Agnetheln, der im Anschluss auch das plötzliche Ableben des Reifenschwingers und Ehrenmitglieds des Vereins, Kurt Filp, bekannt gab, zu dessen Ehren die Reifenschwinger es in diesem Jahr mit neun Gläsern versuchten. Anschließend wurde das Siebenbürgenlied gesungen.

2006 hatte der Lehrer mit seinen damaligen Schülern ein Projekt zum Thema Urzelnlaufen in Agnetheln durchgeführt, das nun dazu führte, dass der Brauch 2007 auch in Agnetheln wieder aufgenommen wurde und auch heute hier weitergeführt wird. Im nächsten Jahr möchte er nach eigener Aussage seine ehemaligen Schüler wieder einmal einbinden.

Nach der Urzelparade wurden in Parten Verwandte und Freunde besucht. Empfangen wurden einige Parten  auch im Bürgermeisteramt von Bürgermeister Ioan Dragoman.

Zwei der Parten besuchten aber auch das evangelische Pfarrhaus, wo sie Pfarrer Reinhardt Boltres empfing.

Werner FINK

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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