,,Eine Mahnung an uns“

Der Roman ,,Ascheregen“ von Joachim Wittstock, der am 28. August 80 wird

Ausgabe Nr. 2637

Joachim Wittstock auf der Fahrt zur 29. Auflage der Deutschen Literaturtage in Reschitza im April d. J.                             
Foto: Beatrice UNGAR

Der am 28. August 1939 in Hermannstadt geborene Schriftsteller Joachim Wittstock hatte im März d. J. im Rahmen einer gemeinsamen Veranstaltung mit dem Hermannstädter Architekten Hermann Fabini, der den Gästen das überaus informative und interessante Buch „Siebenbürgen, Land und Leute“ von Charles Boner näher gebracht hat, sein neuestes Werk „Forstbetrieb Feltrinelli“ und seinen wiederaufgelegten und neu überarbeiteten Roman „Ascheregen“ von 1985 vorgestellt. Aus aktuellem Anlass, Joachim Wittstock feiert am 28. August seinen 80. Geburtstag, gratuliert die Redaktion der Hermannstädter Zeitungmit einer Rezension des Romans.

 

„Ascheregen“ wurde 1985 herausgegeben und hatte nichts mit dem damaligen existierenden Sozialismus zu tun, nein, Joachim Wittstocks Roman ist in der Zeit des Zweiten Weltkrieges an unterschiedlichen Orten im damaligen Rumänien angesiedelt. ,,Ascheregen“ ist  ein gut strukturiertes, in sieben Kapitel eingeteiltes Buch. Davon sind sechs Kapitel voneinander unabhängige Geschichten, die das Kriegsschicksal junger Männer und auch deren Familien und Freunde zum Thema haben. Das Augenmerk des Lesers wird auf die Jugend der Siebenbürger Sachsen gelenkt, wobei der Autor auch die Rumänen und Juden, sowie die ungarische Minderheit auf sehr eindringliche Weise mit einbezieht. Joachim Wittstock beschreibt in seinem Roman die Frage nach der Identität, dem Gewissen und der Schuld und orientiert sich an realen Personen.  Die gestörte Identitätsfindung, verursacht durch die extremen Kriegssituationen, denen die jungen Männer an unterschiedlichen Plätzen ausgesetzt sind, macht es für sie unmöglich, ihre Entscheidungen, oder auch später ihre Handlungen, rational zu erklären, so dass es zu Verwirrungen im Geist und in der Seele kommt. Meisterhaft wird die durch die Verwirrungen hervorgerufene Unfähigkeit, darüber nachzudenken, „welchen Sinn mein Handeln hat“, herausgearbeitet. Der Krieg wird als Störung, als Schäden verursachendes Ereignis dargestellt und in seiner Sinnlosigkeit entlarvt.

Im ersten Kapitel „Auf den Bergen von Ogradena“ geht es um Erwin Brestovski, einen Siebenbürger Sachsen, der auf der Seite der Rumänen gegen Deutschland kämpft. Er findet oft die Gelegenheit, seine Freundin und deren Eltern zu besuchen. Hier wird der Identitätskonflikt mit seinen unterschiedlichen Betrachtungsweisen deutlich, denen Erwin in seiner Familie, seiner Gemeinde Heltau, durch seine Kameraden und seine Freundin und deren Familie ausgesetzt ist und Wittstock es Erwins Kameraden Robert so treffend feststellen lässt:  „Du willst es selbst, nur traust du dich nicht“.  Weiter im Text verliert Erwin Gedanken an einen Seitenwechsel, sein Deutschtum verliert an Bedeutung, nein, es wird ihm während der Kämpfe sogar fremd und unvertraut. Am Ende der Geschichte versucht Erwin, doch auf die gegenüberliegende Seite zu den Deutschen zu gelangen,  was ihm misslingt, woraufhin er beschließt, zurück nach Siebenbürgen zu gehen und als vermisst zu gelten, ein Mensch von unklarer Identität, der sich weder den Seinen, noch den Deutschen oder Rumänen offenbaren kann.

Auch in den folgenden Kapiteln werden die Protagonisten, sei es der aus Czernowitz kommende Lejser Fichman oder aber Remus Petru, dem das Morgengrauen in Jassy den Tod bringt, als auch die Gebrüder Konrad und Gerhard Müller, von denen Konrad in der Rumänischen Armee dient und Gerhard in der Wehrmacht, als zweifelnde, unsichere und auch als ängstliche Personen dargestellt. Joachim Wittstock beschreibt unterschiedliche Formen von Identität, beispielhaft dafür ist das Schicksal von Lejser Fichman, ein sich auf der Flucht befindender Einwohner von Czernowitz von jüdischer Identität. Er spricht sehr gut deutsch, aber auch jiddisch, rumänisch und etwas russisch. Lejser verbirgt seine Herkunft und vermeidet es, deutsch zu sprechen, obwohl er die deutsche Sprache am besten beherrscht. Es wird dem Leser klar, dass die Erlebnisse und das Gesehene ihn, Lejser Fichman, geradezu ängstlich und unsicher werden lassen, sich als deutsch sprechender Jude aus Czernowitz zu offenbaren; er lässt seine Identität im dunklen, im unklaren.

Konrad Müller, einer wie auch alle anderen Romanfiguren real existierender Protagonist des Romanes, dient in der Rumänischen Armee, läuft über zu den Deutschen und stellt sich davor die Fragen: Überlaufen zu den anderen? Wer sind die anderen? Wer ist man selbst?  Seit wann muss man zu sich selbst überlaufen? Ein Mensch mit der Hoffnung auf ein Ende seiner Suche zu sich selbst –  letztlich mit tragischem Ausgang.

Sehr markant beschreibt Joachim Wittstock in seinem Buch anhand von Symbolen das Gefühlsleben der damals lebenden Menschen. Es ist der bei Konrad Müller ständig wechselnde Frontverlauf oder aber im 2. Kapitel -,,Im Nordwesten des Königreichs“- der  300 Jahre alte Lindenbaum, dessen Äste das Dach der Kirche beschädigen, oder seine Wurzeln, die das Fundament der Kirche zerstören. Der Nationalsozialismus entzweite die siebenbürgische Gesellschaft der damaligen Zeit und den Lindenbaum mit seinen beiläufig erwähnten Auswirkungen auf die Bausubstanz der Kirche kann man durchaus als Symbol für die Zerrissenheit der Suchenden interpretieren.

Im letzten Kapitel wird die Schuldfrage thematisiert. Die Hauptfiguren der sechs Kapitel kommen zusammen und versuchen zu ergründen, welche Schuld sie auf sich geladen haben. Der Autor beschreibt die Schuld im letzten literarischen Höhepunkt in dem an Höhepunkten nicht armen Werk so: ,,Die Kriegsschuld war die Schuld der Krieger, ja, weiter gefasst nicht nur der Feldherren und Waffenträger, sondern all jener, die ins Kriegsgeschehen hineingezogen waren, wohl auch der Opfer, denn wer, außer Unmündigen, hatte in den vergangenen Jahren nicht aufbegehrt, aufgewiegelt, aufgehetzt?“

Ascheregen, eine Mahnung an uns!

Provozierend, fragend, „Ascheregen“: ,,Statt des Regens für dein Land wird der Herr Staub und Asche vom Himmel auf Dich geben, bis Du vertilgt bist.“ (5. Mose 28,15-24)

Lothar SCHELENZ

 

 

 

 

 

 

 

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