Schicksale von damals und heute

Brukenthalschüler bei Gedenktag in Berlin

Ausgabe Nr. 2632

Gruppenbild der Brukenthalschüler mit Bischof Reinhart Guib, Dr. Bernd Fabritius und Bianke Grecu.

Seit 2015 erinnert jährlich am 20. Juni ein Gedenktag an die Opfer von Flucht und Vertreibung der Deutschen nach und am Ende des Zweiten Weltkrieges. Aus diesem Anlass lud Dr. Bernd Fabritius, Präsident des Bundes der Vertriebenen und ehemaliger Schüler der Brukenthalschule, eine Gruppe von zehn Elftklässlern mit der Begleitlehrerin Bianke Grecu nach Berlin für den Zeitraum zwischen dem 19. und dem 21. Juni 2019 ein. Unterstützt wurde die Reise durch das DFDR und die Saxonia-Stiftung. Bianke Grecu berichtet im Folgenden:

Das Schicksal von Millionen Menschen, die infolge des Zweiten Weltkrieges aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten (z. B. aus Schlesien, Pommern, Ostbrandenburg, dem Sudentenland, dem Karpaten- und Donauraum) fliehen mussten oder vertrieben wurden, bot den Jugendlichen eine aktive Auseinandersetzung mit der Geschichte.

In den Gesprächen mit Dr. Bernd Fabritius erfuhr die Schülergruppe, dass heutzutage über 70 Millionen Menschen weltweit von der Flucht und der Vertreibung betroffen seien. Dr. Fabritius stellte auch das Schicksal der Siebenbürger Sachsen, der Banater Schwaben und der Sathmarer Schwaben in den Vordergrund, als im Januar  1945 die arbeitsfähigen Männer und Frauen aus ihren Häusern geholt, in Viehwaggons verladen und zur Zwangsarbeit nach Russland deportiert wurden.

Der Gedenkstunde im Deutschen Historischen Museum ging ein Zeitzeugengespräch im Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat voraus, wo der Parlamentarische Staatssekretär Stephan Mayer die Anwesenden begrüßte.

Beeindruckend waren die authentischen Schilderungen des 92-jährigen Georg Richter, eines Ungarndeutschen, der 1944 in die Waffen-SS rekrutiert wurde und dort als Sanitäter tätig war. Danach kam er sechs Jahre in sowjetische Kriegsgefangenschaft und nach seiner Entlassung musste er als Volksdeutscher wiederum drei Jahre Zwangsarbeit in ungarischen Lagern leisten. Die innere Quelle, die Herrn Richter  in dieser schweren Zeit Zuversicht gegeben hatte, war einerseits der tiefe Glaube an Gott, andererseits die Tatsache, dass er im Jesuitengymnasium Altgriechisch und das kyrillische Alphabet erlernt hatte und dadurch die Kommunikation in Russland als nicht so schwierig empfunden hatte. 1953 übersiedelte Herr Richter nach Ulm, seiner jetzigen Heimatstadt.

Interessant waren auch die Darstellungen der Präsidentin des Frauenverbandes im Bund der Vertriebenen, Dr. Maria Werthan, einer Banater Schwäbin, die über „das Fremdsein in der Heimat“ berichtete, wie ihre Eltern in ihrem Geburtsort enteignet wurden und was für Folgen dieses für ihre Familie mit sich brachte; wie sie als deutsches Mädchen im rumänischen Umfeld keinen Anschluss gefunden hatte und was ihre Ausreise nach Deutschland für sie und ihre Familie bedeutet habe. Erst nach zwanzig in Deutschland gelebten Jahren könne sie behaupten, der hiesige Wohnort sei ihre Heimat.

Weiterhin berichtete Jaroslav Ostrčilik, ein gebürtiger Brünner, über seine Initiative „Marsch der Lebenden“, ein Mahnmal der jetzt Lebenden und eine Anlehnung an den „Brünner Todesmarsch“, als am 31. Mai 1945 25.000 deutschsprachige Einwohner aus Brünn rund 50 km in Richtung österreichische Grenze vertrieben wurden. Viele brachen am Straßenrand zusammen, da sie den Strapazen des Marsches (Hitze, Wasser- und Lebensmittelmangel) nicht gewachsen waren.

Zuletzt sprach Irina Peter, die als Neunjährige aus Kasachstan nach Deutschland übersiedelt sei, über ihre Erfahrungen als russlanddeutsche Spätaussiedlerin: In ihrem Heimatort sei sie „die Deutsche“ gewesen, in Deutschland wollte sie wegen ihrem „komischen Deutsch“ und ihrem kulturellen Hintergrund nicht auffallen und tat vorerst alles, um in ihrem Freundeskreis nicht aufzufallen.

Diese Podiumsdiskussion endete mit Fragen der Schülerinnen und Schüler des Samuel-von-Brukenthal-Gymnasiums und der Winfriedschule aus Fulda.

Im Anschluss an diese Veranstaltung fand unter dem Glasdach des Innenhofes des Deutschen Historischen Museums die eigentliche Gedenfeier statt. Der Gastgeber dieser Veranstaltung, der Bundesinnenminister Horst Seehofer, betonte in seiner Rede, wie wichtig es sei, einen würdigen Rahmen für das Gedenken geschaffen zu haben.  Die Erfahrungen aus der Vergangenheit sollen eine Mahnung für die jetzige Gesellschaft sein.

Reinhart Guib, der Bischof der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien, erinnerte an den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges vor 80 Jahren sowie an die Deportation von Millionen von Menschen, unter denen auch viele Deutsche aus Siebenbürgen und Rumänien. Es gebe weiterhin Opfer von Flucht und Vertreibung, von Krieg und Terror in Ländern wie Syrien, Irak, Afghanistan und Somalien. Aus den Erfahrungen der Geschichte  geht die Verpflichtung eines jeden Einzelnen hervor, heutigen Flüchtlingen mit Menschlichkeit und Empathie zu begegnen und zu helfen.

Weiterhin ergriffen das Wort Dominik Bartsch als höchster Vertreter des Hohen Flüchtligskommissars bei den Vereinten Nationen und Prof. Dr. Aleida Assman, die Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels.

Das Schlusswort zur Gedenkstunde sprach BdV-Präsident Dr. Bernd Fabritius, wobei er betonte, dass jedes Jahr mehr Menschen entwurzelt und zu neuen Opfern gemacht werden. Mit Blick auf die Menschenrechte müsse es „im vereinten Europa eine klar normierte Festlegung zur Ahndung ethnischer Säuberungen geben“.

Obwohl Millionen Menschen im Zweiten Weltkrieg aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten geflohen sind oder vertrieben wurden, haben sie die Kraft und die Entschlossenheit aufgebracht, ihr Schicksal nicht dem Zufall zu überlassen.

 

 

 

 

 

Posted in Aktuelle Ausgabe, Bildung.