Von Sehnsucht und Hoffnung

Auf den Spuren von Selma Meerbaum-Eisinger
Ausgabe Nr. 2519
 

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Selma Meerbaum, eine junge Lyrikerin, die nur 18 Jahre alt wurde, als Opfer des Holocaust verstarb sie 1942 im Arbeitslager Michailowka/Transnistrien, wird durch eine Ausstellung des Zentrums für verfolgte Künste Solingen und der Rose Ausländer-Gesellschaft Köln auch in Hermannstadt geehrt. Der Veranstalter vor Ort ist das Deutsche Kulturzentrum Hermannstadt in Zusammenarbeit mit dem Demokratischen Forum der Deutschen in Hermannstadt.

 

Die Ausstellung unter dem Motto „Du, weißt du, wie ein Rabe schreit?” wurde am 23. Februar im Foyer des Hermannstädter Forumshauses eröffnet. In Anwesenheit der Deutschen Konsulin Judith Urban und des Vorsitzenden des Hermannstädter Forums, Dr. Hans Klein, begrüßte Elisabeth Köber, Kulturreferentin des Deutschen Kulturzentrums Hermannstadt, die über 30 Anwesenden, und stellte den Kurator der Ausstellung, Helmut Braun vor, der auch Vorsitzender der Rose Ausländer-Gesellschaft ist.

In seinem Vortrag unterstrich Braun, dass es ihn freue, Selma Meerbaum dem Publikum nun auch in Hermannstadt vorzustellen, denn 1924 in Czernowitz geboren, war sie doch Rumänin! Insbesondere für ein junges Publikum sei diese Ausstellung gedacht, denn die von ihr geretteten 57 Gedichte schrieb sie zwischen dem 15. und 18. Lebensjahr.

Selma, eine Cousine zweiten Grades von Paul Celan, wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Ihr Vater, Max Meerbaum, führte einen kleinen Farbenladen. Der Vater starb sieben Monate nach Selma Meerbaums Geburt an Tuberkulose und ihre Mutter Frieda heiratete Leo Eisinger, der Selma aber nicht adoptierte. Selma Meerbaum besuchte die Mittelschule in Czernowitz, betätigte sich aktiv in der zionistischen Jugendorganisation „Haschomer Hazair“ (Junge Wache), wo sie Lejser Fichmann kennenlernte, und sich in ihn verliebte. Ihm widmete sie ihre Gedichte, die sie mit 15 Jahren anfing zu schreiben.

Nach dem Einmarsch deutscher und rumänischer Truppen im Juli 1941, verfügte der Militärgouverneur General Corneliu Calotescu, die Deportation aller Juden aus Czernowitz, sodass auch die Familie Meerbaum-Eisinger im Ghetto von Czernowitz interniert wurde. Traian Popovici (1892-1946), der als Bürgermeister vom August 1941 bis zum Juli 1942 amtierte, argumentierte, dass die Infrastruktur zusammen brechen wird, wenn alle Intellektuellen, Juristen, Ärzte und medizinischen Personal deportiert würden. Calotescu akzeptierte, so dass 16.500 Personen gemäß der „Calotescu-Verfügung“ und weitere 3.120 Personen mit einer entsprechenden „Popovici-Bescheinigung“ ein Bleiberecht erhielten, so auch die Familie Eisinger.

Popovici wurde im Juli 1942 abgesetzt, und über 1.200 Juden bald darauf in das Arbeitslager Michailowka, nach Transnistrien deportiert, wo Selma Meerbaum Ende 1942 an Flecktyphus starb. Das Album mit ihren Gedichten gaben die Freundinnen Else Schächter-Keren und Renée Abramovici-Michaeli zunächst an Lejser Fichman. Er gab das Album zurück, denn er hatte einen Traum: Er wollte nach Palästina. Dort kam er nie an, denn das Schiff mit zahlreichen jüdischen Auswanderern wurde im Schwarzen Meer versenkt.

Die beiden Freundinnen gelangten nach dem Zweiten Weltkrieg nach Israel, retteten so Selmas Gedichte, und ihr ehemaliger Klassenlehrer, Hersch Segal, druckt 1976 sämtliche Gedichte in einer privaten Auflage von 400 Exemplaren.

Es ist der Lyrikerin Hilde Domin zu verdanken, dass die Gedichte 1980 als Buch in der Bundesrepublik Deutschland erscheinen, denn sie gab den Privatdruck Jürgen Serke, einem befreundeten Journalisten vom STERN.

Selma Meerbaum liebte Blumen, den Sommer, die Natur, ebenso die Dichter Rilke und Heine. Ihre Poesie drückt Sehnsucht, aber auch Hoffnung und Lebenswille aus. In einer reinen Sprache erzählen ihre Gedichte von den Gefühlen und Träumen eines jungen Mädchens, sowie von der ersten Liebe.

Der Besuch dieser Ausstellung ist ein Erlebnis der besonderen Art! Obwohl einige der Tafeln, wegen der Platzierung, leider schlecht zu lesen sind. Die Ausstellung ist in Hermannstadt bis zum 9. März zu besichtigen (Mo.-Fr. 10 bis 17 Uhr). Im Anschluss wird sie in Suceava und Iași zu sehen sein.

Elke SABIEL

 

Selma Meerbaum-Eisinger: Du, weißt du, wie ein Rabe schreit? Gedichte. Hrsg. und mit einem Essay von Helmut Braun sowie Fotos und Dokumenten (Bukowiner Literaturlandschaft Bd. 71) Rimbaud-Verlag, Aachen, 2016, 206 S., ISBN 978-3-89086-439-6

 

 

 

 

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