„Ich wollte etwas Langfristiges schaffen“

Lernen und Erholen in Carmen Schusters Gästehaus in Kleinschenk
Ausgabe Nr. 2507
 

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Lernen und Erholen, das stand auf dem Programm für die zwölf Teilnehmerinnen beim Wochenende der Frauenarbeit der Evangelischen Kirche A. B. in Rumänien (EKR) in Kleinschenk/Cincșor. Der Veranstaltungsort, das Gästehaus von Carmen Schuster und ihrem Mann Michael Lisske, war dafür wie gemacht.

 

Eine leerstehende Schule zu erhalten ist für Dorfgemeinden meist zu teuer: Die großen Räume sind nicht so leicht nutzbar wie bei einem Pfarrhaus und Spenden sind schwieriger zu bekommen als für eine Kirchenburg. So verfallen in vielen Dörfern schöne Gebäude nach und nach. Nicht so in Kleinschenk. Carmen Schuster, damals noch Bankmanagerin, beschloss, in ihr Heimatdorf zu investieren. Zusammen mit ihrem Mann Michael Lisske kaufte sie 2008 die Schule, das Pfarrhaus und die anliegenden Ställe, mit dem Plan, die alten Gebäude zu renovieren und daraus ein Gästehaus zu machen.

Die Kleinschenker waren zunächst skeptisch, „viele haben mich gefragt, ob ich spinne“, erinnert sich Carmen Schuster. Es gab viel zu tun: Die Keller waren teilweise zugemauert, die Fenster kaputt, das Dach stellenweise undicht und das Gebäude wurde als illegale Mülldeponie genutzt; fünf Laster voll Müll hatten sich im Laufe der Jahre darin gesammelt.

Das Ergebnis kann sich allerdings sehen lassen. Elf Gästezimmer mit Doppelbett und je eigenem Bad können nun gebucht werden, ein Anbau mit elegantem Speisesaal wurde geschaffen und aus einem ehemaligen Klassenzimmer ist ein Salon mit Bibliothek geworden. Das Angebot wird geschätzt, seit eineinhalb Jahren kommen die ersten Gäste und mit der ersten Saison können die Gastgeber sehr zufrieden sein.

Am vergangenen Wochenende hatte Carmen Schuster nun die Frauen von der Frauenarbeit der EKR eingeladen, kostenlos im Gästehaus zu übernachten. Schuster ist als Mitglied des Landeskonsistoriums auch in der kirchlichen Arbeit engagiert und beteiligt sich u. a. am Tourismus-Projekt der Landeskirche „Entdecke die Seele Siebenbürgens“. Das Wochenende sollte eine Möglichkeit für die Frauenarbeit sein, zu zeigen, dass es für die Frauen mehr zu erfahren gibt als Kinder und Küche.

Das Motto dazu hieß „Lernen und Erholen in Kleinschenk“. Raum für Erholung bot schon allein die Atmosphäre im Gästehaus, und zu lernen gab es auch einiges: Organisatorin Gerhild Rudolf, Leiterin des Teutsch-Hauses in Hermannstadt, hatte sich ein vielfältiges Programm ausgedacht, bei dem die Bildung nicht zu kurz kam.

Passend zum 11. November lernten die Teilnehmerinnen viel über St. Martin. So erfuhren sie u. a., dass es sich bei dem Laternenumzug um einen vergleichsweise neuen Brauch handelt, den erst die jüngeren Generationen in Siebenbürgen aus ihrer Kindheit kennen. Auch was es mit der Martinsgans und dem Martinswein auf sich hat, wurde diskutiert, hier sind die Ursprünge des Brauchs allerdings eher in den Vorgaben der Natur an die Bauern und weniger in religiösen Deutungen zu suchen.

Zur Theorie des Martinsweins kam die Praxis in Form einer Weinkostprobe, bei der die Teilnehmerinnen lernten, was es über Herstellung, Farbe, Geruch und natürlich Geschmack von Wein zu wissen, sehen, riechen und schmecken gibt. Am Ende des Abends konnten die Frauen sagen, welche Aromen es gibt und was es mit Fachbegriffen wie „erste Nase“ und „zweite Nase“ auf sich hat (bei der „ersten Nase“ wird am unbewegten Glas gerochen, bei der „zweiten Nase“ wird das Glas geschwenkt, um die schwereren Aromen freizusetzen).

Als Ort des Lernens bot sich das Gästehaus auch aus einem weiteren Grund an: Die Schule wurde vom Architekten und Kulturgutpfleger Fritz Balthes entworfen, der in seinem kurzen Leben zahlreiche öffentliche Gebäude in Siebenbürgen gestaltete. Heute ist er fast in Vergessenheit geraten; Gerhild Rudolf organisierte allerdings 2014 für das Teutsch-Haus eine Ausstellung über Balthes und war so bestens vorbereitet, um den Teilnehmerinnen von dem Architekten des Hauses zu erzählen.

Auch die Gastgeber hatten viel zu erzählen, was den Teilnehmerinnen in der Frauenarbeit weiterhelfen wird. Schließlich haben sie sich beide für die Sanierung der Kirchenburg in Kleinschenk eingesetzt und u. a. dafür gesorgt, dass genug Spenden für die Orgel zusammenkommen. Carmen Schuster gründete zu diesem Zweck den Contrafort-Verein. Auch das Gästehaus soll mehr sein als eine Unterbringung für Touristen.

Deswegen gab Carmen Schuster ihren Beruf als Bankmanagerin auf, um sich ganz dem Gästehaus zu widmen. „Ich wollte etwas Langfristiges schaffen“, erzählt sie. Sie will dazu beitragen, die sächsische Kultur in Kleinschenk zu erhalten, und zwar nicht nur in Form der Kirchenburg und des Gästehauses. „Die Leute vergessen oft, dass Erinnerung nicht nur an Gebäude gebunden ist, sondern auch an die gelebte Kultur“, meint sie. Deswegen organisiert sie u. a. Veranstaltungen, bei denen die traditionelle Küche gekostet werden kann.

Ein Konzept, das sich auch auf andere Orte übertragen lässt, wie die Teilnehmerinnen von der Frauenarbeit feststellten. Gästehäuser von Pfarreien werden oft falsch genutzt, oder die Eintrittspreise in Kirchen und mit der Kirche verbundenen Institutionen sind zu niedrig oder zu hoch angesetzt, sodass oft nicht einmal die Kosten gedeckt sind. Carmen Schuster macht hier Mut. Sie ist sich sicher, dass sich in diesem Bereich noch viel bewegen lässt: „Wenn man seine Zielgruppe gut kennt, dann läuft es fast von selbst.“

Bernadette MITTERMEIER

 

Bei der Weinkostprobe blickte Hausherrin Carmen Schuster (rechts stehend) den Jurorinnen“ aufmerksam über die Schultern.    

Foto: der Verfasserin

 

 

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