„Einmal Lehrerin, immer Lehrerin…“

Ausgabe Nr. 2470
 

Gespräch mit der HZ-Chefredakteurin Beatrice Ungar

 

Der 25. von der Schulkommission des Siebenbürgenforums veranstaltete Siebenbürgische Lehrertag, der am 24. und 25. Oktober 2015 in Hermannstadt stattgefunden hat, stand unter dem Motto „Wir sprechen Deutsch!". Den Lehrerinnen und Lehrern standen für Interviews 16 Vertreter von deutschsprachigen Einrichtungen in Hermannstadt Rede und Antwort. Einige der dabei geführten Gespräche stellten die Veranstalter auch der Hermannstädter Zeitung zur Verfügung und die Redaktion hat beschlossen, sie in loser Folge nach und nach abzudrucken. Als letztes lesen Sie im Folgenden das Gespräch mit Beatrice Ungar, seit 2005 Chefredakteurin der Hermannstädter Zeitung, das Susanne Gramke (Neumarkt), Miklós Tencz (Ungarn), Ramona Hacman (Zeiden), Liliana Hadăr und Mihaela Hadăr (Hermannstadt), Gabriela Hălmaciu (Mediasch), koordiniert von Monika Hay (Hermannstadt), geführt haben.

 

Frau Ungar, erzählen Sie uns bitte einiges über Ihre Person und über Ihren Bildungsweg.

Ich bin in Hermannstadt geboren, habe hier die deutschsprachige Grundschule besucht, danach bis zur 8. Klasse die Kunstschule, an der in rumänischer Sprache unterrichtet wurde. Diese Zeit brachte wichtige Erfahrungen, zumal in meiner Familie Deutsch gesprochen wurde und ich Rumänisch erst mit 6 Jahren gelernt habe. Mit den Nachbarkindern habe ich nämlich auf Wunsch deren Eltern Deutsch gesprochen. Das Lyzeum habe ich als Brukenthal-Schülerin absolviert; die Schule hieß damals jedoch „Lyzeum für Mathematik und Physik Nr. 1“.

Nach dem Bakkalaureat hätte ich gerne Journalistik studiert, aber diesen Studienzweig gab es zu der Zeit nicht. Theologie hat mich auch sehr interessiert, aber das wiederum durften Frauen damals nicht studieren. Deshalb entschied ich mich für Germanistik und Rumänistik.

Wie verlief Ihre berufliche Laufbahn?

Nach Abschluss der Hochschule gab es für Absolventen der Germanistik eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Den Weg ins Lehramt – den ich gewählt habe – oder die Anstellung als Übersetzer in einer Fabrik, was z. B. Herta Müller getan hat. Ich konnte als Erste meines Jahrgangs eine Lehrerstelle in meinem Landkreis wählen und kam nach Pretai/Brateiu. Dort stand die Schuldirektorin jedoch vor einem Dilemma, denn es gab nicht genügend Deutschstunden für mich. Folglich teilte sie mir Rumänischstunden an der deutschen Abteilung und Deutschstunden an der rumänischen Abteilung zu. Es war die Zeit, in der Schüler sich sehr oft an Ernteaktionen der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPGs) beteiligen mussten und der Unterricht deswegen ausfiel oder vernachlässigt wurde. Um Roma-Kinder zu motivieren, am Deutschunterricht teilzunehmen, habe ich einen Schulchor gegründet. Die Teilnahme am Chor und die Präsenz im Unterricht war gut, weil Musik den Neigungen dieser Kinder entsprach.

Seit wann arbeiten Sie als Journalistin?

Bei der Hermannstädter Zeitung bin ich seit September 1988. Damals hieß sie „Die Woche“, da man in jenen Jahren keine Ortsbezeichnungen in anderen Sprachen als der rumänischen verwenden durfte. 1989, am 15. Dezember, erschien die letzte Ausgabe der Zeitung „Die Woche“, am 26. Dezember 1989 erschien wieder die „Hermannstädter Zeitung“.

Ich habe allerdings bis 2004 nebenbei auch unterrichtet, z. B. Logik und Philosophie, für die an der Brukenthalschule Not am Mann bzw. an der Frau war. Nach meiner Wahl zur Kreisrätin für das Demokratische Forum der Deutschen in Rumänien, habe ich die Tätigkeit als Lehrerin aufs Eis gelegt. Ich kann aber wann immer wieder unterrichten; es heißt doch „Einmal Lehrerin, immer Lehrerin…“

Wie viele Mitarbeiter hat die HZ?

Bis 1990 waren wir insgesamt 22, inzwischen arbeiten hier nur noch 6 fest Angestellte. Freiwillige aus Deutschland und sogar aus Frankreich machen auch mit, wir bekommen z. B. jährlich Berichte vom Filmfestival aus Cannes. Die Akkreditierung für unseren Mitarbeiter vor Ort haben wir problemlos erhalten.

Wie groß ist das Interesse an Ihrer Zeitung?

Unsere Zeitung wird nicht nur in Siebenbürgen gelesen, sondern auch im Ausland verkauft. Sogar in Übersee interessiert man sich für uns; wir haben Abonnenten sowohl in den USA, als auch in Brasilien.

Warum Amerika? Wer liest die Hermannstädter Zeitung da?

Diese Leser haben uns im Internet gefunden, es sind sogar einige Siebenbürger darunter, deren Familien irgendwann im 19. Jh. hier gelebt haben und ausgewandert sind. Ihre Nachkommen sind nun am Leben in Hermannstadt und Siebenbürgen interessiert.

Die Zeitung kann man auch im Internet lesen, weshalb dann Papier über den Ozean schicken?

Die Leute wollen einfach die klassische, gedruckte Form in die Hand nehmen und sie wie früher lesen, auch wenn es mindestens 2 Wochen lang dauert, bis die Zeitung ankommt.

Wie sieht die Zusammenarbeit der HZ mit anderen Medien aus?

Wir arbeiten oft und gerne mit der deutschen Redaktion des rumänischen Fernsehsenders TVR zusammen, auch mit den lokalen und nationalen Rundfunkredaktionen in deutscher Sprache, aber wir sind auch für andere deutschsprachige Zeitungen immer offen, sowohl im Inland als auch im Ausland. Seit 2 Jahren bin ich sogar Vorsitzende der Internationalen Medienhilfe, eine Arbeitsgemeinschaft, die über 3.000 deutschsprachige Zeitungen außerhalb Deutschlands umfasst.

Wie wird die Zeitung finanziert?

Herausgeber ist die Stiftung Hermannstädter Zeitung, die durch Vermittlung des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien 50 Prozent der Kosten mit dem Departement für interethnische Beziehungen abrechnen kann. Die restlichen 50 Prozent kommen aus dem Freiverkauf, aus Spenden und Anzeigen, die ein wichtiges Einkommen für unsere Zeitung sind. Zugleich ist das auch eine sehr gute Werbung für uns.

Gibt es Beziehungen der HZ zu den Schulen in Siebenbürgen?

In jeder Ausgabe der Hermannstädter Zeitung gibt es eine Junior-Ecke. Diese Rubrik ist hauptsächlich für Schüler im Grundschulalter gedacht. Hier bringen wir Spiele, Informationen, Witze, Sprichwörter, Sprüche und Bilder zum Ausmalen. In der aktuellen Ausgabe dreht sich alles um das Thema Apfel. Es gibt beispielsweise ein Rezept für Apfelkuchen oder auch allgemeine Informationen wie „Der Apfel als Symbol der Liebe“ oder „Der Apfel als Symbol für die Sünde“. Die Junior-Ecke bietet LehrerInnen die Möglichkeit, diese Seite auch im Unterricht einzusetzen, um sie mit spannenden Inhalten zu verknüpfen. Ebenso bietet die Junior-Ecke eine Basis für fächerübergreifenden Unterricht. Die Rätsel motivieren die Schüler, sich aktiv mit einem Thema zu beschäftigen. Sie können dann die Lösung einsenden und ein interessantes Buch oder ein Spiel gewinnen.

Schulklassen rund um Hermannstadt haben die Möglichkeit, die Redaktion der Hermannstädter Zeitung  zu besuchen. Hier sehen Schüler konkret, wie eine Zeitung entsteht. Wenn der Besuch in der Redaktion das Interesse der Schüler geweckt hat, können diese selbst zu Redakteuren werden und kleine Artikel verfassen, die wir auch veröffentlichen.

In jeder Ausgabe der Zeitung wird über aktuelle Ereignisse in den Schulen berichtet: Veranstaltungen, Projekte, Neuigkeiten oder Gemeinschaftsaktionen mit Schulen des Auslandes. Natürlich können Schulen die Hermannstädter Zeitung abonnieren – an den finanziellen Rahmenbedingungen soll ein Abo der Zeitung nicht scheitern, es kann durch Spenden unterstützt werden.

Praktika oder Freiwilligendienste werden von Schülern genutzt, um ihren persönlichen Horizont zu erweitern.

Die Schüler lesen immer weniger Zeitung. Wie könnten wir sie dazu bewegen, sich wieder mit aktuellen Tagesthemen zu beschäftigen?

Die Zeitung hat sich an das digitale Zeitalter angepasst. Man kann die Hermannstädter Zeitung auch im Internet lesen, allerdings nicht alle Beiträge, desgleichen ist sie auch auf Facebook vertreten. Dadurch wird das Medium Zeitung für Jugendliche attraktiv. Ein „Like“ oder das „Teilen“ gilt als Feedback für die Redaktion und die Nachrichten werden weiter verbreitet.

Haben Sie als „Lehrerin in Gedanken“ Tipps für uns?

Ein Vorschlag wäre, alternative Lernformen in den Schulalltag einzubauen. Zum Beispiel Theater im Unterricht einsetzen, das schwierige und teilweise unter den Schülern weniger beliebte Fach Mathematik mit Musik zu verknüpfen und zu vergleichen, oder mehr Bewegung in den sonst so streng getakteten Schultag zu bringen. Ich habe meinen Schülern immer gern mit einem Witz in der Stunde zum Lachen gebracht, oder in jeder Stunde bewusst einen Fehler eingebaut, um ihre Aufmerksamkeit zu testen.

Danke für das Gespräch!

 

Gabriela Hălmaciu, Liliana Hadăr, Ramona Hacman, Susanne Gramke, Unterstaatssekretärin Christiane Cosmatu, Beatrice Ungar, Mihaela Hadăr und Miklós Tencz vor der HZ-Redaktion.                     Foto: Monika HAY

 

 

 

 

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