Von der Komik zum Grotesken

Ausgabe Nr. 2400
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„Die Unterrichtsstunde“ in Premiere am Radu Stanca-Nationaltheater

 

Ein Zimmer. Ein Tisch und ein Stuhl. Mit dem Rücken zum Publikum gedreht, sitzt Constantin Chiriac. Nur diesmal ist er nicht der Leiter des Radu-Stanca-Theaters, er ist der Professor in dem Theaterstück „Die Unterrichtsstunde“ von Eugene Ionesco. Die Vorpremiere des Einakters des in Slatina geborenen Autors wurde am Donnerstag, den 25. September, am Nationaltheater Radu Stanca in Hermannstadt, gezeigt.

 

Der Professor wartet schon geduldig auf seine Schülerin. Hereingetrippelt kommt seine Haushälterin, gespielt von Mariana Mihu Plier, in Geisha-Manier. Auch der Professor trägt einen Kimono und schon bald erkennt man die asiatische Inspiration des Regisseurs Mihai Măniuțiu. Spätestens als die Schülerin, Florentina Țilea, in knapper Schülerinnen-Uniform mit Minirock, den Raum betritt, hat man als Zuschauer ein asiatisches Land als Ort der Handlung vor sich. Auch die Art miteinander zu sprechen und die übertriebene Mimik und Gestik erinnern ein bisschen an das japanische Theater.

Die Schülerin ist als naives, dümmliches sehr kindisches Mädchen dargestellt, das große „Lust zum Lernen“ hat und sich für das „totale Doktorat“ vorbereiten möchte. Nach einigen einleitenden Fragen zur Landeskunde („Paris ist die Hauptstadt von…?“) wird sie im Laufe der folgenden fünfundvierzig Minuten vom Professor zuerst in Arithmetik („Wieviel ist eins und eins?“) geprüft. Die Addition klappt gut, aber beim Subtrahieren versagt sie total. Welche Beispiele der Professor auch immer wählt, welches Anschauungsmaterial er verwendet, ihr Verstand scheint still zu stehen. Verständlich, dass er bei so viel Verstocktheit allmählich die Geduld verliert. Seine Fragen werden rhetorisch, ihre Antworten bockig.

Langsam verändert sich das Bühnenbild. Es erscheinen neun Glasboxen, in denen sich neun Mädchen befinden, die als Geishas gekleidet sind und alle Antworten auf die Fragen des Professors kennen. Die Mädchen symbolisieren die früheren Schülerinnen des Professors. Sie bilden einen Chor und singen etwas auf Japanisch (es könnte auch eine andere asiatische Sprache sein). Die Glasboxen stehen auf Rädern und bewegen sich auch andauernd, was dem Geschehen auf der Bühne sehr viel Dynamik verleiht.

Das anfangs noch so optimistische und wissensbegierige Mädchen wird immer konfuser und immer kleinlauter. Zur Strafe dafür, dass sie die Antworten nicht kennt, wird sie von dem Professor an einen Tisch an Armen und Beinen festgebunden. Sie klagt über zusehends stärker werdende Zahnschmerzen und wird schließlich apathisch, verliert für kurze Zeit ihr Bewusstsein. Der inzwischen wie Mao Zedong gekleidete Professor bewirft seine Schülerin mit Messern, trifft sie jedoch nicht. Anders als in dem Stück von Ionesco stirbt das Mädchen zum Schluss nicht wirklich, sondern wird wie die anderen 9 Schülerinnen in eine Glasbox gesteckt und wird dadurch zur asiatischen Schaufensterpuppe, die roboterähnliche Bewegungen durchführt. Im Hintergrund erscheint Constantin Chiriacs Gesicht, das sich mal in Mao Zedong, mal in Lenin und Stalin verwandelt.

Constantin Chiriac legt wieder einmal eine einzigartige schauspielerische Leistung an den Tag.  Florentina Țilea belegt in diesem Stück ihre erste Hauptrolle. Ihr Auftritt  ist vor allem aus sportlicher Hinsicht – ihre Akrobatik- und Tanzeinlagen auf der Bühne sind bemerkenswert – ein Hingucker. Mariana Mihu Plier spielt die beherrschte Haushaltshilfe, den ruhigen Pol sehr überzeugend.

Das Stück endet wie es begonnen hat. Der Professor setzt sich an seinen Tisch und wartet auf seine nächste Schülerin. „Die Unterrichtsstunde“ beginnt als Boulevardtheater, harmlos und lustig, und endet in der Groteske, in der absurden Grausamkeit eines Psychopaten.

Cynthia PINTER

 

Constantin Chiriac als Professor.              

Foto: Sebastian MARCOVICI

 

 

 

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