„Vielleicht wird das eine Revolution“

Ausgabe Nr. 2401
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Interview mit Klaus Johannis für die Mediengruppe Madsack

 

Kurz vor Beginn der offiziellen Wahlkampagne für das höchste Präsidentenamt in Rumänien besuchte der Berliner Journalist Jan Sternberg Hermannstadt und sprach auch mit Bürgermeister und Präsidentschaftskandidat Klaus Johannis. Unser Kollege hat der HZ das unten stehende Interview dankenswerter Weise zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt.

 

Ihre Stadt ist so schön. Warum wollen Sie ausgerechnet nach Bukarest?

Ich möchte nach Bukarest, um die Politik in Rumänien zu ändern. Die ganze Art und Weise, wie sie gemacht wird. Es gibt zu viel Lärm, zu wenig Analyse. Zu viel Show, zu wenig Resultate. Das möchte ich ändern, und das kann ich ändern.

Sie werben damit, der seriöse Kandidat zu sein. Ein Mann, ein Wort” ist ihr Slogan. Ist das nicht zu langweilig für den aufgeregten rumänischen Wahlkampf?

Es kommt sehr gut an. Dieser Effekt ist für mich nicht neu. So bin ich im Jahre 2000 auch Bürgermeister geworden – entgegen aller Voraussagen. Die Leute haben es satt, dass nur gequatscht und nichts gelöst wird. 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung sind mit dem Gang der Dinge unzufrieden. Von mir wird viel erwartet.

Sie werden aber auch hart attackiert.

Viel dreckiger kann der Wahlkampf nicht mehr werden, das stimmt. Noch nie wurde in Rumänien ein Politiker so lange und so intensiv attackiert wie ich. Tonnen von Abfall wurden über mich ausgeschüttet. Ich gehe darauf nicht ein, das ist unter meinem Niveau. Die Wähler hat das ohnehin nicht besonders beeindruckt.

Ihnen wird vorgeworfen, zu sehr geringen Preisen Häuser in der Stadt gekauft zu haben. Wie reagieren Sie darauf?

Ich besitze drei nicht sehr große Häuser und drei Wohnungen in der Stadt. Ich habe sie gekauft, als Immobilien sehr billig waren, weil so viele der Siebenbürger Sachsen wegzogen. Ich kannte nun einmal die Menschen, die gegangen sind und verkauft haben. So einfach ist das. Ich hatte Ersparnisse, meine Schwiegereltern und meine Eltern haben mich unterstützt. Warum soll ein Kandidat gar nichts besitzen? Ein reicher Mensch bin ich dadurch nicht. Dinge werden aufgebauscht und erfunden, weil ich schlicht nicht angreifbar bin.

Sie werben damit, nach Hermannstadt nun das ganze Land umzukrempeln. Kann eine Touristenstadt von 140.000 Einwohnern wirklich ein Modell für das ganze Land sein?

Ja. Es geht nicht um die Zahl der Kirchtürme, sondern um Förderung und nachhaltige Entwicklung. Die Art, wie ich Investoren nach Hermannstadt geholt habe, ist allgemeingültig. Man muss eine klare Linie fahren, ein verlässlicher Partner sein, Korruption ausschalten. Die Art, Probleme zu lösen, ist auch überall gleich. Egal, ob man eine große Firma führt, eine Stadtverwaltung oder ein Präsidialamt.

Was würden Sie im Präsidialamt ändern?

Ich möchte ein Schiedsrichter zwischen den Institutionen sein. Der amtierende Präsident Traian Băsescu hat sich zehn Jahre lang überall eingemischt, hat sich vor laufenden Kameras mit dem Regierungschef gestritten. Das finde ich nicht gut, das werde ich nicht machen. Ich möchte vermitteln, Leute zusammenbringen. Ich möchte aber auch kein Einzelkämpfer sein. Ich bin Kandidat der Wahlallianz aus Nationalliberalen und Liberaldemokraten. Die Parteien werden nach der Wahl fusionieren. Ich möchte meine Partei an der Regierung sehen. Wir machen einen Plan für mindestens zehn Jahre.

Und nach zehn Jahren sieht das ganze Land aus wie Hermannstadt?

Ich denke schon, dass wir in zehn Jahren eine Menge ändern können, zum Beispiel in den Schulen oder den Krankenhäusern. Das kann nicht nur vom Bildungs- oder Gesundheitsminister ausgehen. Da muss der Präsident eine groß angelegte Debatte anstoßen.

Und wie wollen Sie, wie angekündigt, die Korruption stoppen?

Hier in Hermannstadt habe ich mich hingestellt und gesagt: Ich möchte das nicht. Das geht von oben nach unten. Natürlich sind nicht von heute auf morgen alle unbestechlich geworden. Die Staatsanwälte und Korruptionsbekämpfer haben weiter genug Arbeit. Aber es hilft ungemein, wenn möglichst weit oben jemand sitzt, der nicht korrupt ist.

Wie möchten Sie das Bild Rumäniens in der EU verändern?

Ich war, so weit das mein Charakter zulässt, aufgebracht über die deutsche Debatte, in der die Armutsmigration mit der Freizügigkeit vermischt wurde. Das Problem Rumäniens, dass unsere besten Köpfe gehen, ist weit größer als das Problem der anderen Staaten, dass auch ein paar Zocker mitkommen. In der EU hat Rumänien so gut wie kein politisches Profil. Wie müssen noch sehr viel Lobbyarbeit leisten.

Welche Rolle spielt Ihre deutsche Herkunft im Wahlkampf?

Das spielt eine untergeordnete Rolle. Aber wenn, dann eine positive. In Rumänien nennt man es „eine deutsche Sache”, wenn etwas gut gemacht ist.

Wenn man Menschen auf der Straße nach Ihnen fragt, hört man: Warum ist er nicht in seinem eigenen Land Politiker geworden?”

Ich fühle mich hier zu Hause. Es ist mein Land, meine Heimat. So banal ist es.

Ich möchte das anders fragen: Warum sind Sie in den 80-er oder 90-er Jahren nicht ausgewandert, wie die Mehrheit der Siebenbürger Sachsen?

Ich wollte nie weg. Meine Antwort war immer: Ich bleibe. Diese Antwort hatte ich nicht jemandem zu geben. Die musste ich mir selbst geben.

Ihr Gegenkandidat von den Sozialdemokraten, Premier Victor Ponta, nennt Sie nur ein Aushängeschild, hinter dem die alten Seilschaften der Rechten um den jetzigen Präsidenten Băsescu einfach weitermachen werden.

Die werden sich alle noch wundern. Ich werde etwas bewegen. Ich mag harmlos wirken, aber wenn ich etwas mache, hat das tiefgreifende Folgen.

Also eine neue Revolution?

Nicht wie vor 25 Jahren. Aber ja, vielleicht wird das eine Relution.

Danke für das Gespräch

 

Foto 1: Zum Tag der Deutschen Einheit lud die Deutsche Konsulin Judith Urban am Freitag, den 3. Oktober, Vertreter aus Politik, Kultur, Wirtschaft und Kirche aus ihrem Amtsbezirk zu einem Empfang ins Hilton-Hotel in Hermannstadt ein. In ihrer Ansprache wies sie auch auf die Rolle der deutschen Minderheit in Rumänien für die Förderung der deutsch-rumänischen bilateralen Beziehungen hin. Unser Bild: Konsulin Judith Urban (rechts) begrüßt Bürgermeister und Präsidentschaftskandidat Klaus Johannis und dessen Gattin, Carmen Johannis.                                        

Foto: Fred NUSS

Foto 2: Applaus von den zahlreichen Anwesenden gab es wiederholt bei der Vorstellung des Buches „Pas cu pas" (Verlag Curtea Veche, Bukarest) des Hermannstädter Bürgermeisters, PNL-Chefs und Präsidentschaftskandidaten Klaus Johannis am Freitag der Vorwoche im Innenhof des Rathauses. Johannis gab sich zuversichtlich und sagte u. a.: Alle werden sich noch wundern. Ich werde nämlich gewinnen."              

Foto: Fred NUSS

 

 

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