Die Ordnungsmacht des Wortes

Ausgabe Nr. 2394
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Der siebenbürgische Schriftsteller Joachim Wittstock wird am 28. August 75

 

Der Philologe und Schriftsteller Joachim Wittstock ist in seinem Geburtsort Hermannstadt ungemein präsent, und das auf eine feinfühlig zurückhaltende Weise. Sprichwörtlicher Takt, unnachgiebiger Anspruch" hat Martin Ohnweiler seine Adresse zur Verleihung der Ehrendoktorwürde überschrieben. Diese Haltung macht Joachim Wittstock unauffällig einflussreich. Ich habe ihn in den Jahren 2012/2013 als einen unermüdlichen Kultur-Netzwerker kennengelernt, der über seine Mühen in der Sache nicht klagte, sondern unverdrossen für das angestrebte Ziel wirkte.

 

 

Es ging um die nachhaltige öffentliche Würdigung des Dichters Georg Hoprich (1938-1969) aus Thalheim/Daia. Der hoffnungsvolle Poet hatte sprachlich und thematisch eine neue Dimension für den Ausdruck siebenbürgischen Lebens über ethnische Selbstbegrenzung hinaus erreicht. Letztlich war er an den Verhältnissen im System Ceaușescus zerbrochen. Wittstock hatte den nach einer Gefängnishaft zum Schulsekretär degradierten Pädagogen in Heltau kennengelernt, wo er selbst als Lehrer wirkte. „Man kannte sich", sagte er einmal gesprächsweise. Aus dem fremden Schicksal und der Begegnung mit ihm wurde bei dem Kollegen der „Monolog des Fremden am Fluß, nachdem die Braut sich entfernt hatte", der 1988 in Klausenburg veröffentlicht wurde. Die verschlüsselte Auslegung einer volkstümlichen Ballade von Viktor Kästner (1826-1857) –  und eine literarische Subversion!

Wittstock hält solche Solidarität mit Individuen und die Distanzierung von der Staatsmaschinerie nicht für preiswürdig, sondern erklärt sein Schreiben als Bemühen, Nähe zu unangepassten Positionen wahrzunehmen, ohne dem Staat Anlass zu bieten, den Schreiber aus dem gesellschaftlichen Leben zu entfernen. „/S/chon aus Selbsterhaltungstrieb" – analysiert er – blieben wir  „in unserer Passivität verläßlich, nicht gerade erwünschte, doch relativ willige Untertanen, die nicht konspirativ gegen die Obrigkeit eingestellt waren."

Mit seinem Schreiben versuchte er, Distanz zum Regime zu verbreitern. Sein Hoprich-Text und sein öffentlichkeitswirksames Engagement für den aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein verschollenem Dichter belegen das auch jüngst eindrucksvoll. An der Wiederentdeckung Hoprichs war er initiativ bei Lesungen und aktiv beteiligt im persönlichen Einsatz für dessen posthume Ehrung. Vor dem Hermannstädter Haus mit Gedenktafel für Oskar Pastior (1927-2006) erklärte er z. B. einmal einem Besucher, wie die Tafel in Thalheim beschaffen sein könnte, und warb den zufällig daherkommenden deutschen Generalkonsul sogleich spontan für die Verwirklichung dieses Anliegens, und der Diplomat zeigte sich dem Vorhaben gegenüber aufgeschlossen. Gut zwei Monate vor dem 75. Geburtstag Hoprichs fand die angestrebte öffentliche Ehrung des Dichters statt, und ein Markstein der Erinnerung an den kulturellen Reichtum dieser Region war gesetzt – gegen das Vergessen und damit für die Zukunft.

Dieser Autor steckt also voll anregender Stille. Aus ihr stammt sein Schreiben und Tun. In einer Analyse seines Werkes zum 70. Geburtstag heißt es einmal: „So feinsinnig und zurückhaltend der Gefeierte in seinem Reden ist, so sorgfältig und unaufdringlich ist er auch in seinem Schreiben." Ebensolches kann auch von seinen Aktivitäten gesagt werden, wie gerade zu veranschaulichen gesucht wurde. Das Schreiben umgab ihn von Anfang an; denn sein Vater ist der Schriftsteller Erwin Wittstock (1899-1962), der uns Ostdeutschen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts immerhin durch den Berliner Union-Verlag vermittelt wurde. Sein Sohn ist bis heute der umsichtige Anwalt des  väterlichen Werks. Nach dem Studium der Germanistik und Rumänistik in Klausenburg arbeitete der heutige Jubilar zunächst als Deutschlehrer und Bibliothekar, von 1971 bis 1999 als Literaturhistoriker an einem Forschungsinstitut in Hermannstadt. Er untersucht und ordnet auch jetzt das Labyrinth von Geschichte und Geschichten, um die Leserschaft zu informieren und zu orientieren.  Das macht die Ordnungsmacht des Wortes aus, in dessen Dienst sich Joachim Wittstock stellt. Die binnendeutsche Literatur ist durch die Anerkennung, Integration oder Inklusion, vor allem jedoch:  W a h r n a h m e   der rumäniendeutschen Literatur sagenhaft reicher, vielfältiger und offener, als sie es schon durch die Dominanz der zwischen Wien, Frankfurt/M. und Berlin geschriebenen Bücher ist. Sagen wir es getrost und unverfroren im Indikativ, wenn auch weithin noch nicht einmal der Konjunktiv dieser Realität zur Kenntnis genommen wird! So vermutete eine durchaus aufgeschlossene Redakteurin meiner regionalen Kirchenzeitung vor Jahren, ich wolle die Bekanntheit Wittstocks durch die Popularität Johnsons erhöhen, als ich einmal den Güstrower Autor und den Hermannstädter Jubilar nebeneinanderstellte. Abgesehen von einem solchen konstruktiven Anliegen konnte und kann auch andersherum dem Nordostdeutschen eine Verstärkung des Interesses an ihm durch den Schriftsteller im Südosten Europas nicht schaden.

Geschichte beginnt für Joachim Wittstock nicht erst in der Ferne, sondern ist immer gesellschaftliches Geschehen, sei es alt oder neu. So reagiert er auf die Ereignisse von 1989 mit seiner Erzählung „In der Nachbarschaft". Ein desertierter Securist flieht in das Haus des Ich-Erzählers, der in der Nähe der Residenz von Nicu Ceaușescu wohnt, dem Bezirkschef und Sohn des Staatslenkers. Der Geheimdienstler ist bewegt, wie nahe sich Menschen aus getrennten Kulturkreisen in entscheidenden Momenten kommen können.

In der spürbaren Anbahnung dieses Geschehens nähert sich der Autor bei einer seiner Reisen, die ihn bald bis in den Nahen Osten führen werden, im „Noch-nicht-Dezember des Dezembers" dem Bau, der größer ist als das Pentagon: „Vor uns ragte der Machtblock empor, ein Bau, dessen Grundstein in der Zeit der C-Dynastie gelegt und dessen Mauern im Lauf von Jahren bis zur Riesenflagge hochgestellt worden waren. Die Fahne erschien als der eigentliche Zweck der Betonmassen, des Glases, des gehöhlten und gekrümmten Raumes. Rings ein Platz ungemessener Weite, begrenzt von Hochhäusern, deren Fenster, dienstbeflissen bis in die letzte Etage, hinübersahen zum flatternden Tuch."    

Das Versagen seiner Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien gegenüber den Angehörigen der älteren jüdischen Glaubensgemeinschaft umschweigt er nicht. Er schreibt über die Zeit zwischen Herbst 1945 und Sommer 1946 („Bestätigt und besiegelt. Roman in vier Jahreszeiten", Bukarest 2003). So bietet Wittstock der Nachwelt Material an zur   Bewältigung oder  wenigstens zum Bedenken  der Vergangenheit an. In dem allen wird deutlich, worum es ihm geht: um die uns Menschen in Ost und West, Nord und Süd geschenkte Welt, in seiner Sprache, die jedem theologischen Klischee fern ist: Die uns    a n g e b  o t e n e    Welt. Die Leserschaft darf sich fragen, von wem die Offerte kommt und was sie damit anfängt – jedenfalls, wenn sie das möchte. Seine studentischen Jahre in Klausenburg erzählt er aus diesem Geist heraus in einem siebenbürgischen/rumäniendeutschen Gesellschaftsroman („Die uns angebotene Welt. Jahre in Klausenburg", Bukarest 2007). Dieser veranschaulicht, wie damals der Unstern verbiesterter Ideologen allerorten am europäischen Himmel der nämliche gewesen ist. Diese Erfahrung sollte Völker verbinden wie der Stern der Verheißung, der uns immer noch allen voranleuchtet und nach dem wir in finsteren Zeiten Ausschau halten müssen. In seinem Lichte sollten wir unsere Gemeinsamkeiten entdecken, bevor wir uns in ein neues Ost-West-Schema treiben lassen.Wie trotz Diktatur sich Freiheit  ereignet und junge Liebe aufblüht in dieser nun gerade einmal vorhandenen Herrschaft kommt auch der Leserschaft aus dem näheren Osten vertraut  vor: „Ich war jung, und ich war  verliebt", erklärt der Protagonist des deutschen Films „Sonnenallee" im Rückblick auf sein Leben in der alten DDR.

 Joachim Wittstock wirbt weiterhin für Einsicht durch Offenheit. In seinem Essay-Band „Einen Halt suchen" (Hermannstadt 2009) spricht er sich für die europäische Dimension in allen Landen aus, ohne die eigene Region zu übergehen: Er sammelt in erstaunlicher Breite und Tiefe Fakten zur rumäniendeutschen Literatur und auch speziell zu Hermannstädter Leserunden. „Früh  geschult, spät gereift" nennt  er seine dort  veröffentlichte Kurzbiografie. In demselben Band dokumentiert er voller Empathie auch schmerzliche Konflikte, wenn er z.  B. über die „unaufgelöste Differenz" zwischen Hans Bergel und Eginald Schlattner spricht: „Eine relativ breite Öffentlichkeit wurde an der Auseinandersetzung beteiligt. Überzeugungskunst wurde aufgewandt in den verschiedensten Formen mündlicher und schriftlicher Mitteilung, und dennoch ließ sich keine Einigung herbeiführen. Das ist der Sachverhalt, der als solcher bestehen bleibt, wie immer auch die pro- und kontra-Argumentation aussehen mag" (S. 190f.). Dazu kommen außerdem noch tatsächliche oder vermutete oder verdrängte oder unterschiedlich bewertete Verstrickungen mit der Securitate auch in der Kulturszene. 2012 erschienen in Hermannstadt Geschichten über Häuser, die auch reichlich Einblick gewähren in menschliche Herzen: „Die blaue Kugel. Erzählungen über Hermannstädter Gebäude und ihre Bewohner".

Nach meiner Kenntnis ist Wittstocks Lyrik für uns Heutige nahezu verborgen, aber Carmen Elisabeth Puchianu weiß Bescheid. Ihr ist auch der Hinweis auf drei Verse geschuldet, die Erfahrungen des Dichters und seiner Landsleute vor 1989 zitieren: (…) Grönländisch fegen die Sturmwinde über uns hin./So wächst von Tag zu Tag das Schneerevier,/Die Jagd beginnt, das Wild sind wir.

Wir sind dankbar, dass es anders kam und Joachim Wittstock schreibendes und handelndes Subjekt blieb. „Er ist, wer er ist: Joachim Wittstock, Dichter und Schriftsteller, in Siebenbürgen und in der Welt zu Hause." Gemeinsam mit seiner Ehefrau Ingeborg, geb. Gromen, mögen ihm auch künftig Jahre des Segens beschieden sein.                                 

Jens LANGER

 

 

Joachim Wittstock liest aus dem Band Spiegelsaal".    

Foto: Funkforum

 

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