Was hätte wohl Kafka gesagt?

Ausgabe Nr. 2337
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Vorstellung des Hessischen Landestheaters Marburg

 

Ein Mensch im Affenkostüm spielt Klavier. Er sitzt im Halbdunkel zwischen Theater-Gerümpel in einer Ecke. Abseits, als gehöre er nicht auf die Bühne, gehöre nicht zum Spiel. Die Situation ist rätselhaft, nicht durchschaubar –  kafkaesk.

 Bei der Vorstellung des Hessischen Landestheaters Marburg „Das Urteil und andere Erzählungen" am Donnerstag der Vorwoche im Gong-Theater wurde der Zuschauer hineingezogen in Kafkas Welt, dessen literarische Werke oftmals sonderbar sind. Er spielt darin mit der Absurdität des menschlichen Daseins, das den äußeren Zwängen einer domestizierten Welt unterworfen ist. Ein Leben in Sinnlosigkeit – so scheint es.  

Kafka war von Berufswegen ein einfacher Beamter, arbeitete in einer Versicherungsanstalt. Kein aufregender Beruf – reiner Broterwerb. In seinen Werken spiegelt sich häufig der Wunsch wieder, sich von den autoritären Strukturen der Gesellschaft zu befreien. Aus der Welt, die den Menschen entgegen seiner Neigung zur abhängigen Erwerbstätigkeit verpflichtet. Der Welt seines Vaters. Kafka hatte Zeit seines Lebens ein schwieriges Verhältnis zu ihm. Den Konflikt mit dem Vater verarbeitete er in seinen Werken, wo die Vaterfigur als ein den Sohn unterdrückendes, patriarchalisches Familienoberhaupt dargestellt wird.

In den Erzählungen „Das Urteil“, „Die Verwandlung“ und „Der Heizer“ steht der Vater-Sohn-Konflikt im Vordergrund. Franz Kafka hätte gerne noch zu seinen Lebzeiten die drei Erzählungen in einem Erzählband veröffentlicht gesehen. Nun hat sich das hessische Landestheater Marburg diese als Vorlage genommen und in einer Fassung nach Eva Bormann und Max Meier auf die Bühne gebracht.

Kafkas Werk bietet, wie der französische Schriftsteller Albert Camus sagte, einen großen Interpretationsspielraum. Die Grenzen zwischen der realen Existenz des Individuums und  einer illusorischen Gegenwelt sind in dessen Werken meist fließend. Wie Kafka selbst, bewegen sich auch seine Figuren in einem Dilemma zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Die Protagonisten agieren in teils undurchschaubaren, düsteren, tragikomischen Situationen, die mit dem Verlust des Selbst einhergehen.

In Anlehnung an Kafkas Erzählung „Ein Bericht für eine Akademie“, die von der Menschwerdung des Affen Rotpeter handelt, stellten die Marburger Theatermacher genau diesen inneren Konflikt dar und werfen damit die alten Fragen nach persönlicher Freiheit und Selbstverwirklichung neu auf.  Auf der Bühne ist es aber nicht Rotpeter, der Affe, welcher der Akademie einen Bericht über seine Menschwerdung vorlegt, sondern der Mensch selbst, der sich zunehmend von seiner inneren Natur entfremdet. Der Mensch im Affenkostüm als Sinnbild des domestizierten Menschen.

Georg Bendemann („Das Urteil“), Gregor Samsa („Die Verwandlung“) und Karl Roßmann („Der Heizer) sind ebenso wie der Affe Rotpeter zur Assimilation in die Gesellschaft gezwungen. Georg Bendemann und Gregor Samsa gehen daran zu Grunde, Karl Roßmann wird aus der Gemeinschaft verstoßen.

Auf der Bühne führt die Entfremdung des Menschen von sich selbst zu einer konfusen Rollenaufteilung. Ständige Rollenwechsel, sowie der Wechsel zwischen Erzählerperspektive und Dialog, machen es dem Zuschauer nicht gerade leicht dem Spielgeschehen zu folgen und geben dem Stoff einen komödienhaften Charakter.

„Die Revolte des Sohnes gegen den Vater ist ein uraltes Thema. Es werden darüber Dramen und Tragödien geschrieben, in Wirklichkeit ist es aber Komödienstoff“, schrieb Kafka in einem Brief an Gustav Janouch.

Es ist eine tragische Komödie, denn weder Georg Bendemann, noch Gregor Samsa schaffen es sich gegen die Strukturen der Gesellschaft und den Vater aufzulehnen. Sie scheitern am System und bezahlen mit dem Tod. Ihr Dahinscheiden ist beinahe banal. Georg Bendemann wird von seinem Vater zum Tode durch Ertrinken verurteilt. Er bereitet seinen Tod unter den unablässigen Nörgeleien seines bettlägerigen Vaters vor und verabschiedet sich aus dem Leben, indem er sich plötzlich, fast unerwartet, in einem Bottich Wasser ertränkt. Gregor Samsa schaufelt sein eigenes Grab, direkt neben der Familie, die ihm unbeteiligt dabei zusieht, während sie ihr Essen gelangweilt in sich hineinstopft. Die Schwester kommentiert das Ableben des Bruders mit einem „Na, endlich!“. Die Situation ist grotesk-komisch, das Publikum lacht.  Karl Roßmanns Dasein endet zwar nicht mit dem Tod, jedoch wird der junge Mann, aufgrund einer Affäre aus der ein uneheliches Kind hervorging, von seiner Familie verstoßen und muss ein neues Leben, fernab der Heimat, in Amerika beginnen.

Das Stück endet ernsthaft und nachdenklich. Drei Menschen im Affenkostüm sitzen im Halbdunkel auf einer Bühne und denken über das menschliche Dasein nach. Aus ihnen spricht der Wunsch ein freies, selbstbestimmtes Leben zu führen.  Doch wie viel persönliche Freiheit hat der Mensch innerhalb der Gesellschaft?      

Ulrike BETGE

Schlussszene mit Oda Zuschneid, Stefan A. Piskorz, Timo Hastenpflug und Annette Müller (v. l. n. r.).                             

Foto: Ramon HAINDL

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