„Die Natur hier ist der Wahnsinn“

Ausgabe Nr. 2337
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Letzte Phase des EU-Projekts in Martinsdorf und Mardisch abgeschlossen

 

 

Am Freitag, den 17. Mai, nachmittags war es soweit: mit Eintreffen der sechs Schüler der Städtischen Fachschule für Bautechnik München, dreier Lehrer und der Projektleitung wurde die letzte Phase des EU-Projektes in Mardisch und Martinsdorf eingeläutet. Planmäßig wurde sofort eine Baubesprechung im Pfarrhaus in Martinsdorf abgehalten und im Anschluss fand eine weitere Baubesprechung in der Kirche in Mardisch statt.

 Zurück in Martinsdorf tauschten die Projekteilnehmer bei einem leckeren Abendessen im Gemeindesaal die ersten Eindrücke aus und die für den nächsten Tag anstehenden Arbeiten wurden besprochen. Später wurde die fröhliche Runde aufgelöst, und die Gäste aus München suchten ihre Quartiere bei den einheimischen Gastgeberfamilien auf. Dieses war also der Auftakt eines spannenden Aufenthaltes in Siebenbürgen. Hans Gröbmayr (Projektleitung), Renate Glaser (Organisation und Logistik) und Bernd Drumm (Lehrer der Fachschule München) waren bereits zum vierten Mal und somit von Anfang an dabei. Zwei weitere Lehrer unterstützen das Team: Tom Mayr, der bereits im letzten Jahr das Projekt begleitete und Yvonne Galdys.

Ziel des knapp zweiwöchigen Aufenthaltes war es, einige abschließende Arbeiten an dem Fußboden der Kirche in Mardisch zu erledigen sowie das baufällige Pfarrhaus in Martinsdorf vor dem Verfall zu retten. Zudem sollte es innen wieder so hergerichtet werden, dass es als einfache Unterkunft für z. B. Radtouristen genutzt werden kann.

Die kommende Zeit war ausgesprochen arbeits- und ereignisreich. So waren die Dachziegel des Pfarrhauses auf einer großen Fläche entfernt worden und es stellte sich heraus, dass nicht nur Dachlatten ausgetauscht, sondern auch dringend tragende Elemente in der Dachkonstruktion ertüchtigt werden mussten. Eine gigantische Aufgabe! Bei dem Anblick des riesigen Lochs, das auf beiden Seiten in dem Dach klaffte, konnte einem doch recht mulmig werden. Dies umso mehr, da sich eine finstere Regenfront anbahnte.

In den letzten Jahren war an einigen Stellen Regen durch das undichte Dach eingedrungen und hatte den Deckenputz in einigen Räumen massiv beschädigt. Hier wurde der schadhafte Putz entfernt und die Decke ausgebessert. So mancher Raum, der zugemüllt und dadurch unansehnlich war, wurde aufgeräumt, geputzt und mit etwas Farbe wieder hübsch hergerichtet. So beispielsweise das Badezimmer und die alte Speckkammer.

Recht zeitaufwändig waren die unzähligen Besorgungsfahrten in die nächstgelegenen Baumärkte nach Agnetheln oder Marktschelken, die Yvonne Galdys trotz rumänischer Straßen- und Verkehrsverhältnisse unerschrocken und erfolgreich absolvierte. In dem seit Jahren vernachlässigten Gebäude lauerte so manche Überraschung, die immer wieder zusätzliches Material erforderlich machte. Eine solche Überraschung war unter anderem die in Teilen marode Elektrik im Pfarrhaus. Hier erfolgte ehrenamtliche Hilfe von Kai Hufenbach aus Hannover, der sich zu der Zeit gerade in Martinsdorf im Urlaub befand.

Es gäbe noch viel Interessantes über die „Münchener Wochen in Martinsdorf“ zu berichten! Tatsächlich haben es die Elf aus München mit ihrem unerschütterlichen Optimismus, ihrem nicht nachlassenden Engagement und Unmengen von Herzblut geschafft, trotz einiger Rückschläge und so mancher Unwägbarkeiten nicht nur das Dach des Pfarrhauses wieder dicht zu bekommen, sondern noch weitaus mehr zu bewerkstelligen. Tatkräftig unterstützt wurden sie dabei von einheimischen Helfern in Mardisch und in Martinsdorf. So konnten die verwitterten Stützpfeiler am Pfarrhaus sowie ein Wandbogen im Haus neu gemauert werden. Der Aufgang zum Dachboden bekam eine neue Treppe mit Handlauf und auf dem Dachboden wurde ein „Laufsteg“ zum neu geschaffenen Aussichtsplateau im Turm gebaut. Auf diese Weise können zukünftige Besucher den spektakulär schönen Ausblick über Martinsdorf und das Kaltbachtal gefahrlos genießen.

Weitere Informationen und jede Menge tolle Fotos finden Sie übrigens auf der Internetseite der Fachschule für Bautechnik in den Tagesberichten, die von Bernd Drumm in unterhaltsamer Art verfasst wurden: www.fs-bau-muenchen.de unter dem Punkt „Projekte“.

Besonderer Dank gebührt Hans Gröbmayr, dem Projektleiter, der die zwei jeweils 50 Seiten starke Projektanträge geschrieben hat. Ihm ist es maßgeblich zu verdanken, dass die EU die Hauptfinanzierung des Projektes in Höhe von rund 110.000 Euro leistete. Hinzu kamen weitere Spendengelder z. B. von der bayerischen Staatsregierung, die ebenfalls Hans Gröbmayr akquirieren konnte. Sogar zu seinem Geburtstag letztes Jahr wünschte er sich von seinen Gästen statt Geschenken Geld für das Siebenbürgen-Projekt. Für ihn ist es wichtig, dass das wertvolle Kulturgut erhalten wird. „Die weltweit einzigartigen Besonderheiten hier müssen als solche erkannt, geschätzt und geschützt werden. Wichtig ist es, die Eigenheiten zu bewahren und nicht die „Mc Donald’s-Kultur“ zu übernehmen“, so Hans Gröbmayr. Und weiter ergänzt er: „Ich würde mich freuen, wenn die Arbeiten hier fortgesetzt werden würden! Und natürlich würde ich gerne wiederkommen, aber eine Projektleitung ist für mich zukünftig nicht ohne Weiteres möglich, da ich eine neue Aufgabe außerhalb der Schule übernommen habe.“ „Es wäre schön“, so sagt er, „wenn die Projektleitung an jüngere Lehrer abgegeben werden könnte.“

Dass der diesjährige Aufenthalt aller Projektteilnehmer ausschließlich in privater Zeit – also während der Ferien und im Urlaub – stattgefunden hat, ist keineswegs selbstverständlich und verdient große Anerkennung.

„In den Pfingstferien hätte ich auch arbeiten und Geld verdienen können. Es war mir aber wichtiger, hierher zu kommen“, sagte Elias Bohsung und sprach damit auch für seine Mitschüler, denen das soziale Engagement sehr am Herzen liegt und denen interkulturelle Erfahrungen wichtig sind.

Georg Gruber hob hervor: „Ich bin positiv überrascht. Die Lage vor Ort ist gar nicht so schlimm, wie ich es mir vorgestellt hatte. Die rumänische Küche schmeckt mir sehr gut und die Leute hier sind alle sehr gastfreundlich.“

Mit einem weiteren Zwischenresümee meldete sich Thomas Baumgartner zu Wort: „Mir gefällt es hier sehr gut. Die Natur ist hier der Wahnsinn. Ich fühle mich hier willkommen und ich habe den Eindruck, dass den Einheimischen unsere Arbeit hier vor Ort gefällt.

„Schade, dass der Müll achtlos in die Landschaft geworfen wird. Ich würde mir wünschen, dass mehr Bewusstsein in der Bevölkerung entsteht für ihren Lebensraum und dieser mit ein bisschen ‚Spucke‘ etwas wohnlicher und freundlicher werden würde“, gab Georg Raig zu bedenken.

„Mir gefällt es hier brutal gut“, bemerkte Leonhard Haider begeistert. Und weiter: „Ich bin positiv überrascht, da sich die Vorurteile, die man aus Deutschland kennt, nicht bestätigt haben.“

Als besonders positiv ist allen die gute Zusammenarbeit mit den Einheimischen aufgefallen. Dazu Bernhard Schmid: „Die Leute hier sind sehr nett und fleißig. Ich wünsche mir, dass hier weitergearbeitet wird, auch wenn wir nicht mehr da sind.“

Trotz vorhandener Sprachbarriere klappte es mit der Kommunikation bestens, und die Stimmung war prima. Die gemeinsamen Abendessen an der langen Tafel im Gemeindesaal und bei schönem Wetter draußen verstärkte das Zusammengehörigkeitsgefühl aller zusätzlich. Bei gutem Wetter gab es abends ein romantisches Lagerfeuer hinter dem Pfarrhaus. Hier konnte sich jeder, der wollte, in entspannter und oft ausgesprochen lustiger Runde austauschen oder dem zünftigen Ziehharmonika-Spiel von Tom Mayr lauschen.

Zu guter Letzt nun ein Zitat von Renate Glaser, das auf ein baldiges Wiedersehen hoffen lässt: „Das Land und speziell das Kaltbachtal lassen mich nicht mehr los!“

Gerne möchte ich die Gelegenheit nutzen und mich bei allen „Martinsdorfer Münchenern“ von Herzen für die fantastische Zeit bedanken, die wir gemeinsam in Martinsdorf verbracht haben. Diese wunderbaren Tage haben mich sehr beseelt und bereichert.

Moni SCHNEIDER-MILD

Foto: Beim Abendessen im Gemeindesaal.                                        

Foto: Privat

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