Echos einer Begegnung nach 45 Jahren am Samuel von Brukenthal-Gymnasium
Ausgabe Nr. 2982

„Jugend-Echo“ – so hieß die Schülerzeitung, die ab 1979 erschien und die unter Anleitung der Deutschlehrer von Schülern gestaltet wurde. Das fiel mir ein, während ich über den Huetplatz zum Schulhof des Samuel von Brukenthal-Gymnasiums in Hermannstadt ging, um meine Klassenfreunde wieder zu treffen. Ja, da waren sie und wie ein Echo aus der Jugend erreichten mich die freudigen Begrüßungen im Schulhof.
Das Echo wischte für einen Augenblick all die Jahre dazwischen weg und glättete auf wundersame Weise für einen Moment alle Falten in den Gesichtern. Die Zeit schien für einen Augenblick still zu stehen und es öffnete sich der Raum der Erinnerung: Erinnerungen an erste und letzte Schultage begleitet von der Blasia, an Aprilscherze – als z. B. das Fahrrad von Bübe aus dem Fenster des Treppenhauses hing, Madrigalabende im Kerzenschein, an Fasching und Skilager, an Hüttenabende, Ausflüge in die Berge, Konzerte der Solaris Band. Kurze Bilder aus dem Pausenhof tauchten auf… Wie aus dem Nichts wurde auf einmal vieles lebendig: Schönes und auch weniger Schönes, war es doch eine Zeit, in der die Grenzen sehr eng gesteckt waren und die Schulleitung manchen Drahtseilakt machen musste, um die Freiheit für uns zu erhalten. Wie alle Jugendlichen testeten wir Grenzen und damit auch das pädagogische Geschick der Lehrer aus. Wir lernten, dass die Fähigkeiten im Umgang mit Jugendlichen unter den Lehrkräften sehr unterschiedlich verteilt war und entsprechend unserer vielfältigen Individualität, auch unterschiedlich erlebt wurde. Vielleicht war das ein Teil der Freiheit, die wir nicht bewusst erlebten: dass wir als Lernende zwar gefordert wurden aber als junge Menschen eigene Sichtweisen entwickeln und äußern durften. Dass das etwas Besonderes war, erfuhr ich als Studentin in Klausenburg, als einer meiner Hochschullehrer sagte: „Sie kommen wohl aus der Schule, in der die Schüler lernen, eine eigene Meinung zu haben…“ („Dumneavoastră veniți din școala unde elevii învață să aibe o opinie…”)

Statt den beiden verstorbenen Klassenlehrern – Prof. Oliver Konnerth (12. A) bzw. Prof. Horst Kolassovits (12. B) – hielten Prof. Volker Hermann (Bildmitte) und Prof. Annemarie Städter (rechts) die Klassenstunde, nachdem Schulleiterin Monika Hay (links) alle begrüßt hatte.
Die Turmuhr schlug – und alle bewegten sich auf den Eingang zu. Nachdem jeder in der Aula seinen Platz gefunden hatte erzählte uns die Schulleiterin Monika Hay von all dem, was getan wird, um den Geist der Schule zu erhalten. Es berührte uns alle, zu hören, welch spannende Projekte die Schüler dieser Schule heute machen können. Und wie beim Echo flossen Vergangenheit und Gegenwart ineinander: Auf einmal war alles gleichzeitig da. Für einen zeitlosen Augenblick war jeder mit seinen eigenen Erinnerungen beschäftigt und die meisten von uns äußerten ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit, für alles, was die Schule uns ermöglicht hat.
Ist es das, was uns bis heute verbindet? Ist es das gemeinsame Erleben des Abenteuers, in der Diktatur Freiheit zu gestalten? Waren es gerade die Grenzen der äußeren Welt, die uns forderten, über den Tellerrand hinaus zu denken, um mit den Einschränkungen besser umzugehen? Unsere Lehrer muteten uns einiges zu: Sie forderten uns im Unterricht und ermöglichten es uns, auf Ausflügen eigene Grenzen zu testen, in der Natur unsere eigene Kraft zu erfahren. Damals haben wir das so sicher nicht erkannt. Jeder von uns ist seinen Weg gegangen. Und dennoch gibt es etwas, das uns alle verbindet: ein Echo, aus einer Zeit, als wir uns an das Lebendige in uns nicht erinnern mussten… ein Echo, das uns noch heute gern miteinander feiern lässt, ein Echo das die Erinnerung zum Speicher von Lebenskraft und Energie werden lässt. Ist das der Geist dieser Schule? Ist es das, was Klassentreffen so wertvoll macht?
Ursula SCHULLERUS