33. Astra Film Festival krönte am Samstagabend die Gewinner im Thaliasaal
Ausgabe Nr. 2982

Im Szenenfoto aus „Lenin’s Pawn“, Regie Dragoș Turea, protestiert der Schauspieler Sergiu Voloc gegen die Lenin-Denkmäler, die noch überall in der Republik Moldova stehen. Der Film gewann den Preis für beste Regie in der Kategorie „Rumänien“.
Bei der 33. Ausgabe des Astra Film Festivals wurde Hermannstadt zwischen dem 17. und 25. Oktober erneut zum Treffpunkt für Menschen, die sich für Dokumentarfilme und die großen Fragen unserer Zeit interessieren. Volle Kinosäle, intensive Gespräche und ein Publikum, das nach den Vorführungen noch lange bleiben wollte, prägten das Festival. Die Filme erzählten u. a. von familiären Traumata, Krieg, politischer Verfolgung, Menschenhandel und den Herausforderungen des Bildungswesens. Sie machten deutlich, warum Dokumentarfilmfestivals heute wichtiger sind denn je: Sie geben Menschen eine Stimme, deren Geschichten sonst häufig ungehört bleiben, und schaffen einen Raum für Austausch, Verständnis und kritisches Nachdenken.
Ein Dokumentarfilm kann historische Ereignisse erklären, politische Zusammenhänge sichtbar machen oder einen Menschen über längere Zeit begleiten. Seine besondere Stärke liegt jedoch darin, dass er komplexe Themen auf konkrete Lebensgeschichten herunterbricht. Das wurde bei der diesjährigen Ausgabe des Astra Film Festivals (AFF) besonders deutlich.
Einer dieser Filme war „Something Familiar“ von Rachel Tâpârjan, in dem das Publikum zu sehen bekam, wie stark die Erfahrungen der Eltern und Großeltern unser eigenes Leben prägen können und dass wir Verhaltensmuster übernehmen können, die lange vor unserer Geburt entstanden sind. Ausgangspunkt des Films ist die Geschichte von Mihaela, einer Frau, die Rachel um Hilfe bei der Suche nach ihrer leiblichen Mutter bittet. Die beiden reisen gemein sam nach Rumänien und kehren an den Ort zurück, an dem sie beide adoptiert wurden. Doch die Suche nach Mihaelas Mutter wird auch für Rachel zu einer Reise in die eigene Vergangenheit. Dabei stößt sie auf eine schmerzhafte, von Missbrauch und Ausbeutung geprägte Familiengeschichte. Der Film verbindet persönliche Tagebuchaufnahmen, beobachtende Dokumentarbilder und gestellte Szenen.

Der Film war damit auch ein Ausgangspunkt für den Doctalk zum Thema transgenerationale Traumata mit Cătălina David, Traumapsychotherapeutin, Andrada Lupșe, Psychologin, Elena Martin, Produzentin des Films und Ramona Ursu, Journalistin und Moderatorin. Im Mittelpunkt stand die Frage, ob und wie sich solche weitergegebenen seelischen Verletzungen verarbeiten lassen.
Der Doctalk machte deutlich, wie wichtig es ist, über solche Erfahrungen zu sprechen. Die Beschäftigung mit der Vergangenheit soll dabei nicht in Schuldzuweisungen münden, sondern Verständnis ermöglichen. Gerade die Verbindung zwischen Film und anschließendem Gespräch entsprach dem Anliegen des Festivals: Nicht nur Geschichten zu zeigen, sondern auch einen Raum zu schaffen, in dem ihre Bedeutung gemeinsam ausgelotet werden kann.
Ein weiterer sehenswerter Film im Festival war „Birds of War“ von Janay Boulos und Abd Alkader Habak, der in die Realität des Krieges in Syrien führt. Die gemeinsame Arbeit der beiden Filmemacher verbindet journalistische Beobachtung mit einer persönlichen Perspektive auf einen Konflikt, der Millionen Menschen das Leben gekostet oder ihre Heimat genommen hat. Der Titel lässt an Vögel denken, die sich frei über Grenzen hinweg bewegen können. Doch für Menschen in einem Kriegsgebiet ist Freiheit alles andere als selbstverständlich. Der Alltag wird von Gewalt, Unsicherheit und der Frage bestimmt, wie es weitergehen soll. Solche Filme sind wichtig, weil Nachrichtenbilder häufig nur einzelne Ereignisse zeigen. Ein Dokumentarfilm kann dagegen Zusammenhänge herstellen und länger bei den Menschen bleiben, deren Leben durch den Krieg verändert wird. Er erinnert daran, dass hinter politischen Entscheidungen und militärischen Auseinandersetzungen persönliche Schicksale stehen.
Zurück nach Rumänien und in die Vergangenheit des Landes führte der Dokumentarfilm „The Exported: The Dark Trade of the Cold War“ von Pierre Goetschel, der den geheimen Handel mit Juden aus Rumänien während des kommunistischen Regimes untersucht. Der Film lenkt die Aufmerksamkeit auf ein System, in dem die Freiheit des Einzelnen nicht selbstverständlich war. Für die Betroffenen ging es um grundlegende Fragen: das Recht, das Land zu verlassen, die Möglichkeit, mit Angehörigen zusammenzuleben, und die Hoffnung auf ein Leben ohne staatliche Einschränkungen. Die historische Aufarbeitung solcher Vorgänge ist mehr als eine Beschäftigung mit der Vergangenheit. Sie hilft zu verstehen, wie autoritäre Systeme funktionieren und welche Folgen es hat, wenn Menschenrechte politischen Interessen untergeordnet werden.
Nicht alle Filme behandelten Themen wie politische Konflikte oder historische Verbrechen. „Days of Wonder“ von Karin Pennanen wählte einen persönlicheren, spielerischen Zugang. Ausgangspunkt ist das künstlerische Werk ihres verstorbenen Onkels. Bei der Beschäftigung mit dessen Hinterlassenschaft entsteht nach und nach das Bild eines ungewöhnlichen Mannes und einer finnischen Familie. Was zunächst wie eine Recherche über Kunst erscheint, entwickelt sich zu einer intimen Annäherung an eine Persönlichkeit, deren Wünsche und Sehnsüchte sich nicht vollständig in ihrem Werk erschöpfen. Der Film zeigt, wie eng Kunst, Erinnerung und Familiengeschichte miteinander verbunden sein können. Ein Nachlass besteht nicht nur aus Bildern, Gegenständen oder Dokumenten. Er kann auch Fragen hinterlassen, auf die es keine eindeutigen Antworten mehr gibt.
Die internationale AFF-Jury würdigte „Days of Wonder“ mit dem Preis für die beste Regie im Wettbewerb „Emerging Voices of Documentary Film“. Sie hob insbesondere das spielerische Porträt eines rätselhaften Mannes hervor, der sich nach Liebe sehnt.
Wie frei können Journalisten arbeiten, wenn politische Interessen, wirtschaftlicher Druck und Konflikte innerhalb der eigenen Redaktion ihre Arbeit bestimmen? Dieser Frage widmet sich „80 Angry Journalists“ von András Földes und Anna Kis. Der Dokumentarfilm führt nach Ungarn ins Jahr 2020, als das Nachrichtenportal Index.hu, eines der wichtigsten unabhängigen Online-Medien des Landes, zunehmend unter politischen Einfluss gerät. Als der Konflikt um die Kontrolle über die Redaktion eskaliert, ziehen die Journalisten eine drastische Konsequenz: Sie kündigen geschlossen. Für viele bedeutet diese Entscheidung, einen sicheren Arbeitsplatz und eine etablierte journalistische Plattform aufzugeben. Zugleich wollen sie verhindern, dass ihre Arbeit zum Sprachrohr politischer Interessen wird. Sie gründen das neue Nachrichtenportal Telex.hu. Der Film begleitet sie durch diesen Umbruch und zeigt, dass der Aufbau eines unabhängigen Mediums nicht automatisch alle Probleme löst. „80 Angry Journalists“ zeigt, dass unabhängiger Journalismus nicht allein vom Mut einzelner Reporter lebt. Er braucht auch Institutionen, die ihre Unabhängigkeit schützen, und eine Gesellschaft, die bereit ist, diese Arbeit zu unterstützen.
Ein besonders schwieriges Thema wird im Doku „Child Trafficking“ von Olivier Ballande angesprochen, in dem es um den Handel mit Kindern und deren Ausbeutung geht. Hunderte Diebstähle in der Pariser U-Bahn führen die französische Jugendpolizei auf die Spur eines Menschenhandelsnetzwerks mit Verbindungen nach Rumänien. In seinem Dokumentarfilm begleitet Olivier Ballande die Ermittlungen, die schließlich bis nach Jassy/Iași führen. Die Ermittler entdecken, dass die rumänischen Kinder nicht einfach für sich selbst stehlen. Das erbeutete Geld wird an ihre Eltern weitergegeben und nach Rumänien gebracht, um unter anderem sogenannte Ehrenschulden zu begleichen. Gemeinsam mit der rumänischen Polizei versuchen die französischen Ermittler, die Strukturen des Netzwerks aufzudecken. Der Film gehörte zu den Produktionen des thematischen Festivalprogramms, die den Blick auf gesellschaftliche Probleme richteten, über die öffentlich oft zu wenig gesprochen wird.
Beim anschließenden Doctalk zum Thema „Schulabbruch und institutionelles Versagen“ sprachen Mircea Miclea, Professor für Kognitionswissenschaften an der Babeș-Bolyai-Universität Klausenburg und ehemaliger Bildungsminister, Radu Burnete, Präsidialberater für Wirtschafts- und Sozialpolitik und Răzvan Petri, Journalist beim Investigativmedium Recorder, der die Diskussion auch moderierte.
Miclea stellte einen Zusammenhang zwischen fehlender Bildung, sozialer Ausgrenzung, gesellschaftlichen Wertvorstellungen und der Ausbeutung von Kindern her. Zugleich kritisierte er politische Entscheidungen, die langfristige Folgen für das Bildungswesen nicht ausreichend berücksichtigen. Er warnte innerhalb des Gesprächs, dass in kleineren Städten zunehmend Lehrkräfte für Mathematik, Physik, Chemie und Biologie fehlen. Die Erhöhung der wöchentlichen Unterrichtsverpflichtung von 18 auf 20 Stunden verschärfe das Problem: Für Lehrer auf dem Land bedeute das nicht einfach zwei zusätzliche Unterrichtsstunden, sondern häufig eine zusätzliche Fahrt zwischen mehreren Schulen. Er formulierte seine Warnung drastisch: „Bald werden wir keine Lehrer mehr haben.“ Außerdem schlug Miclea vor, die Auszahlung von Sozialhilfe an bestimmte Bildungskriterien zu knüpfen. Konkret ging es darum, dass Familien die Unterstützung nur erhalten sollten, wenn ihre Kinder mindestens 90 Prozent des Unterrichts besuchen. Die Idee dahinter: Der Staat soll nicht nur finanzielle Hilfe leisten, sondern zugleich dafür sorgen, dass Kinder tatsächlich Zugang zu Bildung erhalten. Eine ähnliche Maßnahme war bereits 2025 bei den Verhandlungen über das Regierungsprogramm diskutiert worden, fand damals aber keinen politischen Konsens. Diese und andere Tatsachen seien Grund für den häufigen Schulabbruch in Rumänien.
In „N-am mai simțit de mult o primăvară“ (Schon lange kein Frühling – Mein Vater, Rumänien und ich) begibt sich Alexandra Bidian mit Mutter und Schwester auf eine Rumänienreise, zum ersten Mal nur zu dritt, auf die Spuren ihres verstorbenen Vaters. Briefe, Fotos und Dokumente führen sie zurück ins kommunistische Rumänien, aus dem er als Dissident geflohen war. Alte Aufnahmen verflechten sich mit den neuen Aufnahmen, insbesondere die erzählten Erinnerungen ihrer Mutter. Mit jeder Entdeckung wird das Bild des Vaters gleichzeitig klarer und rätselhafter. Der Film erzählt leise und persönlich davon, wie Erinnerungen weiterleben und wie eine Familiengeschichte von Verlust und politischem Umbruch geprägt wird. Auf Nachfrage des Publikums wurde der Film drei Mal gezeigt. Für die junge Regisseurin bedeutete diese Reise nicht nur eine Suche nach Antworten, sondern auch der Beginn eines neuen Lebens, denn inzwischen zog sie nach Rumänien, wo sie in Sibiel auch ihre Wurzeln hat.
Aus Rumänien ging die Doku-Reise wieder nach Deutschland mit dem Film „The Spies Among Us“ (2025) von Jamie Coughlin Silverman und Gabriel Silverman, der nicht von Spionen im Allgemeinen handelt, sondern von einem konkreten Familiengeheimnis aus der Zeit der DDR: Ein Mann entdeckt, dass sein eigener Bruder die Familie an die Stasi verraten hat. Der Film führt vor Augen, dass die Stasi nicht allein politische Gegner beobachtete. Ihre Macht reichte bis in Familien und Freundeskreise, in denen Menschen einander nicht mehr uneingeschränkt vertrauen konnten. Für die Betroffenen endete die Belastung nicht unbedingt mit dem Ende der DDR: Verrat und Misstrauen hinterließen Spuren, die bis in die Gegenwart reichen. Besonders eindringlich sind die Begegnungen zwischen Keup und ehemaligen Stasi-Offizieren. Statt nur historische Dokumente auszuwerten, sucht er das direkte Gespräch mit denjenigen, die das Überwachungssystem getragen haben. Dabei geht es um Schuld, persönliche Verantwortung und die Frage, ob sich die Entscheidungen von damals im Nachhinein erklären oder rechtfertigen lassen.
Der Dokumentarfilm fügte sich damit in das Programm des Festivals ein, das politische Macht und ihre Auswirkungen auf das Leben des Einzelnen aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtete.
Am letzten Festivalstag konnte man einen traurig-skurrilen Film erleben.
Der 90-minütige Film „Replica“ von Chouwa Liang begleitet drei junge Frauen aus China, die romantische Beziehungen zu virtuellen Partnern führen, die mithilfe künstlicher Intelligenz geschaffen wurden. Diese digitalen Gefährten sind für sie mehr als bloße Chatbots: Sie werden zu Liebhabern, Vertrauten und emotionalen Stützen. Die Frauen teilen mit ihnen persönliche Gedanken, suchen Trost und führen Gespräche, die in einer menschlichen Beziehung vielleicht schwieriger wären.
In „Lenin’s Pawn“ begleitet der moldauische Regisseur Dragoș Turea den Schauspieler Sergiu Voloc bei seinem Kampf gegen die verbliebenen Lenin-Denkmäler in der Republik Moldova. Voloc arbeitet zunächst in einem Museum mit sowjetischen Erinnerungsstücken. Doch während er dort Lenin verkörpert, wächst in ihm der Wunsch, die Symbole jener Vergangenheit aus dem öffentlichen Raum zu entfernen. Er beginnt, auf eigene Faust gegen die Monumente vorzugehen. Sein Protest entwickelt sich zu einer absurden Auseinandersetzung mit einem System, das die Denkmäler scheinbar über Nacht wieder aufbauen lässt. Der Film zeigt, dass der Umgang mit der Vergangenheit nicht allein durch das Entfernen von Symbolen entschieden wird. Die AFF-Jury zeichnete Dragoș Turea für die beste Regie in der Kategorie „Rumänien“ aus. Sie würdigte das humorvolle und lebendige Porträt eines Mannes, dessen Mission eine umfassendere Diskussion über Geschichte und Generationenkonflikte eröffnet.
Als bester rumänischer Film wurde „A Train Passes Every Day and It Never Stops“ von Vlad Petri auserkoren. Darin porträtiert Vlad Petri ein abgelegenes Dorf in Siebenbürgen, in dem ein Todesfall die Menschen zusammenführt. Zwischen Beerdigungsritualen, Gesprächen mit den Totengräbern und dem Dorffriseur blitzt immer wieder ein überraschend schwarzer Humor auf: Selbst beim Reden über Tod und Selbstmord wird mitunter trocken gewitzelt, u. a. darüber wie es wäre wenn die hinterbliebene Witwe einen Diamanten aus dem Leichnam machen ließe, den sie dann immer bei sich tragen könnte. Gerade diese Mischung aus Trauer, Klatsch und schrägen Alltagsbeobachtungen macht den Film so menschlich und zeigt, dass in diesem Dorf selbst der Tod nicht ohne eine Prise Humor auskommt.
Im Wettbewerb für mittel- und osteuropäische Dokumentarfilme wurde „To Hold a Mountain“ von Biljana Tutorov und Petar Glomazić als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet. Was zunächst wie eine Geschichte über den Schutz einer traditionellen Lebensweise erscheint, entwickelt sich zu einem eindringlichen Porträt der Beziehung zwischen Mutter und Tochter. Der Film verbindet Fragen nach Heimat und Mutterschaft mit Gewalt gegen die Natur und häuslicher Gewalt.
Im Wettbewerb „Emerging Voices of Documentary Film“ erhielt „If Pigeons Turned to Gold“ von Pepa Lubojacki den Preis für den besten Dokumentarfilm. Die Jury lobte den einfallsreichen filmischen Zugang und die Verbindung von Humor und Menschlichkeit.
Im Wettbewerb DocSchool wurde „Sassy Spartans“ von Maud Mascré als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet. Eine besondere Erwähnung erhielt „Amma, Do Giraffes Cry?“ von Kartikeya Saxena.
Ob Familientraumata, Krieg, Menschenhandel, politische Vergangenheit oder Bildungsprobleme – die Filme des AFF eröffneten unterschiedliche Perspektiven auf eine Welt, in der persönliche Schicksale und gesellschaftliche Entwicklungen eng miteinander verbunden sind. 35 Filme des Astra Film Festivals können übrigens zurzeit online gesehen werden unter https://on line.astrafilm.ro/
Cynthia PINTER
Ruxandra STĂNESCU