„Wir müssen die Normalität pflegen“

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Festrede von Dr. Paul-Jürgen Porr beim 22. Hermannstädter Treffen in Dinkelsbühl

Ausgabe Nr. 2975

Gabriel Tischer, Werner Kloos, Stellvertretender Vorsitzender des Verbands der Siebenburger Sachsen in Deutschland, Paul Kuttesch, Dagmar Zink, Dr. Paul-Jürgen Porr und Sebastian Arion (v. l. n. r.).     Foto: DFDH

An dem 22. Hermannstädter Treffen, das unter dem Motto „Heimat ergänzt – hier und dort“ vom 4. bis 6. September in Dinkelsbühl stattgefunden hat, hat auch eine Delegation des Demokratischen Forums der Deutschen in Hermannstadt teilgenommen: der DFDR-Vorsitzende Dr. Paul-Jürgen Porr, der DFDH-Vorsitzende Gabriel Tischer, der stellvertretende Kreisratsvorsitzende Paul Kuttesch, DFDH-Vorstandsmitglied und der DFDH-Kulturreferent Sebastian Arion. Den Festakt gestalteten der Chor „Cantores Cibiniensis“, das Cello-Duo Georg Ongyert und Volker Potoradi und Pianist Andrei Preda mit. Es folgten die Vorstellung der Anthologie „Geschichten Hermannstadts“, ein Konzert der „Lidertrun” und ein Ball mit Ricky Dandel und seiner Band. Den Abschluss bildete der Sonntagsgottesdienst. Ein Höhepunkt war die Verleihung der Goldenen Ehrennadel des HOG-Verbandes an Dagmar Zink durch Maria Bauer. Sie würdigt besondere Verdienste um das Siebenbürger Sachsentum. In unserer nächsten Ausgabe bringen wir einen ausführlichen Bericht.

Lesen Sie im Folgenden die Festrede zum Motto, die Dr. Paul-Jürgen Porr. gehalten hat:

 

Es ist mir eine große Freude und besondere Ehre, heute hier die Festrede halten zu dürfen – und das als Nichthermannstädter. Ich möchte mich dafür bei unserer Dagmar ganz herzlich bedanken!

Sie treffen sich regelmäßig, mal hier in Dinkelsbühl, mal zu Hause in Hermannstadt. Viele sagen – mal in der neuen, mal in der alten Heimat. Eigentlich ist es mit der Heimat wie mit der Mutter: es gibt nur eine! Sie haben das mit dem heurigen Motto diesbezüglich ganz dialektisch gelöst: „Heimat ergänzt – hier und dort“.

Aber was bedeutet Heimat? In „Tausend und ein Tag im Orient“ heißt es: „Wohl oft fand ich, was Aug‘ und Herz ergötzte, doch nie, was meine Heimat mir ersetzte“. Für Wieland bedeutet Heimat: „Du kleiner Ort, wo ich das erste Licht gesogen, den ersten Schmerz, die erste Lust empfand, sei immerhin unscheinbar, unbekannt, mein Herz bleibt doch vor allem dir gewogen, fühlt überall zu der sich hingezogen, fühlt selbst im Paradies sich noch aus dir verbannt“. Die alten Römer waren da schon weniger sensibel: „Ubi patria, ibi bene“- (Dort wo es dir gut geht, da ist dein Vaterland) und auch Schiller sieht den Begriff Heimat relativ: „Der wackre Mann findet überall eine Heimat“.

Für Hermannstädter ist Heimat die Stadtpfarrkirche, wo viele von Ihnen getauft, konfirmiert und getraut wurden, die Lügenbrücke und der Große Ring, die Hartenecktürme und die Pempflingerstiege, der Junge Wald und der „Römische“, aber auch die „urdă“ aus der Mărginime und die Straßenbahn nach Rășinari. Im erweiterten Sinne ist Heimat für Hermannstädter auch selbstverständlich die Hohe Rinne und die Fogarascher Berge.

Hermannstadt hat der Welt viele berühmte Leute gegeben wie Hermann Oberth oder Franz Josef Müller von Reichenstein, der Entdecker des chemischen Elementes Tellurium. Aber auch vielen Nichthermannstädtern hat Hermannstadt viel zu verdanken – wie zum Beispiel Bischof Georg Daniel Teutsch oder Carl Wolff, Brukenthal oder Conrad Haas, der Erfinder der Dreistufenrakete.

Was geschieht heute in Hermannstadt? Seit 26 Jahren gibt es wieder einen deutschen Bürgermeister, beziehungsweise Bürgermeisterin. 16 Jahre lang hatte die kleine, unter 2000 Seelen zählende, deutsche Minderheit die Mehrheit zwischen 60 und 66 % im Stadtrat. Meines Erachtens ist das etwas für das Guinness-Buch der Rekorde! Hermannstadt ist vor allem seit 2007, als es gemeinsam mit Luxemburg Europäische Kulturhauptstadt war, im Ausland sehr bekannt. Bei Tourismus-Messen ist der Stand von Hermannstadt fast so groß wie der von Rumänien. Zu jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter sieht man ausländische Touristengruppen. Selbst die Japaner, die etwa für eine Woche nach Europa kommen, haben Hermannstadt entdeckt. Der letzte Michelin-Reiseführer hat Hermannstadt als einziger Stadt in Rumänien drei Sterne verliehen. Wir, die dort „unten“ verblieben sind, tun unser Möglichstes, um unser riesiges Kulturerbe zu erhalten. Das gelingt aber nur gemeinsam, mit allen daran Interessierten – hüben wie drüben. In diesem Sinne ist die Zusammenarbeit zwischen Heimatgemeinschaft, Forum und Kirche eine sehr gute, kann aber sicher noch gesteigert werden. „Heimat ergänzt – hier und dort“…

Wir werden zwar immer weniger und immer älter und leider ist die Jugend weniger interessiert als wir, was Heimat, Kulturerbe oder Zusammenarbeit betrifft. Auch der politische Kontext, sowohl in Deutschland als auch in Rumänien, ist nicht der günstigste für unsere Vorhaben. Die weltweiten Krisen überlappen sich, Trump tut sein Möglichstes, um die Welt unsicher zu machen, die Sanktionen gegen Russland gehen auch nach hinten los und wir spüren das alle. In Deutschland wird gespart, um aufzurüsten, die AfD ist weiter im Aufwind. In Rumänien gilt es, ein riesiges Haushaltsloch zu stopfen, die Parteien haben nichts Besseres zu tun, als sich gegenseitig zu zerfleischen und Gewinner sind auch bei uns die Rechtsextremen. Wir haben sogar vier solche Parteien…

Was kann man in einer Welt, die aus ihren Fugen geraten ist, in einer solchen Konstellation, wie in unseren beiden Ländern, überhaupt noch tun? „Weitermachen!“ muss das Losungswort sein. Wir müssen wenigstens in unserer sächsischen Nische Normalität pflegen. Das beste Beispiel diesbezüglich ist gerade das jetzige Treffen: Trotz wirtschaftlicher Rezession, Ukraine- und Iran-Krieg, Cyber- und Drohnenattacken, treffen wir uns im schönen Dinkelsbühl, um zu feiern. Das ist Normalität!

Unsere Vorfahren haben in fast 900 Jahren viel schwierigere Zeiten erlebt und überlebt, trotz Pest und Türkenkriegen, unsere Großeltern haben zwei Weltkriege erlebt, unsere Eltern die Deportation. Also bleiben wir optimistisch und pflegen die Normalität auch weiterhin!

Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich wünsche Ihnen allen ein ereignisreiches Heimattreffen und alles erdenkbar Gute bis zum nächsten Hermannstädter Treffen.

Nor de Gesangd!

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Gesellschaft.