20 Jahre Diakoniewerk in Rumänien – eine besondere Mission in der Sozialarbeit
Ausgabe Nr. 2964

Gerhard Winkler, Ana Maria Popa, Cristina Andreea Costea, Daniela Palk, Sven Lesemann, Emil Cuc und Iuliana Labo (v. l. n. r.). Foto: der Verfasser
Der Verein Diakoniewerk International feierte in diesem Jahr sein 20-jähriges Bestehen in Rumänien. Zu diesem Anlass wurden drei Veranstaltungen geplant. Am vergangenen Mittwoch gab es eine festliche Abendveranstaltung im Restaurant Kombinat, wo vor allem den Mitarbeitern und Partnern gedankt wurde, am vergangenen Donnerstag gab es im Schatzkästlein eine Konferenz zum Thema „Partizipation und Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen“ das den Spezialisten und allen Interessenten gedacht war. Außer den Fachpräsentationen gab es auch einige bewegende personenbezogene Geschichten, die von den Klienten, Menschen mit Beeinträchtigungen, selber oder von besorgten Müttern erzählt wurden. Eine dritte Veranstaltung folgt nun am 24. September, ein Ball für „unsere Leute”, wie Iuliana Labo, Finanzleiterin des Diakoniewerks Rumänien, die als Moderatorin eingesprungen war, liebevoll die Klienten des Diakoniewerks nennt.
„Es handelt sich um ein Netzwerk, das in Österreich entstanden ist, bis nach Rumänien reicht, hier drei Städte umfasst und sich in mehrere Teams gliedert”, erklärte Labo. „Es geht um Menschen, die oft im Hintergrund und ohne große öffentliche Aufmerksamkeit, dort mit viel Engagement ihre Arbeit leisten – an guten wie an schwierigen Tagen. Sie wissen, dass sie gebraucht werden, und führen diese besondere Mission in der Sozialarbeit weiter.“
Eine der ältesten und beständigsten Partnerschaften ist nun die mit dem Kreisrat, mit dem seit rund 20 Jahren zusammengearbeitet wird. Vom Kreisrat dabei war übrigens am Mittwochabend Doris Banciu, Beraterin im Kabinett der Kreisratsvorsitzenden. Ein weiterer wichtiger Partner ist seit fast 15 Jahren das Bürgermeisteramt Mühlbach. Vizebürgermeister Dorin Albu richtete ebenfalls ein Grußwort an die Anwesenden. Eine weitere „wichtige Säule“ ist die Zusammenarbeit mit der evangelischen Kirche, da die Dienstleistungen größtenteils in den Räumlichkeiten der Kirche angeboten werden. Holger Lux, Kurator der evangelischen Kirchengemeinde Hermannstadt und Leiter des Hauses Nazareth, ein Blau-Kreuz-Zentrum in Kleinscheuern, richtete ebenfalls ein Grußwort an die Gäste.
„Bei uns in der Gemeinde gehört das Diakoniewerk praktisch zum Ortsbild und zum Miteinander dazu“, sagte Rudolf Schatz, Gesandter-Botschaftsrat an der Österreichischen Botschaft in Bukarest. Schatz kommt aus Ried in der Riedmark und durfte die wertvolle Arbeit der Diakonie von Kindestagen an miterleben über die Mutter eines Freundes, die im Diakoniewerk in Riedarbeitete. „Ich habe also schon als Kind am Küchentisch und bei Besuchen hautnah mitbekommen, mit wie viel Herzblut, Empathie und tiefem Respekt vor der Würde jedes einzelnen Menschen hier gearbeitet wird“, erinnerte er sich. „Dieses starke Fundament, das ich aus Oberösterreich kenne, hat vor nunmehr 20 Jahren eine Brücke geschlagen – hierher nach Rumänien. Was Sie in den vergangenen zwei Jahrzehnten in Siebenbürgen aufgebaut haben – gerade auch mit den geschützten Werkstätten -, ist gelebte Nächstenliebe und echte Pionierarbeit. Sie haben Strukturen und Hoffnungen geschaffen, wo vorher oft Isolation bestanden hat.“ Gerade das Thema Inklusion stehe heute, im Fokus der österreichischen Regierung. „Es ist ein zentrales gesellschaftspolitisches Anliegen, Barierren abzubauen“, sagte er. „Doch wir wissen alle: Politik kann nur die Rahmenbedingungen schaffen. Es braucht Menschen wie Sie, die diesen Rahmen mit Wärme, Leben und Tatkraft füllen.“
Im Rahmen der festlichen Abendveranstaltung wurden einige der langjährigen Mitarbeiter von Daniela Palk, Präsidentin des Diakoniewerks in Rumänien, ausgezeichnet, nicht zuletzt auch Ana Maria Popa, die seit rund 20 Jahren hier mitmacht und gegenwärtig die Werkstatt in Hermannstadt leitet.
Die Veranstaltung am Donnerstag im Schatzkästlein wurde übrigens über das Programm ‚Agenda der Gemeinschaft‘, im Rahmen des Projekts ‚Gemeinsam verwandeln wir Barrieren in Chancen‘, das von Juni bis Oktober 2026 läuft, von der Stadtverwaltung Hermannstadt mit einem Beitrag in Höhe von 15.000 Lei mitfinanziert. Dabei war am Donnerstag auch Vizebürgermeister Helmut Lerner der ein Grußwort an die Anwesenden richtete.
Die Konferenz brachte Fachleute aus Rumänien und Österreich zusammen, wobei ein Erfahrungsaustausch über zentrale Themen stattgefunden hat. Es ging unter anderem um folgende Fragen: Was bedeutet Selbstbestimmung im Alltag? Wie sieht aktive Teilhabe in der Praxis aus? Und welche Herausforderungen bleiben nach zwei Jahrzehnten Arbeit in diesem Bereich weiterhin bestehen? Das Programm umfasste Vorträge, Beispiele guter Praxis aus Rumänien und Österreich, eine Podiumsdiskussion mit Beiträgen von Menschen mit Behinderungen sowie eine abschließende Sitzung mit Ergebnissen und Ausblicken. Seitens der Kunden oder deren Mütter gab es bewegende Geschichten, wobei alle nur positive Worte zum Diakoniewerk fanden. Einer der Betreuten unterstrich, dass er erst im Diakoniewerk gelernt habe was Liebe ist. Eine Person mit Beeinträchtigungen aus dem Publikum ging das allgemeine Problem an, dass obwohl es klar sei, dass er behindert sei, ab und zu dies immer wieder beweisen müsse.
Was 2006 mit der Gründung einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen begann, hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu einem vielfältigen und zuverlässigen Netzwerk sozialer Dienstleistungen entwickelt. Heute unterstützt die Diakonische Arbeit in Rumänien Menschen mit Behinderungen, ältere Menschen, Kinder aus sozial benachteiligten Familien sowie Menschen aus der Ukraine, die psychologische Unterstützung benötigen. Mehr als 30 Mitarbeitende sind täglich im Einsatz.
„In Hermannstadt haben wir Dank der evangelischen Kirchengemeinde eine Werkstatt für erwachsene Menschen mit Behinderungen, die seit 20 Jahren besteht, sowie betreutes Wohnen, das wir seit drei Jahren anbieten – beide Angebote richten sich an Menschen mit Behinderungen,“ erklärte Cristina Costea, Geschäftsführerin des Diakoniewerks Rumänien.
In Mühlbach gibt es eine Werkstatt für Menschen mit Behinderungen, in der neun Personen tätig sind, außerdem ein Tageszentrum für Kinder aus benachteiligten Familien, das von 25 Kindern besucht wird, sowie einen ambulanten Betreuungsdienst für zehn Personen.In Elisabethstadt wird ebenfalls ein Tageszentrum für Kinder aus benachteiligten Familien, das 25 Kinder besuchen, betrieben. „Darüber hinaus bieten wir psychologische Unterstützungsleistungen für geflüchtete Menschen aus der Ukraine an. Damit haben wir kurz nach Beginn des Krieges begonnen,“ sagte sie. „Wir haben angestellte Psychologinnen, die psychologische Dienste anbieten.“
Beschäftigt werden 30 Mitarbeitende sowie zusätzlich vier Mitarbeitende im Rahmen der Partnerschaft mit dem Kreisrat über die DGASPC. Insgesamt werden heute ungefähr 100 Personen betreut, Kinder aus benachteiligten Familien und erwachsene Menschen mit Behinderungen. Zusätzlich nehmen je nach Bedarf monatlich etwa 30 bis 40 geflüchtete Menschen aus der Ukraine die Angebote des Diakoniewerks in Anspruch.
Welche Aktivitäten es gibt? „Mit den erwachsenen Menschen mit Behinderungen arbeiten wir in unserer Werkstatt”, sagte Costea. „Sie kommen dorthin ähnlich wie zu einem Arbeitsplatz und stellen verschiedene Produkte her, zum Beispiel Kerzen, Broschen und andere handwerkliche Erzeugnisse. Mit den Kindern aus benachteiligten Familien machen wir Hausaufgabenbetreuung, unterstützen sie bei Freizeitaktivitäten und begleiten sie in ihrer Entwicklung. Mit den Personen mit Behinderungen unternehmen wir auch Ausflüge und fahren mit ihnen in Ferienlager. Außerdem bieten wir Zeichenkurse, Tanzkurse, Theaterkurse und vieles mehr an.”
Ob es auch Pläne für die Zukunft gibt? „Zum einen, uns fachlich da auch weiterzuentwickeln und auch immer dieses gute Niveau zu halten,“ sagte Daniela Palk. „Es wäre aber schön, auch darüber hinaus noch weitere Angebote realisieren zu können, weitere Arbeitsangebote und auch Wohnangebote für Menschen mit Beeinträchtigung und auch noch verstärkt vielleicht sogenannte integrative Beschäftigung, wo Menschen nicht in Werkstätten, sondern in Firmen arbeiten und wir Menschen dabei unterstützen können, vielleicht auch auf dem ganz regulären Arbeitsmarkt eine Anstellung zu finden. Und die Frage, wie Menschen im Alter versorgt werden können, stellt sich in ganz Europa und mit Sicherheit auch in Rumänien, auch unter den speziellen Bedingungen, wo viele junge Menschen aus Rumänien vielleicht auch außerhalb von Rumänien arbeiten. Wir möchten schauen, ob wir in diesem Bereich was anbieten können.“
Die Kerzen aus der erwähnten Hermannstädter Werkstatt findet man in der evangelischen Stadtpfarrkirche und im Erasmus-Büchercafé hat das Diakoniewerk einen kleinen Verkaufsstand.
Werner FINK