Ein Tagebuch als Brücke zwischen Generationen
Ausgabe Nr. 2946

Adrian Tuchel: „Die Brücke“. Erinnerungen anderer Zeiten. Selbstverlag, 2025, 336 Seiten, ISBN 6426308000438, 49 Lei/16,50 Euro, zu bestellen im Erasmus-Büchercafé in Hermannstadt, deutsche Festnetznummer: 0049- (0)228-90919557, Rufnummer in Rumänien 0040-(0)269-221060, E-Mail: -erasmus@schiller.ro, www.schiller.ro
Adrian Tuchels Buch „Die Brücke – Erinnerungen anderer Zeiten“ ist kein Roman im klassischen Sinn. Es ist ein sehr persönliches Tagebuch, ein Mosaik aus Erinnerungen, Gedanken und Beobachtungen, das den Leser auf eine Reise durch verschiedene Lebensphasen, Länder und Zeiten nimmt. Der 1953 in Kronstadt geborene Architekt und Grafiker, der derzeit in Cambridge in Großbritannien lebt, blickt auf sein Leben zurück: Auf die Kindheit, auf die Geschichte seiner Eltern, auf die Kriegs- und Nachkriegsjahre, aber auch auf seine Familie und das Leben seiner Söhne. Das verbindende Motiv ist die „Brücke“ als eine Brücke zwischen Generationen.
Tuchels Lebenserinnerungen lagen zunächst in italienischen, englischen und rumänischen Fassungen vor. Die deutsche Fassung ist die jüngste.
Tuchel, der 1982 zunächst nach Italien ausgewandert ist, schreibt die Kapitel nicht chronologisch. Kindheitserinnerungen stehen neben politischen Ereignissen, familiäre Szenen neben weltgeschichtlichen Umbrüchen. Gerade darin liegt die Stärke des Buches: Es folgt der Logik des Erinnerns. Die Tagebuchform erlaubt ihm, seine Gedanken ungefiltert festzuhalten: Persönliche Beobachtungen und philosophische Überlegungen fließen ineinander.
Der Autor verknüpft seine eigene Biografie mit den Geschichten seiner Eltern, den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs, dem Leben hinter dem Eisernen Vorhang und den Fragen, die seine eigenen Söhne stellen.
Viele junge Menschen, wie Tuchel mit Blick auf seine Söhne schreibt, glauben, „dass alles immer schon so war“. Sein Buch tritt dieser Annahme entgegen. Es erzählt von Misstrauen gegenüber politischen Systemen, von Ost und West, von Mangelwirtschaft und der Nachwirkung historischer Entscheidungen. Ereignisse wie der Prager Frühling 1968, der Aufstand im Pariser Quartier Latin 1968 oder der Alltag im sozialistischen Rumänien werden durch persönliche Erfahrung lebendig.
Zugleich ist „Die Brücke“ ein Buch über Tuchels Familie. Die Eltern nehmen darin ebenso viel Raum ein wie seine Frau Barbara sowie seine Söhne Daniel und Stefan. Diese familiären Linien machen Geschichte emotional nachvollziehbar.
Auch Orte spielen eine zentrale Rolle: Von Hermannstadt über Bukarest, Paris und Cambridge bis nach Rom, New York und Peking. Tuchel ist ein Reisender, nicht nur geografisch, sondern auch geistig. Literatur, Sprachen und Kunst wie beispielsweise durch Zitate von Vergil, Petrarca oder Kipling durchziehen das Buch.
Besonders bewegend sind die Passagen über Ausreise, Ausbürgerung und das Gefühl, zur „persona non grata“ zu werden. Die Befragungen durch die „Securitate“, die Fahrt durch Kronstadt vor der Abreise und die anknüpfende Ankunft in Genua, der Verlust von Heimat und die gleichzeitige Öffnung in eine „neue Welt“ sind Erfahrungen, die Tuchel macht.
„Die Brücke – Erinnerungen anderer Zeiten“ ist genau das, was der Titel verspricht: Eine Brücke zwischen Generationen, zwischen Erinnerung und Geschichte. Es ist ein Stück gelebter Zeitgeschichte, das private und historische Perspektiven miteinander verbindet. Adrian Tuchel zeigt seinen Leserinnen und Lesern, wie stark die Gegenwart von der Vergangenheit geprägt wird und die Zukunft beeinflusst.
Eduard RESCHKE