Weihnachtsbotschaft / Von Pfarrer Claudiu RIEMER
Ausgabe Nr. 2941

Vor ein paar Tagen saß ich mit meiner vierjährigen Tochter Vilma auf dem Sofa. Draußen war es längst dunkel, und im Fernsehen lief das Sandmännchen. Kurze, fünfminütige Folgen mit einer Geschichte, als Abendroutine vor dem Schlafengehen. In dieser Folge kam das Sandmännchen auf einem fliegenden Teppich angeflogen. Vilma schaute mich an und fragte: „Tati, können Teppiche fliegen?“ Ich antwortete, wie Erwachsene oft antworten: schnell und ziemlich sicher. „Nein. Fliegende Teppiche gibt es nur in Geschichten.“ Und weil ich schon dabei war, schob ich noch hinterher: „So wie Drachen. Richtige Drachen gibt es nicht.“
Vilma grinste. „Doch, Drachen gibt es!“ Ich blieb dabei: „Nein, echte Drachen gibt es nur im Märchen.“ Dann kam ihre Rückfrage, ganz ruhig: „Aber Tati, was haben wir im Herbst steigen lassen?“ In meinem Kopf machte es „klick“. Nicht der feuerspeiende Drache aus einem Märchen war gemeint, sondern der im Wind, an der Schnur. Ein Wort, zwei Bilder. Und ich hatte nur eins davon gesehen. Seitdem denke ich öfter an diesen Moment, weil er so alltäglich ist. Wir reden jeden Tag viel, und wir reden doch oft aneinander vorbei. Wie schnell wir behaupten zu „wissen“, was der andere meint, und wie schnell wir unsere eigene Deutung für die einzig richtige halten. Wir reagieren, bevor wir nachfragen. Und manchmal merken wir erst später: Der andere meinte etwas ganz anderes.
Weihnachten passt genau in diesen Rahmen. Es ist ein Fest voller Bilder, Erwartungen und Erinnerungen. Gleichzeitig erzählt Weihnachten von etwas, das man leicht übersieht: Gott kommt nicht so, wie man ihn erwarten würde. Nicht laut und triumphierend, mit der perfekten Lösung von oben. Sondern klein und verletzlich. Als Kind in der Krippe. Viele verbinden Weihnachten mit Lichtern, Weihnachtsliedern, einem gedeckten Tisch und lieben Menschen. Vieles daran ist kostbar. Doch manche Menschen erleben gerade an den Feiertagen auch die andere Seite: Spannungen in der Familie, Trauer, Sorgen, die nicht verschwinden, oder Einsamkeit, die an festlichen Tagen besonders spürbar wird. Vielleicht ist es tröstlich, dass die Weihnachtsgeschichte selbst nicht „perfekt“ beginnt: kein Platz in der Herberge und kein glatter Ablauf. Und doch geschieht genau dort das Wunder: Gott kommt mitten hinein.
Gott bleibt nicht Zuschauer. Die Bibel nennt ihn „Immanuel“: Gott mit uns. Nicht Gott über uns, der bewertet, sondern Gott mit uns, der mitgeht. In der Krippe liegt kein „Prinzip“, kein System, kein moralischer Zeigefinger. Da liegt ein Kind, das man wärmen, halten und schützen muss. Und damit sagt Gott: Euer Menschsein ist mir nicht zu klein. Wer auf dieses Kind schaut, hört: Du darfst kommen, wie du bist. Wenn Gott so kommt, dann sagt das etwas über unsere Wirklichkeit. Weihnachten ist Gottes Zusage: Ich komme zu dir, nicht erst, wenn du fertig bist, sondern so wie du bist. Sobald wir dafür bereit sind, verändert es auch unsere Art, miteinander umzugehen. Wir wünschen uns Frieden, doch Frieden beginnt ganz klein: mit einem Nachfragen statt einem schnellen Urteil; mit einem Zuhören, das nicht nebenbei passiert; mit einem Besuch, den man nicht immer wieder verschiebt; mit einem Satz, der nicht klug klingen muss, sondern ehrlich ist: „Ich denke an dich.“ Oder: „Es tut mir leid.“
Vilma hat mir an diesem Abend, ohne es zu ahnen, etwas geschenkt: den Moment, in dem aus meinem starren „Nein“ ein „Ah, stimmt“ wurde. Nicht, weil ich Unrecht hatte, sondern weil ich richtig zuhörte und mein Blick weiter wurde. Genau so kann Weihnachten wirken: Es macht den Blick weiter. Für den Nächsten. Für das, was wirklich zählt. Für Gott, der manchmal leiser ist, als wir es erwarten, aber näher, als wir denken.
Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien gesegnete Weihnachtstage. Nicht unbedingt perfekte Tage, aber echte. Tage mit Wärme, wo sie möglich ist. Mit Trost, wo er gebraucht wird. Mit Begegnungen, die gut tun. Und ich wünsche uns allen den Mut, ein wenig „weihnachtlicher“ zu leben: genauer hinzusehen und ein bisschen länger zuzuhören. Frohe Weihnachten!
Claudiu RIEMER