Fallstudie zum schulischen Religionsunterricht der Minderheiten in Rumänien
Ausgabe Nr. 2938

Gunda Wittich: Der schulische Religionsunterricht der Minderheiten in Rumänien. Eine Wahrnehmung und Deutung im europäischen Bildungskontext aus evangelischer Perspektive. Schiller Verlag Bonn-Hermannstadt 2025, 294 Seiten, ISBN: 9783949583735. 59 Lei. In Hermannstadt liegt das Buch im Erasmus-Büchercafé und Schiller-Buchhandlung auf.
Die deutschsprachige Buchproduktion in Siebenbürgen ist wahrhaft blühend. Gemessen an der deutschsprachigen Bevölkerung scheinen viel zu viele deutschsprachige Bücher aller Art zu erscheinen: Belletristik, Erinnerungsliteratur, Sachbücher, vorwiegend aus dem kulturhistorischen Bereich, Humoresken, Krimis und nun also noch ein neues Ressort – eine Fallstudie zum schulischen Religionsunterricht der Minderheiten in Rumänien, betrachtet aus evangelischer Perspektive und bezogen auf den europäischen Bildungskontext.
Ein großes Vorhaben, in diesem Fall etwas zu groß geraten. Am Anfang des im Schiller Verlag Bonn – Hermannstadt veröffentlichten Buches erfahren wir auf Seite 15-16, was mit dem Titel „Der schulische Religionsunterricht der Minderheiten in Rumänien. Eine Wahrnehmung und Deutung im europäischen Bildungskontext aus evangelischer Perspektive” gemeint sei, und zwar, dass es nur um zwei der 19 in Rumänien anerkannten Minderheiten geht, die beide größtenteils in Siebenbürgen ansässig sind und um vier historische Minderheitenkirchen, zwei davon ungarischsprachig, eine deutschsprachig und eine deutsch-ungarisch-rumänischsprachig. Dass die Sprachbarriere dabei essentiell ist, wird auch gesagt und soll wohl den oft rein äußerlich beschreibenden Charakter der Texte zu den hospitierten Unterrichtsstunden erklären.
Auch ist die subjektive Betrachtungsweise zum Programm erhoben, wenn die Autorin sagt, ihr Buch erhebe nicht den Anspruch einer neutralen objektiven Darstellung von „Wahrheit” (S. 16), oder dass sie auch die Erfahrung eines Scheiterns reflektiere (S. 15).
Das ist natürlich an sich legitim, allerdings erfährt der Leser am Anfang, dass es sich um eine nur leicht bearbeitete Fassung einer Dissertation handele und die sollte schon einen gewissen Grad an Objektivität und Wissenschaftlichkeit erfüllen.
Nun, das sei alles dahingestellt, es ist der erste Versuch, dieses Forschungsfeld zu bearbeiten, da bleibt eben noch Raum für weitere Arbeiten. Das Buch beginnt mit einem einleitenden Kapitel mit Erläuterungen zum Forschungsvorhaben, und bietet dann im zweiten Kapitel einen willkommenen Überblick über den Religionsunterricht an sich, über den geografischen Raum der Untersuchung, nämlich Rumänien mit seinen Minderheiten, geht auf das Konzept ‚Bildung in Europa‘ ein mit Schwerpunkt auf der evangelischen Perspektive. Auch da wäre etwas mehr wissenschaftliche Sorgfalt wünschenswert gewesen, da einige Angaben nicht ganz stimmig bzw. unverständlich sind, so auf Seite 42, wo von der „Bewertung einer Reihe von Schulfächern durch echte Noten“ die Rede ist. Auf Seite 49-51 wird von der Ansiedlung der (vor allem deutschsprachigen) Minderheiten in Siebenbürgen gesprochen, einige Gruppen wie die Berglanddeutschen, die Zipser oder die Armenier werden nicht angesprochen, auch nicht als unter anderen. Auch wurden die Deutschen aus Rumänien im Januar 1945 in die Sowjetunion zu Aufbauarbeiten deportiert, wo sie bis Dezember 1949 blieben, und die Aushebung geschah nach geschlechterbestimmten unterschiedlichen Alterskriterien, anders als auf Seite 51 gesagt wird.
Im II. Teil geht es um die Hospitationen in verschiedenkonfessionellen Religionsstunden, die der jeweiligen Konfession entsprechend auch in verschiedenen Sprachen stattfanden. Jede der Konfessionen wird einleitend kurz vorgestellt, was für viele Leser sicherlich eine große Hilfe zum Verständnis auch des unterschiedlichen Stellenwerts des Religionsunterrichts in der jeweiligen Konfession darstellt, so wie er dann in den Ausführungen der Autorin beschrieben wird. Zum Vergleich wohl fanden die Hospitationen auch im orthodoxen Religionsunterricht, also jenem der Mehrheitskirche, an zwei Schulen statt, sodann im evangelisch-lutherischen Unterricht an drei Schulen, im römisch-katholischen Unterricht ebenfalls an drei Schulen, im reformierten Unterricht an zwei Schulen und im unitarischen Unterricht an einer Schule. Auf die zuweilen sehr minutiöse Beschreibung der gesehenen Unterrichtsstunden folgt jeweils eine zusammenfassende allgemeine Übersicht und zum Abschluss des II. Teils eine Übersicht über den gesamten Religionsunterricht der Minderheiten in Rumänien.
Der III. Teil des Buches trägt den Titel „Tiefenbohrungen“. Dort geht es im ersten Unterkapitel um die im Religionsunterricht zu vermittelnden Kompetenzen, wie sie in Westeuropa Anfang der 2000 Jahre allgemein und auch jeweils konfessionsbezogen formuliert wurden. Diese werden mit den Kompetenzen abgeglichen, die sich in den Lehrplänen für den Religionsunterricht der genannten Kirchen in Rumänien finden lassen. Danach widmet sich das zweite Unterkapitel der Sichtbarkeit und Wahrnehmung des (konfessionell) Anderen. Die ernüchternde Feststellung der Autorin ist jene, dass diese in den Lehrplänen und Schulbüchern kaum vorhanden ist, im Unterricht zuweilen durch die soziale Konstellation gegeben, aber erst, wenn überhaupt in den oberen Gymnasialklassen angesprochen wird. Fazit der diesbezüglichen Untersuchungen: „Man pflegt ein Verständnis der Toleranz und des Respekts nebeneinander, das aber nicht wirklich hinschaut, wer der andere ist, und das durchaus von eigenen unreflektierten Vorurteilen mitbestimmt ist.“ (S. 259) Das dritte und letzte Unterkapitel stellt sich der Frage, ob Demokratieerziehung eine Aufgabe des Religionsunterrichts sei. Die Autorin bejaht diese Frage für sich und argumentiert sie auch von der christlichen Botschaft her, kommt jedoch zur Schlussfolgerung, dass es zwar Ansätze dazu gibt und sich diese durchaus entwickeln, es sich aber nicht um eine geplante oder koordinierte Durchführung handelt. Dennoch sei allgemein ein „Transformationsprozess hin zu besserer Qualität und zu höheren Standards sowohl in der Ausbildung der Lehrkräfte als auch in der Gesamtstruktur des Schulwesens auszumachen.“ (S. 271)
Es handelt sich bei diesem Buch insgesamt um einen willkommenen ersten Blick von außen auf den Bereich schulischen Religionsunterrichts in Rumänien.
Hoffentlich finden noch weitere Autorinnen und Autoren den Mut und die Zeit sich diesem interessanten, aber aus unterschiedlichen Gründen schwer zugänglichen Forschungsbereich zu widmen.
Sunhild GALTER