Streiflichter von der 24. Auflage des Hermannstädter Opernfestivals
Ausgabe Nr. 2932

Die „Tragedie de Carmen”, Dirigent Alfredo Stillo, Regie Emanuele Gamba: Die Liebesgeschichte zwischen Carmen (Ana Victoria Pitts) und Escamillo (Franco Pomponi) in ihrer modernen Variante hat leider das gleiche unglückliche Ende wie in Bizets Vision. Foto: Cynthia PINTER
Zwei Wochen lang war Hermannstadt von Mord, Betrug, Liebe und Gesang geprägt, ganz nach dem Witz „Eine Oper ist, wenn jemand ein Messer in den Rücken bekommt und anstatt zu sterben, anfängt zu singen.”, bei der 24. Auflage des Opernfestivals „Sibiu Opera Festival”, das vom 27. September bis zum 11. Oktober stattgefunden hat. Finanziert wurde das Festival vom Hermannstädter Kreisrat und vom Hermannstädter Bürgermeisteramt.
Über 700 Mitwirkende aus Rumänien und Italien – von den Künstlerinnen und Künstlern bis zum technischen Personal – waren an der diesjährigen Auflage des Festivals beteiligt und haben mehr als 2.600 Zuschauer glücklich gemacht. Gesangmeisterklassen, kurze Oper-Pausen und sieben Opernaufführungen haben für ein volles Programm gesorgt.
Zwei Vorstellungen waren dieses Jahr ausverkauft, „La Traviata” am 6. Oktober und „Don Giovanni” am 10. Oktober.
Wie immer hat das Opernfestival mit Gesangsmeisterklassen begonnen, die vom 27. September bis zum 1. Oktober von den Sopranistinnen Iulia Isaev und Diana Țugui koordiniert wurden. Neun junge Opernsängerinnen und Opernsänger aus Bukarest, Chișinău, Kronstadt, Klausenburg, Botoșani und Hermannstadt nahmen daran teil.
Elf Oper-Pausen („Take an Opera Break”) haben vom 27. bis 29. September, u. a. im Hermannstädter Rathaus, in der Bushaltestelle unterhalb des Thaliasaals und in der Heltauergasse die Zuschauer zum Teil überrascht aber freudig die Musik genossen haben und auch mal (freudig) ihren Bus verpasst haben. Die an unkonventionellen Orten gebotenen Konzerte sind seit vielen Jahren sehr beliebt im Rahmen des Opernfestivals und dieses Jahr waren Sonia Moșneag (Sopran) und Eduard Alexe (Bariton) und Bianca Murariu (Klavier) dabei.

Masetto (Mitte) kämpft um seine Verlobte Zerlina (rechts), der Don Giovanni auch den Hof macht. Foto: Cynthia PINTER
Ein Kantorezital mit Iulia Isaev (Sopran), Andrei Petre (Tenor) und Eduard Antal (Orgel) in der römisch-katholischen Stadtpfarrkirche war ebenfalls Teil der Programms.
Mit der Gala des Opernfestivals ging es dann richtig los, am 2. Oktober, im Thaliasaal. Solisten waren die Teilnehmenden der Meisterklasse, begleitet vom Orchester der Hermannstädter Staatsphilharmonie, unter der Leitung des Dirigenten Georgios Balatsinos. Die drei Gewinnerinnen, alle Sopran, werden im Rahmen des Weihnachtskonzerts auftreten: Ilinca Andronachi (Chișinău), Juliana Wells (Kronstadt) und Neti-Andreea Stoica (Bukarest).
Die herausragende Aufführung von Gaetano Donizettis Meisterwerk der Opera buffa, „Don Pasquale”, am 5. Oktober im Kulturzentrum „Ion Besoiu“ war die erste Operaufführung des Festivals. Das Nationaltheater für Oper und Operette „Nae Leonard” aus Galați – komplett mit Orchester und Ballettkörper – präsentierte ein charmantes musikalisches Spektakel. Im Zentrum der turbulenten Handlung steht der reiche, heiratswillige Geizhals Don Pasquale. Dominic Cristea verkörperte die Titelfigur mit großem komödiantischem Talent, wobei er sowohl die anfängliche naive Selbstgefälligkeit als auch die spätere verzweifelte Enttäuschung des alten Junggesellen vokal wie darstellerisch zur Geltung brachte.
Seine musikalische Gegenspielerin, die junge Norina, wurde von Lorena Mărginean mit Witz und Stimmumfang gestaltet. Mărginean spielte den Wandel von der harmlosen Liebenden zur herrschsüchtigen „Sofronia”, die Pasquale in den Wahnsinn treibt. Ihre Koloraturen und ihre lebendige Bühnenpräsenz waren ein Höhepunkt des Abends.

Pressekonferenz im Römischen Kaiser (v. l. n. r.): Mihai Colibaba, Cristian Lupeș, Iuliu Szep, Mario Menicagli und Nicola Fanucchi beantworteten die Fragen der Presse und des Publikums. Foto: Cynthia PINTER
Als Drahtzieher der Intrige überzeugte Constantin Lupu als Dr. Malatesta. Sein schlanker Bariton und sein intelligentes Spiel machten ihn zum Strippenzieher, der die Fäden der Verwechslungskomödie in den Händen hält. Adrian Mărginean als Pasquales Neffe Ernesto, ein lyrischer Tenor, spielte die romantische Verzweiflung des jungen Liebhabers authentisch.
Die temperamentvolle musikalische Gestaltung durch das Ensemble aus Galați trug zum Erfolg bei. Es unterstrich die jugendliche Emanzipation mit einer spielerischen Melodie und spielte diametral beim Auftreten des herrischen Pasquale. Am Ende fand die Komödie ihre glückliche Auflösung: Don Pasquale erkannte den Streich, verzieh den jungen Leuten und gab den Weg für die Vermählung von Norina und Ernesto frei. Das Publikum feierte die gelungene Mischung aus Ironie, Melodie und Gesang mit minutenlangem Applaus.
Die beliebteste und am häufigsten gespielte Oper aller Zeiten, Giuseppe Verdis „La Traviata“, die zeitlose Geschichte über Liebe, Opfer und gesellschaftliche Erwartungen war auch in Hermannstadt die meisterwartete Oper.
Das „Ion Besoiu“-Kulturzentrum war am Montagabend, dem 6. Oktober, bis auf den letzten Platz besetzt, als die Sängerinnen und Sänger der Ungarischen Oper aus Klausenburg die Bühne betraten. Die Damen in bunten Röcken und die Herren in Frack, man wusste, es erwartet einen eine klassische Aufführung. Das Bühnenbild simpel, unauffällig, es wird gefeiert, die Sektgläser klirren und dann setzt Alfredo (Adorján Pataki) zum „Libiamo, libiamo ne’ lieti calici“ an. Das Publikum ist begeistert, einige zücken sofort ihre Handys, um zu filmen. Erika Miklósa macht in ihrem knallroten Kleid und ihrer hohen Sopran-Stimme in der Rolle der Violetta ebenfalls eine gute Figur. Erwähnenswert ist die Interpretation von Sándor Balla als Giorgio, eine Bariton-Stimme, die sich hören lassen konnte. Einziges Manko: Wer weiter hinten saß, musste sehr konzentriert zuhören. Entweder war der Saal zu groß oder die Stimmen zu leise, um bis in die letzten Reihen zu reichen. Drei Stunden lang dauerte die Aufführung, die nach jedem Akt mit einer 15-minütigen Pause in die Länge gezogen wurde, so dass nur die treuesten Opernfans bis zum Schluss ausharrten und die Darbietung mit Standing Ovations belohnten.
Vor zehn Jahren war die Ungarische Oper aus Klausenburg beim Opernfestival, erklärte Direktor Iuliu Szep, aber heuer sind sie mit ihrem beliebtesten Stück gekommen. „Die Regie ist eher einfach”, erklärte er, „damit wir das Stück auch in anderen Städten aufführen können. Leider haben wir in Siebenbürgen sehr wenig Säle, die einen passenden Orchestergraben haben, um auch große Stücke zu bringen. Wir haben aber 30 Titel im Repertoire, mit denen wir auf Tournee gehen können – natürlich einige auch in ungarischer Sprache.”

Teatro Goldoni aus Livorno war in Hermannstadt mit zwei Opern und einem eher kleinen aber starken 15-köpfigen Orchester dabei. Unser Bild: Mario Menicagli dirigiert Cavalleria Rusticana.
Das Teatro Goldoni aus Livorno brachte zwei Vorstellungen nach Hermannstadt. „Tragedie de Carmen” (Die Tragödie der Carmen) von Peter Brook war die erste davon. Wie es für Carmen in der nach ihr benannten Oper von Georges Bizet ausgeht, war, wie es üblich ist, schon von Anfang an klar. In dieser Inszenierung nach der Version von Peter Brook, die als Film 1984 mit einem Emmy in der Kategorie Best Performing Arts (beste darstellende Künste) ausgezeichnet wurde, liegt darauf noch mehr der Fokus als sonst: Das Bühnenbild stellt über die vollen etwa 80 Minuten des Stücks den Tatort des Mords an Carmen (Ana Victoria Pitts) dar. Zu Beginn der Oper schaut sie auf ihr totes Ich – ein besonderer Moment.
Auch die moderne Version von Carmen erzählt die Geschichte der verführerischen Zigeunerin Carmen und des Soldaten Don José (Angelo Forte) in Sevilla. Carmen verführt José, der daraufhin seine Pflichten und seine Verlobte Micaëla (Chiara Nicastro) vernachlässigt, sich Carmen anschließt und zum Schmuggler wird. Als Carmen ihre Gefühle für den Torero Escamillo (Franco Pomponi) entdeckt, kommt es zu einer Eifersuchtsszene mit Don José, bei der er Carmen schließlich tötet.
Die moderne, anderthalbstündige Geschichte war trotz der Kürze ergreifend erzählt. In der Oper in vier Akten von Bizet gibt es verschiedene Chöre, die zwischendurch Bewegung in das Bühnengeschehen bringen, in der Version von Peter Brook sind die aber gar nicht nötig: Die zwei „Schmuggler“-Figuren, die mit Carmen befreundet sind, und der Hauptmann sowie der Ehemann von Carmen, deren Leiche die Freunde jeweils von den anderen Figuren unbemerkt von der Bühne schaffen mussten, lockerten das Geschehen gekonnt auf. Das Orchester musste sich anstrengen, mit den sehr guten Sängern und Sängerinnen mithalten zu können, aber besonders die Holzbläser harmonierten bei ihren offenen Stellen gut zusammen. Pompöse Stücke wie etwa der Stierkampf sind in Brooks Version von „Carmen“ gestrichen zugunsten einer fokussierteren, auch intimeren Erzählweise, die die Sänger und Sängerinnen strahlen ließ. Zum 100. Geburtsjahr von Peter Brook setzte Regisseurin Serena Sinigaglia seine Version der Oper „Carmen“ sehr gut in Szene.
Das gleiche einfache Szenenbild hatte auch „Cavalleria Rusticana” von Pietro Mascagni, das ebenfalls von Teatro Goldoni nach Hermannstadt gebracht wurde. Dirigent war Mario Menicagli, die Regie hat Nicola Fanucchi übernommen. Zum Unterschied zu „Carmen”, war diese ganz klassisch gehalten: Die Oper spielt in einem sizilianischen Dorf am Ostermorgen. Die Bauern begrüßen einander fröhlich vor der Kirche. Nur Santuzza (Victoria Kourushounova) ist traurig und unruhig. Sie fragt Lucia (Diana Turtoi), wo deren Sohn Turiddu (Marco Miglietta), ihr Geliebter, sei. Er hat sich wieder von Lola (Emilia Giol), der Frau des Fuhrmanns Alfio (Franco Pomponi), umgarnen lassen, und Santuzza will Turiddu abends im Dorf gesehen haben, obwohl er vorgeblich zum Weinkaufen in Francofonte war. Alfio kehrt fröhlich von einer Reise zurück und freut sich auf das Wiedersehen mit Lola. Santuzza kämpft für Turiddu, doch dieser folgt Lola. Santuzzas leidenschaftliche Liebe schlägt in erbitterten Hass und Rachedurst um und sie erzählt Alfio über die Untreue seiner Frau. Es kommt zum Duell zwischen den beiden Männern, nachdem Turiddu von seiner Mutter Abschied nimmt und sie bittet, Santuzza zu schützen. Mit dem berühmten Frauenschrei: „Sie haben Gevatter Turiddu umgebracht!” geht die Oper zu Ende und auch in Hermannstadt gab es Stehapplaus – und auch während des Stückes wurden die fantastischen Arien mit Beifall belohnt.
Trotz der klassischen Aufführung, ist sich Regisseur Nicola Fanucchi sicher, dass alle Altersgruppen sich an dieser Oper und nicht nur an dieser Oper erfreuen können und erklärte in einer Pressekonferenz: „Es ist eine intime Oper, die eine zeitgenössische Sprache spricht und die Musik ist natürlich wundervoll.” Dirigent Mario Menicagli machte daraufhin die Teilnehmer aufmerksam, dass die italienische Musik UNESCO-Kulturerbe ist, ein Grund mehr, dass auch die junge Generation sich dieser Musikart annimmt.
Mord, Verführung, Rache und Bestrafung – Wolfgang Amadeus Mozarts „Don Giovanni“ hat alle Zutaten für ein großartiges und tiefgründiges Opernerlebnis. Dementsprechend war der Thaliasaal am Freitagabend, dem 10. Oktober, bis auf den letzten Platz besetzt, als im Programm des Opernfestivals der Opernchor aus Parma, zusammen mit der Hermannstädter Staatsphilharmonie eines von Mozarts bekanntesten Opern aufführte. Elemente von Komödie und Tragödie verbinden sich rund um den berüchtigten Frauenhelden Don Giovanni. Er hinterlässt eine Spur der Zerstörung im Leben der Frauen, die er trifft, darunter Donna Anna, Donna Elvira und die Verlobte Zerlina. Donna Anna schwört Rache für den Tod ihres Vaters, den Giovanni zu Beginn der Oper ermordet, während Donna Elvira immer wieder zwischen Liebe und Hass schwankt.
International bekannte Opernsänger wie Guido Dazzini (Don Giovanni), Scilla Cristiano (Donna Anna), Danilo Formaggia (Don Ottavio), Magdalena Gallo (Donna Elvira), Massimiliano Catellani (Leporello), Sergei Morozov (Commendatore), Lina Tsiklauri (Zerlina) und Lorenzo Barbieri (Masetto) begeisterten das Hermannstädter Publikum mit ihren kraftvollen Stimmen.
Mit der einzigen Operette in drei Akten „Die Csárdásfürstin” (Silvia) von Emmerich Kálmán endete das diesjährige Opernfestival. Aufgeführt wurde diese von der Rumänischen Nationaloper in Temeswar.
Cristian Lupeș, der Direktor der Hermannstädter Staatsphilharmonie, erklärte in der Pressekonferenz, dass die Hermannstädter die Oper lieben, obwohl es hier kein Opernhaus gibt, so dass jede Gastaufführung wichtig ist. Die nächste Ausgabe des „Sibiu Opera Festivals” findet vom 1. bis 17. Oktober 2026 statt.
Max GALTER
Katharina HENSEL
Cynthia PINTER
Ruxandra STĂNESCU