Seminar zu interkulturellem Austausch im Tagungshaus der EAS
Ausgabe Nr. 2933

Lekt. Dr. Mirona Stănescu (rechts außen) zeigt vor, wie gewisse Emotionen mit Masken dargestellt werden können. Foto: Katharina HENSEL
Der interkulturelle Austausch ist wichtig fürs Lernen, das haben die Studierenden aus Ludwigsburg/Deutschland und Klausenburg/Rumänien in der letzten Woche festgestellt. Vom 4. bis zum 11. Oktober tauschten sie sich im Hans-Bernd-von-Haeften-Tagungshaus der Evangelischen Akademie Siebenbürgen in Neppendorf/Hermannstadt über verschiedene Gedanken zum Thema Kultur aus.
„Wir haben viele Diskussionen um den Kulturbegriff geführt, weil der so schwer greifbar ist”, berichtet Seminarteilnehmerin Juliane Krauskopf. Maria-Zoryane Cîrstea ergänzt: „Die Antworten kamen nicht über Theorie, sondern durch Reflektion.”
Die Teilnehmenden wurden von Lekt. Dr. Mirona Stănescu, Direktorin des Departements für Lehreraus-, -weiter- und -fortbildung an der Babeș-Bolyai-Universität Klausenburg mit theaterpädagogischen Übungen dazu angeleitet, aus verschiedenen Perspektiven über die Begriffe Kultur und Kommunikation nachzudenken.
Prof. Dr. Stefan Jeuk, Leiter des Sprachdidaktischen Zentrums an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, brachte den Studierenden die linguistisch-didaktische Perspektive näher und leitete verhaltenspädagogische Übungen an.
Was den Studierenden aber wahrscheinlich mindestens so sehr im Gedächtnis bleiben wird wie die Seminarsitzungen, sind Ausflüge in die Umgebung. Alexander Leser erzählt: „Ich war überrascht, an wie vielen Stellen deutsche Kultur hier noch sichtbar ist.” In dem kleinen Museum in der evangelischen Kirche in Neppendorf haben ihn etwa die Trachten beeindruckt, die dort aufbewahrt werden. Andere denken eher an Führungen in den Innenstädten von Hermannstadt und Schäßburg, die etwa Juliane durch die vielen alten Gebäude wie eine Zeitreise erlebt hat, oder an das gute Essen, das die Gruppe am Mittwoch bei einem Besuch von einer Bauernfamilie bekam.
Auch ein Besuch in einer Schule wird den Studierenden im Gedächtnis bleiben. Sie besuchten deutsche Klassen, und die deutschen Studierenden konnten dabei feststellen, dass die didaktische Herangehensweise und die Gestaltung des Klassenzimmers sich stark ähneln. Hier bestätigte sich, dass Kultur also nichts Festgelegtes ist und sich eher zwischen Personen unterscheidet als zwischen bestimmten Gruppen, wie die Seminarteilnehmenden es im Lauf der Woche besprochen hatten.
Wobei „besprochen” es vielleicht nicht ganz trifft, denn:
Der Seminarnachmittag am Donnerstag eröffnete eine spannende Diskussion zur non-verbalen Kommunikation und brachte Studierende aus Klausenburg und Ludwigsburg näher zusammen.
Die Teilnehmer vertieften sich in zwei lebendige theaterpädagogische Spiele. Die erste Übung war eine assoziative Partnerarbeit: Ein Teilnehmer nahm eine Pose ein, während der Partner spontan eine Interpretation und Bedeutung dazu fand. Dr. Mirona Stănescu unterstrich hierbei die zentrale Botschaft, dass die Körperhaltung tief das menschliche Befinden kommuniziert und dass Akzeptanz für die individuellen Interpretationen von Körperhaltungen unerlässlich ist.
Anschließend folgte Spiel Zwei, bei dem die Teilnehmer in zwei gleich großen Gruppen eine „Emotionskette” darboten. Die Herausforderung für die Zuschauer bestand darin, die non-verbal übermittelten Gefühle rein deskriptiv zu erfassen – sie sollten die genaue Haltung von Extremitäten und Gesicht beschreiben, statt diese zu interpretieren. Dabei zeigte sich ein interessantes Muster: Zwar kehrten bestimmte Haltungen immer wieder, doch eine völlig identische Darstellung derselben Emotion war kaum zu finden. Die zweite Runde, in der die Emotionen Angst, Ekel, verwirrt und verträumt mit Masken dargestellt wurden, lieferte einen spannenden Unterschied. Es wurde offensichtlich, dass die Zuordnung bei einigen dieser Emotionen deutlich schwerer fiel, was unterstrich, wie entscheidend die Mimik als ein Hauptwerkzeug der nonverbalen Kommunikation für das Erkennen feinerer Gefühlsnuancen ist. Das Publikum kam nur der Verträumtheit schnell auf die Schliche, da die Haltungen der Kette sich nahezu spiegelten.
Eine Kollision mit interkulturellen Kompetenzen war der Länderabend, zu dem sich die Studierenden am späteren Abend zusammenfanden. Sie wurden beauftragt, eine Präsentation über diese jeweils kooperierenden Länder vorzubereiten. Die Klausenburger Gruppe legte die Messlatte mit ihren kreativen Ideen sehr hoch. Während sie die neun historischen Regionen Rumäniens skizzierten, wurde auf Tanz, Volkstracht und Teppiche eingegangen. Der Tanz wurde vorgeführt und gelehrt, die Tracht wurde vor den Zuschauern angezogen und erklärt und die von einer Großmutter selbstgemachten traditionellen Teppiche wurden digital gezeigt. Rumänische Sprichwörter wurden auf deutsch übersetzt und Unwissende sollten raten, was sie wohl bedeuten. „A freca menta” (Nichts tun) bekam beispielsweise die reizvolle Bedeutung „Wenn etwas stark riecht, sollte man die Minze reiben” neu zugeschrieben. Die Deutschen überzeugten mit einer humorvoll ereignisarmen Quizrunde, bei welcher unter anderem unabdingbares Wissen über deutsche Bierkultur abgefragt wurde. Um die Germanistikstudenten aus Rumänien gänzlich zu verblüffen, ertönten danach verschiedenste Dialektbeispiele der deutschen Sprache, die die Klausenburger Gruppe überraschenderweise mehrheitlich erfolgreich zuordnen konnte. Im Anschluss an den Länderabend wurden die erlernten Schrittfolgen auf der Tanzfläche bis spät in die Nacht angewendet.
Die Organisatoren des Seminars blicken optimistisch in die Zukunft dieser wertvollen Kooperation. Prof. Dr. Jeuk sicherte zu, dass das Seminar mindestens noch für die kommenden drei Jahre fest eingeplant ist. Zwar schloss er nicht aus, dass es anschließend aus biographischen Gründen zu einer Erneuerung und einem „neuen Gesicht” kommen könnte – die Essenz der Kooperation soll jedoch weiterleben, in enger Kooperation mit der Donauschwäbischen Kulturstiftung des Landes Baden-Württemberg, die alles überhaupt ermöglichte. Sein Dank galt auch der Evangelischen Akademie Siebenbürgen, die ihr Tagungshaus in Neppendorf zur Verfügung stellte. Es bleibt also ein weiteres interkulturelles Band zwischen Deutschland und Rumänien fest bestehen.
Max GALTER
Katharina HENSEL