Viertes Konzert im Rahmen des Enescu-Festivals in Hermannstadt
Ausgabe Nr. 2930

Der Pianist David Fray und der Geiger Daniel Lozakovich bedanken sich bei dem Publikum im Thaliasaal. Foto: FB Enescu la Sibiu
Junge Musiker erreichen auf ihrem Instrument heutzutage ein Niveau, von dem Künstler aus früheren Zeiten nur träumen konnten. Dies beweist sich immer wieder, wenn Internationale Wettbewerbe stattfinden oder ein Spitzenorchester eine vakante Stelle ausschreibt.
Bewerben muss sich allerdings der junge Geiger Daniel Lozakovich nirgendwo – er steht bereits an der Spitze der Leistungspyramide. Damit ist nicht einmal das technische Vermögen gemeint, bei dem es gilt, viele Töne möglichst schnell herunterzuspielen und den Bogen sicher zu führen, sondern Daniel Lozakovich verfügt mit seinen gerade einmal 23 Jahren über ein sehr hohes Niveau an musikalischer Intelligenz, die es ihm erlaubt, sich ganz um die Musik zu kümmern, die er spielt – die Technik ist da, aber wird der Kunst untergeordnet.
Der junge Geiger, der in Karlsruhe und Genf studiert hat, wurde in Stockholm geboren als Kind weißrussisch-kirgisischer Eltern. Seinem Lebenslauf ist zu entnehmen, dass er etliche Verbindungen zu russischen Musikern hat, die ihn von früh an sehr förderten wie etwa Vladimir Spivakov oder sein Karlsruher Lehrer Josef Rissin – man kann also sagen, dass er in seiner Ausbildung die hochkarätige und berühmte russische Schule durchlaufen hat.
Im Konzert des Enescu-Festivals im Thalia-Saal trat er gemeinsam mit David Fray auf, ein gestandener französischer Pianist, dem bereits ein Ruf als kompetenter Interpret, insbesondere von Werken Johann Sebastian Bachs vorausgeht.
Es fällt von Anbeginn des Konzertes auf, wie intensiv er auf die Spielweise seines Partners eingeht, ohne dabei seine sehr eigenständige Rolle dabei aufzugeben. Sein Anschlag ist hell und hart und nicht gerade leise, was zu Beginn zu Irritationen führt, als nämlich die erste Bach-Sonate in h-moll, die, wie jede der sechs Bachsonaten mit einem langsamen Satz beginnt, das Konzert eröffnet. Lozakovich legt diesen Satz wie ein Selbstgespräch an, leise und zurückgenommen, wobei das Klavier ihn hier ziemlich übertönt. Da Bach seine Sonaten als erste ihrer Art für zwei gleichberechtigte Partner angelegt hat, nimmt David Fray da keine Rücksicht. Spätestens jedoch mit dem zweiten Satz, einer flotten Fuge, haben beide den gemeinsamen Klang gefunden. Es entwickelt sich ein perfektes Zusammenspiel, bei dem vor allem das „Jeu inégal“ des Pianisten auffällt, ein Stilmerkmal der Barockzeit, bei dem die Töne eben nicht uhrwerkartig abgespult werden, sondern winzige Verzögerungen erfahren (heute findet man eine solche Spielweise wieder beim Jazz). Im dritten Satz der Sonate führt das dazu, dass – unerwartet bei Bach – die Triolen so gespielt werden, dass man als Hörer unwillkürlich aus dem Takt gerät. Lozakovich setzt dem Klavier, das ihn fordert und weitertreibt, eine souveräne Haltung entgegen mit seiner eigenen unprätentiösen Spielweise. Wenn sich dann die Stimmen der beiden Instrumente kompositorisch ineinander verschlingen, ist ein musikalisches Einverständnis erreicht, wie es mitreißender nicht sein kann. Da beginnt auch der junge Geiger zu lächeln und seine Freude zu zeigen. Es folgt Bachs zweite Sonate in E-dur mit einem langsamen Beginn, bei dem das Klavier zur reinen Akkordbegleitung wird. Lozakovitch setzt die Melodie so wehmütig (nicht kitschig!) darüber, dass es zum Weinen schön ist. Aus dieser Stimmung holt einen das fröhliche, unkomplizierte Fugenthema des zweiten Satzes wieder heraus.
Nach einer kurzen Unterbrechung folgt Beethovens „Kreutzersonate“, knapp 100 Jahre nach Bachs revolutionären Werken im Jahr 1803 geschrieben. Es ist bereits seine letzte Sonate für diese Besetzung und auch die längste. Im ersten Satz sind Kontraste das Hauptthema. Es wird dramatisch, und man kann nur staunen, was aus einer Stradivari-Geige an kräftigem Ton herauszuholen ist. Der endlos lange zweite Satz zeigt dann in vielfältigen Variationen des Themas alles kompositorisch nur Vorstellbare: von einfachen Melodieformen, die vom anderen Instrument nur begleitet werden, bis zu komplexem Miteinander von Geige und Klavier – und das bei hohen technischen Anforderungen. Es ist gerade das Miteinander der beiden Musiker, das hier ein hohes Niveau erreichen lässt, wie man es bei weitem nicht immer hört. Dieses intensive Zusammenspiel mit dramatischen Momenten, aber auch einigen Verzögerungen im pianissimo, beherrscht auch den dritten Satz und führt schließlich zum energischen Ende. Wie intensiv Lozakovich in die Interpretation eingestiegen ist und seinen Bogen beansprucht hat, konnte man auch daran erkennen, dass drei Bogenhaare nacheinander daran glauben mussten.
Es war ein intensives Konzert im Thalia-Saal, das die beiden Musiker mit einer „entspannenden“ Zugabe beendeten: „Salut d’amour“ von Edward Elgar.
Elisabeth DECKERS