Zweites Konzert im Rahmen des Enescu-Festivals in Hermannstadt
Ausgabe Nr. 2928

Alexandra Silocea, Patricia Nolz und Laëtitia Eïdo (v. l. n. r.) ernteten begeisterten Applaus. Fotos: Beatrice UNGAR
„Klimt meets Bösendorfer”: Ein rätselhafter Titel für ein Konzert, der sich aber schnell als passendes Motto entpuppt. Nachdem wegen des schlechten Wetters das zweite Konzert des Enescu-Festivals aus dem Innenhof des Brukenthalpalais in den Thaliasaal verlegt worden war, füllte sich dieser doch recht schnell mit interessierten Besuchern, die gespannt darauf warteten, was sich hinter dem angekündigten Titel verbirgt.
Der Name Gustav Klimt ist bekannt. Der Malerfürst aus Wien war gegen Ende des 19. Jahrhunderts in seiner Stadt durch radikale Abwendung von der Tradition aufgefallen. Zusammen mit einer Reihe namhafter Kollegen gründete er die sogenannte „Secession“, ein Gebäude, in dem moderne Malerei gezeigt wurde, etwa die Impressionisten aus Frankreich, was im geruhsamen Wien zu Aufregung und Entsetzen führte. „Malerfürst“ wurde er durch seine Werke, die international bald so anerkannt und bewundert wurden, dass er in seiner Heimatstadt, immerhin zur damaligen Zeit die kulturelle Hauptstadt des deutschsprachigen Raums, den Ton in der bildenden Kunst angab.
Des weiteren muss an dieser Stelle auch der Name Bösendorfer erklärt werden. Hatte es im Wien des 19. Jahrhunderts zunächst an die 100 Klavierbaufirmen gegeben, so bildete sich allmählich die Firma Bösendorfer als die erfolgreichste heraus, was die Klangqualität und die handwerkliche Kunst betraf. So kam es, dass Bösendorfer-Klaviere von vielen Pianisten für ihre Konzerte bevorzugt wurden (heute sind das eher die Flügel von Steinway) und auch das Großbürgertum ließ es sich nicht nehmen, einen „Bösendorfer“ im Salon, zum Gebrauch der klavierspielenden Töchter zu haben. Der große Franz Liszt soll die Bösendorfer Flügel auch deshalb bevorzugt haben, weil sie seiner kraftvollen Musik und Spielweise Stand hielten, während andere Flügel nach einem Liszt-Konzert ruiniert waren.

Eine der vier Kunstschülerinnen, Ștefana Boabeș (11. Klasse, aus der Klasse der Graphiklehrerin Anca Serfözö, an der Staffelei.
In dem Konzert im Thaliasaal ging es also um die Musik der Jahrhundertwende, aber auch um die Musik, die Gustav Klimt besonders gern hörte, wie z. B. eben Werke von Liszt oder Lieder von Schubert. Um die Epoche des Impressionismus, des Symbolismus und des Jugendstils zu beleuchten, in der Klimt und seine Malerfreunde nach einem eigenen Weg in ihrer Kunst suchten, hatten die drei Künstlerinnen des Abends ein Programm zusammengestellt, in dem es neben der Musik auch um Dichtung aus jener Zeit ging. Im Wechsel mit der Musik trug die französische Schauspielerin Laëtitia Eïdo Texte vor, in denen es vorwiegend um die Natur als Symbol menschlicher Gedanken und Gefühle ging. Sie las auf Englisch, was wohl dem internationalen Publikum einer Konzerttournee geschuldet ist. Sie las aber sehr verständlich, zurückhaltend und nachdenklich im Ton, so dass sie die volle Konzentration der Zuhörer auf die Gedichte lenkte. Diese waren aus unterschiedlichen Ländern und von Dichtern, die sich vorwiegend dem Symbolismus verschrieben hatten. Im Wechsel mit den Texten gab es zu Beginn vier Lieder von Schubert, gesungen von der österreichischen Mezzosopranistin und Mitglied der Staatsoper Wien, Patricia Nolz, darunter das bekannte Lied „Der Lindenbaum“ und „Leise flehen meine Lieder“. Auch hier werden Gefühle evoziert und in Beziehung zur Natur gesetzt. Patricia Nolz sang mit warmem Timbre und zurückhaltendem, natürlichem Ausdruck, so dass auch hier, wie bei den Gedichtlesungen, das Werk es war, das im Vordergrund stand.
Nun ist es an der Zeit, den Blick dem Bösendorfer Flügel und seiner Pianistin, Alexandra Silocea zuzuwenden. Schon bei der Liedbegleitung zeigte sich die besondere Qualität des Flügels. Der Interpretation der Sängerin entsprach der weiche aber trotzdem präzise Ton, der niemals scharf hervorsticht wie das bei einem „Steinway“ der Fall ist. Der Klang kann sehr wohl kräftig und laut sein, aber es ist, als ob ein hauchdünner Nebelschleier über all dem läge, ohne dass irgendeine Phrase nicht trotzdem klar herauskäme. Das zeigt sich auch in den Klavierstücken, die Alexandra Silocea zwischen die Gedichte streute. Die Pianistin aus Constanţa hat in Bukarest, Wien und Paris studiert und ist inzwischen in Frankreich beheimatet. Seit über 20 Jahren liebt sie den Bösendorferklang und hat nun daraus das Konzept dieses Konzerts entwickelt. Was sie vorträgt von Liszt, Debussy, Schumann (und ihrem „Lieblingskomponisten“, dem zeitgenössischen türkischen Pianisten und Komponisten Fazil Say) passt nicht nur zu den Schubertliedern, sondern nimmt auch den erzählerischen Aspekt auf. Hier geht es nicht mehr um bestimmte, fest definierte Formen wie in der Epoche der Klassik. Die Formen lösen sich im 19. Jahrhundert auf zugunsten einer sehr persönlichen Aussage des Komponisten, bei dem Klangfarben, Anschlagstechniken und virtuose Momente zum wichtigen Ausdrucksmittel werden. All das beherrscht Alexandra Silocea perfekt.
Sie hat übrigens einen besonderen Bösendorfer Flügel mitgebracht. Er gehört zu einer limitierten Auflage, die sich an die Klimtzeit anlehnt: Die Verzierungen sind mit Gold belegt und im hochgeklappten Deckel sieht man ein florales Muster, ebenfalls in Gold und damit an berühmte Werke von Klimt erinnernd („Der Kuss“). Zum Schluss, als der Notenhalter aufgeklappt wird, erscheint noch ein weiterer Hinweis zum Motto des Abends: In goldenen Lettern steht da geschrieben: Ver sacrum (Heiliger Frühling). Dies war eine Kunstzeitschrift von 1897, in der die Künstler des „Fin de Siécle“ wie Gustav Klimt zum Aufbruch in eine neue (Kunst-)welt aufriefen.
Das Publikum erklatschte sich noch drei Zugaben: Ein Gedicht von Eminescu – diesmal auf rumänisch vorgetragen, einen Walzer von Chopin und schließlich mit Pianistin und Sängerin gemeinsam ein Lied aus den dreißiger Jahren, das durch die Comedian Harmonists berühmt geworden ist: „So oder so ist das Leben“. Auch das eine Aussage, die zum Abend passte.
Da nun kein Gemälde von Klimt für den Abend mal so eben zur Verfügung stand, das Thema Kunstmaler aber zum Abend gehörte, hat man sich eine nette Geste ausgedacht: Vier Schülerinnen der Kunstschule saßen während des Abends mit ihrer Staffelei am Rand und zeichneten ihre Eindrücke.
Elisabeth DECKERS