Tagebuch von Hermann Rehner neuaufgelegt
Ausgabe Nr. 2928

Hermann Rehner: Wir waren Sklaven. Tagebuch eines nach Russland Verschleppten. Mit einem Vorwort von Hannelore Baier, Schiller Verlag Bonn-Hermannstadt 2025, 201 Seiten, ISBN 978-3-949583-69-8, 39 Lei. In Hermannstadt liegt das Buch in der Schiller-Buchhandlung und im Erasmus-Büchercafé auf.
Gelegentlich des 90. Geburtstags von Hermann Rehner am 9. August 1993 wurde sein Tagebuch über die Russlanddeportation veröffentlicht. 2025 jährt sich der Deportationszeitpunkt zum 80. Mal. Aus diesem Anlass erschien auf Wunsch seiner Tochter Helga Pitters, geborene Rehner, die vorliegende Neuauflage im Schiller Verlag Bonn-Hermannstadt. Wie die Verleger schreiben, wurde die historisch und völkerrechtliche Bezeichnung Russland beibehalten, weil im damaligen Sprachgebrauch der Siebenbürger Sachsen Russland und die Sowjetunion meistens gleichgesetzt wurden.
Im Januar 1945 begannen bereits die Aushebungen. Frauen zwischen 18 und 30 Jahren und Männer zwischen 17 und 45 Jahren wurden in Viehwaggons in die Ukraine gebracht, um an dem Wiederaufbau der zerbombten Regionen mitzuarbeiten.
Hermann Rehner war bereits 42 Jahre alt und Direktor des evangelischen Landeskirchenseminars für Jungen in Hermannstadt. Wie es ihm gelungen ist, seine Tagebuchaufzeichnungen in einen Kalender zu schreiben, ist eine fast übermenschliche Leistung. Natürlich waren das nur stichpunktartige Ereignisse und Eintragungen, die dann nach seiner Rückkehr aus der Deportation akribisch bearbeitet wurden. Das Lager Enakiewo, heute Jenakijewe, in das Rehner verschleppt wurde, lag in der ukrainischen Sowjetrepublik, im derzeit russisch besetzten Teil des Donbass.
Hermann Rehners Verdienst besteht auch darin, das Leben der Deportierten in allen Facetten dargestellt zu haben. Er selbst war an der Arbeit an den Hochöfen zugeteilt, eine Knochenarbeit, besonders für ihn als Intellektueller, war er doch Theologe und Lehrer. Die harte Arbeit sowie das fast ungenießbare Essen hatten als Folge, dass in Kürze die ersten Deportierten starben. ,,Am Morgen versuchte ich die Krautsuppe und das klitschige Brot zu essen, spieh es aber aus.“ (Tagebuch 29. Januar 1945)
Diebstähle, nicht nur von ukrainischer Seite, sondern auch unter den Deportierten, waren auf der Tagesordnung. Die Besatzer hatten es vor allem auf die bessere Kleidung der Deportierten, sowie auf deren Uhren abgesehen: ,,Dawai chias!”
Die Russlandverschleppten durften auch Briefe in die Heimat schreiben, man durfte aber nur positive Beurteilungen über die Lager im Arbeitslager machen. Der ständige Hunger hatte als Folge, dass die Deportierten oft gereizt waren. Immer öfter gab es unter unseren Landsleuten heftige Auseinandersetzungen.
Am 27. Mai schreibt Hermann Rehner in sein Tagebuch, dass gerade Pfingsten sei und er erinnerte an die mit Maien geschmückten Kirchen.
Am 10. Juli 1945 notiert Rehner in sein Tagebuch: ,,Täglich brechen Leute zusammen und werden von der Arbeit befreit.” Er übernahm auch die Vorstandschaft der Invaliden, keine leichte zusätzliche Arbeit.
Am 20. August 1945 ist Folgendes im Tagebuch zu lesen: ,,Das große Sterben der Hungernden beginnt. Sie legen sich erschöpft auf ihr Bett und erlöschen. Einer rief nach seiner Mutter, dann war er tot.”
Wegen seines angeschlagenen Gesundheitszustands durfte Hermann Rehner mit einem der ersten Transporte in die Heimat zurückkehren. In seinem Tagebuch, das er in der Hosentasche mitgenommen hat, ist dazu Folgendes vermerkt: ,,In der Frühe soll der Zug abfahren. Vorher noch lässt mich die neue Ärztin hinausrufen. Wieder so dick, sagt sie, zeigt auf meine geschwollenen Wagen und gibt mir gute Ratschläge.” Weihnachten kann er erneut im Kreise seiner lieben Familie, mit Frau und Kindern, verbringen.
Nach der Rückkehr aus der Deportation war Hermann Rehner Lehrer in Hermannstadt, unterrichtete die Fächer Geschichte und Religion. Anschließend war er Pfarrer in Leschkirch, dann Professor am Protestantischen Theologischen Institut Klausenburg, und als letzte Dienststelle übernahm er bis zu seiner Pensionierung die Pfarrstelle in Hundertbücheln, im Oberen Harbachtal.
Was vor achtzig Jahren mit über 70.000 Rumäniendeutschen durch die Russlanddeportation geschehen ist, darf niemals in Vergessenheit geraten, sondern soll in ewiger Erinnerung bleiben. Hermann Rehner hat mit seinem Tagebuch den Russlanddeportierten ein Denkmal gesetzt.
In ihrem Vorwort weist die Journalistin Hannelore Baier darauf hin, dass in Rehners Tagebuch bei der Neuauflage redaktionell „unwesentliche Eingriffe vorgenommen worden” seien, „wo es um Einzelheiten aus dem Leben seiner Familie geht. Vermieden wurden stilistische Umformulierungen, d.h. die aus der siebenbürgisch-säschsischen Mundart übernommenen Redewendungen oder aus der Umgangssprache stammenden Ausdrücke sind beibehalten worden.”
Helmut LEONBACHER