Musikalische Sternstunde im Thaliasaal

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Erstes Konzert im Rahmen des Enescu-Festivals in Hermannstadt

Ausgabe Nr. 2927

Rafał Blechaz und das Sinfonia Varsovia-Orchester. Foto: FB Enescu la Sibiu

Im Rahmen des George Enescu-Festivals konnte Hermannstadt einen beeindruckenden Abend mit dem Sinfonia Varsovia-Orchester unter der Stabführung von Marta Gardolińska und dem Pianisten Rafał Blechacz als Solist erleben. Das erste der fünf Konzerte, die im Rahmen des Enescu-Festivals auch nach Hermannstadt kommen, bot gleich Musik auf höchstem Niveau.

Das Programm war eigentlich nicht auffällig: Es gab eine Ouvertüre der polnischen Komponistin Grażyna Bacewicz (1909-1969), die schottische Sinfonie von Felix Mendelssohn Bartholdy und dazwischen das unverwüstliche und jedem bekannte 1. Klavierkonzert von Frédérik Chopin. Viele der Besucher hatten sicher eine hochromantische Vorstellung, wie sie so häufig abläuft, im Ohr. Rafał Blechacz, der vielgerühmte junge Pianist aus Polen, Gewinner des Chopin-Wettbewerbs und studierter Philosoph, räumte mit dieser Vorstellung gründlich auf. Was er da präsentierte, hatte nichts mit dem späteren Chopin der Romantik zu tun. Glasklar war sein Anschlag, wo ein Forte verlangt wurde, spielte er es, konnte aber auch mit leisestem Pianissimo den Atem verschlagen. Die sonst bei Chopin häufig eingestreuten Rubati (künstliche Verzögerungen), fanden kaum statt, und wenn, dann an überzeugenden Stellen. Die linke Hand diente nicht nur als Baßbegleitung, sondern hatte eine wichtige Rolle. Nichts wies auf einen Komponisten der Romantik, sondern man verstand, dass der gerade 20-jährige Komponist in diesem Jahr 1830 sich auf die Vorbilder seiner Zeit bezog, als da waren Bach und Mozart, aber auch die bewunderten Klaviervirtuosen wie ein Nepomuk Hummel. Die zahlreichen beeindruckenden Läufe rücken bei Blechacz aber nicht in den Vordergrund, sondern bleiben eher beiläufig der Melodie untergeordnet, wie sie Chopin schon in so jungen Jahren meisterhaft anwenden konnte. Überhaupt wurde die enorme Virtuosität, die das Werk verlangt, eher in den Hintergrund gerückt zugunsten eines kongenialen Zusammenspiels mit dem Orchester, das jeder noch so kleinen musikalischen Bewegung des Klaviers traumsicher folgte. So kam es, dass man sich beim Zuhören nicht etwa gemütlich im Sessel zurücklehnte, um allzu Vertrautes an sich vorbeirauschen zu lassen, sondern es machte große Freude, hellwach einmal etwas Neues zu hören.

Dass Blechacz eine ungewohnte Facette von Chopin herausstellen wollte, zeigte sich auch bei der Zugabe: Nicht etwa eines der späteren Werke, für die Chopin in Paris damals so geschätzt wurde, gab es zu hören, sondern ein Rondo von Beethoven in G-Dur. Und die Überraschung war, dass dieses Stück eine Reihe von Merkmalen aufwies, die man bei Chopin schon gehört hatte, etwa Verzierungen der Melodietöne oder virtuose Läufe innerhalb des Themas.

Nach der Pause spielte das polnische Orchester die dritte, die sogenannte Schottische Sinfonie, von Felix Mendelssohn Bartholdy, zu der der Komponist auf seinen Reisen nach Schottland inspiriert worden war. An dieser Stelle muss unbedingt die großartige Dirigentin des Abends genannt werden. Hatte sie schon einen großen Anteil daran, dass sich bei Chopin Orchester und Pianist traumhaft ergänzten, so zeigte sich nun in der Sinfonie, mit welcher Präzision und musikalischen Vorstellungskraft sie die Musiker nicht nur führen, sondern auch anregen konnte, das Äußerste zu geben. Damit ist nicht etwa ein schnelles Tempo gemeint, sondern eine enorme Intensität und Ausdruckskraft, die die Zuhörer unmittelbar mitnehmen konnte, ohne dass je ein „reisserischer“ Gestus entstanden wäre – das Maß wurde eingehalten. Diese junge polnische Dirigentin namens Marta Gardolińska war der Dreh- und Angelpunkt des gesamten Programms. Sie ist bestrebt, in ihren Konzerten die Komponisten ihrer Heimat aufzuführen – zu Recht, denn es gibt in Polen nicht nur Chopin, sondern zum Beispiel auch Grażyna Bacewicz. Diese hat sich schon zu ihren Lebzeiten als Geigerin und Komponistin einen Namen gemacht und ihre Werke werden inzwischen immer öfter ins Konzertprogramm aufgenommen. Im Thaliasaal begann der Abend mit einer Ouvertüre, die sie 1943 geschrieben hat. Es überrascht, wie hier ein Teppich an Klang gewebt wird, aus dem immer wieder Neues entsteht. Alles bleibt durchsichtig, man hört jedes Instrument, was nicht nur der trockenen Akustik des Saales zu verdanken ist, sondern der klugen Klangdisposition von Dirigentin und Orchester. Es kommt eine Leichtigkeit und eine Fröhlichkeit zum Vorschein, die verwundert, angesichts der Komposition mitten in der schlimmsten Zeit des 2. Weltkriegs.

Bleiben noch zwei Dinge zu erwähnen: Zum einen der rote Faden, der das Warschauer Orchester mit dem Enescu-Festival verbindet: Die Verbindung heißt Yehudi Menuhin. Der große Geiger hat als Wunderkind bei Enescu Unterricht gehabt. Deshalb wurde er eingeladen, das Festival 1995 zu eröffnen und im Jahr 1998 fungierte er als dessen Ehrenpräsident. Die Sinfonia Varsovia war das hervorragende Polnische Kammerorchester, bis Yehudi Menuhin es maßgeblich darin unterstützte, zu einem ausgewachsenen Sinfonieorchester zu werden. Das war 1984. Bis 1999 blieb Menuhin dem Orchester als Ehrendirigent verbunden.

Die zweite Bemerkung darf nicht fehlen: Während des letzten Satzes von Mendelssohns Sinfonie, senkte sich auf die Bühne des Thaliasaals eine riesige Leinwand mitten durchs spielende Orchester, so dass für die Dirigentin nur noch die vordersten Reihen der Musiker zu sehen waren. Das Konzert konnte aber dank der Erfahrung aller heil zu Ende gebracht werden. Erst nach dem starken Applaus und dem Aufbruch der Musiker von der Bühne, hob sich die Leinwand wieder – leider zu spät, um noch eine Zugabe erwarten zu können.

Elisabeth DECKERS

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Musik.