Bücher sind wieder gefragt!

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Streiflichter von der 15. Auflage der Messe Buch Wien 2023 / Von Ingrid WEISS

Ausgabe Nr. 2843

Beim Stand des Deutschen Kulturforums östliches Europa Potsdam (v. l. n. r.): Ingrid Weiss, Tanja Krombach und Thomas Perle. Foto: Heinz WEISS

„Von allen Welten, die der Mensch erschaffen hat, ist die der Bücher die Gewaltigste“ sinnierte Heinrich Heine. Es gibt unzählige Gründe, ganz besonders in unserer schnelllebigen Zeit, die rund um die Uhr nicht mit Reizüberflutung geizt, warum man – egal welcher Altersgruppe zugehörig – ganz bewusst zum Buch greifen soll. Lesen macht nicht nur schlau, sondern kann alle Bereiche der eigenen Persönlichkeit positiv beeinflussen – bis hin zu Gesundheit, Auftreten, Leistungsfähigkeit und Wissen. „Bücher sind eine einzigartige tragbare Magie“ – so kennzeichnet der US-amerikanische Schriftsteller Stephen King seine Affinität zu Büchern.

 

In Wien drehte sich vom 8. bis 12. November 2023 wieder alles um das Buch bei der 15. Auflage der Buch Wien, größte Buchmesse und Literaturevent der österreichischen Buchbranche. Über 350 Bühnengespräche, Podiumsdiskussionen und Vorträge mit mehr als 400 heimischen und internationalen Schriftstellern und Experten aus 25 Nationen versprachen regen Meinungsaustausch – mit vielen hunderten ausstellenden Verlagen ist die Buch Wien ein Ort der Inspiration und der Konversation. Das Rumänische Kulturinstitut Wien startete seine Beiträge zur Buch Wien – in Zusammenarbeit mit dem PEN Rumänien und dem Poesia Galerie Festival – mit einer Diskussionsrunde zum Thema „Die Stimme der Poesie in der Zeit der Waffen“. Radu Vancu, Schriftsteller und Professor an der Lucian Blaga-Universität Hermannstadt und Universitätsprofessorin Miruna Vlada (Bukarest) bestritten unter der Leitung von Radiomoderatorin Mihaela Dedeoglu diesen Abend. Die Debatte zielte einerseits darauf ab, die Fähigkeit von Schriftstellern zu untersuchen, authentische bürgerliche Stimmen zu werden, und andererseits die Rolle der Literatur im neuen kulturpolitischen Rahmen zu erforschen, also ihre Fähigkeit, sowohl geografische als auch sprachliche Grenzen zu überschreiten. Besonders interessant und aktuell wurde die Debatte, als sich der Botschafter von Rumänien in der Republik Österreich, S.E. Emil Hurezeanu in die Diskussionsrunde einklinkte. Obwohl ich aufgrund der Sprachbarriere nicht allem folgen konnte, denke ich, dass dieses Thema höchst aktuell ist und wegen seiner Brisanz mit Nachdruck u. a. in diversen Foren des westlichen Kulturkreises eine mahnende Stimme erhalten sollte. Schlussendlich wäre es eine außerordentliche Chance, einen konstruktiven Beitrag für die Menschheit zu leisten, denn die Europäische Union versteht sich ja als Friedensprojekt.

Doch zurück zur Buch Wien: In der Messehalle D angekommen, war ich über den Menschenansturm ziemlich erstaunt: Zahlreiche Schülergruppen unterschiedlichen Alters, unzählig interessierte Senioren, aber auch Studenten sowie wissbegierige Mitbürger. In den Ausstellungskojen der Verlage prangten unübersehbar die druckfrischen Neuerscheinungen und freundliche Mitarbeiter luden zum gemütlichen Verweilen ein. Das auf mich einströmende Überangebot an wahrscheinlich erstklassiger Lektüre verwirrte mich ein wenig und so beschloss ich, zuerst einen Rundgang durch die Ausstellungshalle zu unternehmen. Ich schlenderte durch die Gänge, ließ meinen Blick von Stand zu Stand schweifen, passte auf, dass ich dabei nicht von einer Horde Schüler überrannt wurde oder über einen kleinen Einkaufstrolley stolperte, den manch Messebesucher gedankenverloren hinter sich nachzog, um darinnen Flugblätter, ergatterte Werbegeschenke, Gewinne bei drehbaren „Glücksrädern”, aber auch jedwede Gratisbroschüren zu sammeln. Ich besuchte die einzelnen Bühnen, wo viele Besucher Vorträgen, Interviews oder Diskussionen lauschten. Dabei erinnerte ich mich, dass mich die Leiterin des Rumänischen Kulturinstituts Wien, Andreea Dinca auf die Bedeutung der Donau Lounge aufmerksam gemacht hatte, wo das Rumänische Kulturinstitut eine Podiumsdiskussion zum Thema „Die Welt durch Übersetzungen vernetzen“, eine Debatte über „Die Zukunft der Helden“, wobei man sich mit der Aktualität der Nationaldichter auseinandersetzte, ein Gespräch mit der Schriftstellerin Tatiana Țîbuleac und eine Konferenz „Brâncuși, näher an Wien“ von Doina Lemny präsentierte.

Gezielt suchte ich den Ausstellungsstand des Rumänischen Kulturinstituts Wien auf, um dort zufällig auf Radu Vancu und Miruna Vlada zu treffen, die ebenfalls die Buchmesse besuchten. Leider machte es der Lärm in der Halle unmöglich, ein weiterführendes sowie vertiefendes Gespräch zu der am Vorabend stattgefundenen Debatte zu führen. Ich lief einige Schritte weiter und sah am Boden eine große Landkarte, vor der einige Schüler knieten. Hier war definitiv Wissen gefragt – bei richtiger Lösung rückte ein Sachpreis in greifbare Nähe. Bei den Jugendlichen rauchten die Köpfe und ich ergründete den Stand des Deutschen Kulturforums östliches Europa. Die stellvertretende Direktorin und Verlagsleiterin Tanja Krombach machte mich auf eine Neuerscheinung aufmerksam: „Literarischer Reiseführer GALIZIEN – Unterwegs in Polen und der Ukraine von Marcin Wiatr. Bis heute habe ich es nicht geschafft mich geistig, aber auch seelisch auf dieses Werk einzulassen. Bei kürzeren Versuchen, das Buch quer zu lesen wurden mir als Leserin u. a. die schrecklichen Verbrechen gegenüber Menschen mit mosaischem Glauben eindrücklich vor Augen geführt. Der Historiker und Germanist Wiatr ruft der Leserschaft ins Bewusstsein, dass Galizien historische Lektionen bereithält, die uns alle in Europa angehen. Während die Jugendlichen die richtige Antwort zur Fragestellung mithilfe der Landkarte präsentieren konnten und unter Jubelgeschrei weiterzogen, blätterte ich in diversen Ausgaben der Zeitschrift Kulturkorrespondenz östliches Europa. Plötzlich fiel mein Blick auf ein Foto und ich stutzte. Unter der Headline „Das Kulturerbe ist in der Moderne angekommen“ fand ich ein Interview mit Thomas Perle, der seit Mai 2023 in der Kulturhauptstadt Temeswar als Stadtschreiber des Deutschen Kulturforums östliches Europa arbeitete. Während ich die Zeilen hastig überflog begrüßte mich eine bekannte Stimme und …..Thomas Perle, der frisch gekürte Nestroypreisträger stand neben mir. Die Freude war groß, die Begrüßung herzlich, wir tauschen einige Eindrücke zu der Preisverleihung aus. Mittlerweile wurden andere Besucher auf den jungen Autor aufmerksam und umringten ihn mit der Bitte um ein Autogramm. Lächelnd kam er dem nach und wir beschlossen, uns in nächster Zeit bei einer Wiener Melange zusammenzusetzen. Ich möchte unbedingt Details zu seinem neuen Stück „Sidy Thal“ erfahren. Es handelt von der bukowinisch-jüdischen Sängerin Sidy Thal beziehungsweise von dem Attentat, das in der Stadt im November 1938 von der rechtsextremen nationalistischen Bewegung der Legionäre bei einem ihrer Auftritte in Temeswar verübt wurde. Perle holt damit einen historischen Stoff ins Heute!

Während ich weiter eile informiere ich mich noch rasch über den Einfluss der sozialen Medien auf die Welt der Bücher und bekomme eine erstaunliche Antwort: Das Smartphone ist schon lange nicht mehr der Feind des Buches – ganz im Gegenteil, beide profitieren von einander, wie die Marketingleiterin einer großen überregionalen Buchhandlungskette glaubwürdig darstellte. Die Bücher werden auf diversen Plattformen wie zum Beispiel TikTok bzw. BookTok emotional besprochen und somit ist die Neugier der jungen User geweckt, das Buch wird bewusst gesucht, gekauft und gelesen. Dazu gibt es noch virtuelle Leserunden, wo sich die jungen Leute zum Inhalt des Buches auch austauschen können, mit dem entscheidenden Ziel, die Lust aufs Lesen zu wecken, aber auch zu pflegen.

Abschließend konnte ich dem Geschäftsführer des Hauptverbands des Österreichischen Buchhandels nur beipflichten: „Die Buch Wien ist mehr als nur eine Messe – sie ist eine Feier der gesamten Buchbranche, mitsamt all ihren Neuentwicklungen. Wir sagen Ja zu Prosa, zu Poesie und zu Popkultur.

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Bücher.