Heimat ist mehr als nur ein Zuhause

Streiflichter von der dritten Auflage der Seniorenkulturtage in Schwabach

Ausgabe Nr. 2744

 

Das Ehepaar Wolfram und Viorica Göll.                        Foto: die Verfasserin

Alle zwei Jahre organisiert der Schwabacher Seniorenrat seine Seniorenkulturtage seit 2017. Von Anfang an war das Motto der Seniorenkulturtage „Edelstahl statt altes Eisen“. Jetzt fanden die Seniorenkulturtage zum dritten Mal statt unter dem Zusatz: „Schwabach – Heimat für ALLE“. Die Eröffnung dieser Tage fand am Internationalen Tag der Senioren im Schwabacher Stadtmuseum statt. Und am Tag der Deutschen Einheit fand die Feier im Markgrafensaal statt.

Zur Eröffnung der dritten Seniorenkulturtage sollte Sylvia Stiersdorfer MdL, Beauftragte der Bayerischen Staatsregierung für Aussiedler und Vertriebene die Festrede zum Thema „Schwabach – Heimat für ALLE“ halten. Leider musste sie krankheitsbedingt absagen. Stattdessen hielt Karl Freller, 1. Vizepräsident des bayerischen Landtags und stellvertretender Vorsitzender im HdH Nürnberg, die Festrede etwas verkürzt, da er auch seine Begrüßungsrede noch halten wollte. Rosy Stengel, die Vorsitzende des Schwabacher Seniorenrats, begrüßte alle geladenen Gäste ganz herzlich. Durchs Programm führte an beiden Tagen Ulrich Ziermann, stellvertretender Vorsitzender des Seniorenrats. Peter Reiß, Oberbürgermeister der Stadt Schwabach und Schirmherr dieser Veranstaltung, sprach am ersten Tag die Schlussworte und am Tag des Festes im Markgrafensaal die Begrüßung. Für ihn ist Heimat ein starkes und großes Gefühl der Gemeinsamkeit.  An diesem Festtag ging es darum, aufzuzeigen, wie vielfältig  die Kulturen und Menschen in Schwabach sind, die heute hier leben. Darauf aufmerksam zu machen, wie sie die Geschichte der Stadt Schwabach geprägt haben und noch prägen.

Angefangen mit den Gastarbeitern aus Italien, Griechenland und Türkei kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, über die Vertriebenen und Flüchtlinge aus dem Sudetenland, Schlesien, Preußen, Siebenbürgen, dem Banat, Ungarn, das Ankommen der Spätaussiedler aus Siebenbürgen, Russland, Sibirien bis hin zu der großen Flüchtlingswelle von 2015. Alle haben in Deutschland und in Schwabach eine Heimat gefunden. Eingeladen vom Seniorenrat zu diesem Thema: ,,Schwabach – Heimat für alle“ wurden Menschen, die dies mitgemacht und durchgemacht haben. Bei der Eröffnung im Stadtmuseum Schwabach waren zwei Zeitzeugen zugegen, die als Flüchtlingskind nach Schwabach gekommen sind, damals als die Russen einzogen und die Preußen, Sudeten und Schlesier weg schickten weil sie Deutsche sind. Altoberbürgermeister Hartwig Reimann erzählte aus seiner Biografie, sein Ankommen und Erleben in ein ihm fremdes Land und seinen Werdegang, gespickt mit vielen selbsterlebten Anekdoten. Inzwischen ist er sogar Ehrenbürger seiner „Goldstadt“. Die Zweite im Bunde ist Sigrid Meier, die ein Buch darüber geschrieben hat, auf Bitten und Drängen ihrer Kinder. Denn sie hatte auf der Flucht alle Familienerinnerungen verloren. Der Titel „Verlorene Jugend? Auf den Spuren meines Bruders Carl-Ulrich Schipporeit“. Warum das Fragezeichen hinter dem Wort Jugend steht, erklärte Meier mit den Worten, dass sie immer viel arbeiten musste, viel lieber wäre sie zur Schule gegangen. Dieses Buch habe ihr geholfen, den vermissten Bruder zu finden. Nur leider zu spät für die Mutter der Autorin. Sie verstarb ohne je zu erfahren, was mit einem ihrer Kinder geschehen ist. Es rührte viele Zuhörer. Und unter den Senioren war das ein oder andere Kopfnicken zu sehen.

Am zweiten Tag sollten die italienische Tanzgruppe aus Schwabach „Tarantella“ und die Banater Trachten- und Tanzgruppe Nürnberg auftreten. Leider mussten beide Tanzgruppen krankheitsbedingt absagen. Es wurde kein Ersatz gefunden. Melanie Kling, Leiterin der Tanzgruppe Nürnberg, hat mir die Informationen zukommen lassen, die sie für Ziermann zusammengestellt hat zwecks Moderation. Hier einige Auszüge aus der Geschichte der Banater Schwaben: „Im 18. Jhd. expandierte das österreichisch- ungarische Kaiserreich nach Osten. Der Südostrand der ungarischen Tiefebene wurde Banat genannt und war damals ein sehr dünn besiedeltes Gebiet. Deshalb ermutigte die Kaiserin Maria Theresia deutsche und österreichische Bürger dahin um zu siedeln. Neben ihrem bisschen Hab und Gut nahmen sie ihre Trachten und Traditionen mit und gründeten neue Siedlungen.

Nachdem 1950 unter dem kommunistischen Regime die Situation in Rumänien immer schlechter wurde, sahen sich viele Banater Schwaben ab diesem Zeitpunkt gezwungen auszusiedeln und nach Deutschland zurück zu kehren, dabei nahmen sie ihre Traditionen, welche sie über Jahrhunderte gepflegt hatten, wieder mit. Wie ihre Ahnen Tracht und Tradition einst ins Banat getragen haben, so brachten die Rückkehrer diese wieder nach Deutschland zurück. Und wir versuchen diese Tradition hier in Deutschland aufrecht zu erhalten. Wir, das sind die Banater Trachtengruppe Nürnberg sowie die Kindertrachtengruppe Nürnberg. Als Zeichen, dass wir unsere Abstammung respektieren, ehren wir das Vermächtnis unserer Eltern und versuchen es weiter zu tragen und zu pflegen. Die Banater Trachtengruppe Nürnberg feierte im Juni 2020 ihr 40–jähriges Bestehen. Mehr als 200 Mitglieder waren in den letzten 40 Jahren trotz Generationenwechsel mit großer Begeisterung dabei und haben die Tanzgruppe ein Stück weiter begleitet und geprägt. Wir tanzen heute für sie verschiedene Tänze, wie z. Bsp.- die Veilchenblauen Augen oder die Jessicapolka.“

Für den zweiten Tag hatte der Seniorenrat auch einige Schwabacher „Zugezogene“ mit Migrationshintergrund eingeladen. Vertreten waren u.a.: Stephan Kosmann von den Heimatvertriebenen, der schon seit 63 Jahren in Schwabach lebt, Giovanni Piccolo aus Italien, Katharina Prokopjev, eine Wolgadeutsche, die Rumänin Viorica Göll aus Hermannstadt, die 1994 nach Deutschland gekommen ist. Viorica Göll geborene Lascu, besuchte in Hermannstadt das Industrie-Lyzeum, kam 1994 als frische Abiturientin nach Deutschland und arbeitete als Au-Pair-Mädchen. Sie wollte die deutsche Sprache, die Kultur und die Menschen kennen lernen. Ihre erste Station war Wendelstein, ein kleines Städtchen bei Nürnberg. Später zog sie nach Schwanstetten und danach nach Schwabach. Im Jahre 1989 lernte sie ihren jetzigen Mann Wolfram Göll in Hermannstadt kennen im Rahmen einer Hilfsaktion. Als gelernter Journalist mit Studium u. a. der Rumänischen Sprache, nahm er an verschiedenen Hilfstransporten für Rumänien teil. Und Wolfram Göll hat für die Hermannstädter Zeitung einige Beiträge geschrieben. 1995 haben Viorica Lascu und  Wolfram Göll geheiratet. Viorica Göll machte eine Ausbildung zur Arzthelferin. Nach der Geburt ihrer beiden Kinder schulte sie um auf Altenhilfe, fand dann aber eine Arbeit als Mittagsbetreuerin in der Förderschule Schwabach. Seit Juli 2020 ist Viorica Göll staatlich geprüfte Podologin und medizinische Fußpflegerin. Schwabach ist ihre Heimat geworden, wo sie vor kurzem die Praxis ,,Podologie Göll“ eröffnet hat.

Das Schwabacher Streichorchester unter der Leitung von Vladimir Kowalenko begleitete das zweitägige Programm musikalisch, und entführte das Publikum in die Welt der Liebenden, der Melancholie und des Frohsinns und der Freude.

Malwine MARKEL

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Gesellschaft.