„Die perfekte Spielwiese“

Das Social Business-Projekt in Probstdorf wird von Julius Fabini weitergeführt

Ausgabe Nr. 2620

Julius Fabini auf dem Großen Ring in Hermannstadt.
Foto: Werner FINK

Julius Fabini (20), ein Passauer Student mit siebenbürgischen Wurzeln, möchte das von der ehemaligen österreichischen Sozialattachée Barbara Schöfnagel in Probstdorf ab 2007 gestartete Social Business-Projekt wieder ins Rollen bringen und weiterführen. Mit vereinten Kräften von Senior-Experten und Dorfbewohnern sowie mit großzügigen Spenden aus Österreich wurde damals das seit der Wende dem Verfall preisgegebene sächsische Pfarrhaus saniert und zu einem Begegnungszentrum und Gästehaus mit einfachen Zimmern ausgebaut. Auf demselben Grundstück entstanden verschiedene Nebengebäude, in denen eine Schmiede, eine Holzwerkstatt und eine professionelle Obstverarbeitung als Produktions- und Lehrwerkstätten eingerichtet wurden. Nach und nach wurde auch die ehemalige sächsische Schule saniert und zu hochwertigen und stilvoll eingerichteten Gäste-Appartements ausgebaut. So wurden hier sieben Zimmer mit insgesamt 22 Betten sowie sieben hochwertige Appartements mit 14 Betten eingerichtet.

 

Die beiden Kernbereiche des Projektes – der Tourismus und die Produktion von biologischen Marmeladen und Säften – liefen über Jahre und brachten vielen Dorfbewohnern ein dringend benötigtes Einkommen. Im Jahr 2014 verabschiedete sich Schöfnagel in den Ruhestand. Fabini möchte nun die bereits vorhandenen Grundlagen wieder nutzen. Die Räumlichkeiten müssen wieder schön hergerichtet werden und ehemalige oder neue Mitarbeiter aus dem Dorf machen mit Freude mit, um eine neue Perspektive für die heute in Probstdorf lebenden Menschen zu schaffen. Fabini hat sich nun zum Ziel gesetzt „Menschen aus schwierigen Lebensumständen zu befreien und Biodiversität” zu schützen. Mittel für den Start des Projektes wurden mittels Crowdfunding akquiriert, allerdings sind Spenden oder Unterstützung zu jeder Zeit willkommen. Am 20. April ist Fabini Gastgeber des Transilvanian Brunch in Probstdorf. Mit Julius Fabini sprach der HZ-Redakteur Werner F i n k.

Wie kam es dazu, dass Sie das Projekt in Probsdorf wieder aufnehmen?

Ich hatte mehrere Ideen für Projekte und auch schon Praktika gemacht, z. B. in Boiu auf der Ferma Ecologica Țopa, die orthodoxe Kirche kennengelernt und die Menschen, ich hatte neue Einblicke erhalten. Selber bin ich in Deutschland aufgewachsen und mich spricht die Mentalität hier sehr an. Ich finde die Leute hier auf dem Land sehr ehrlich und herzlich in ihrem Umgang. In den letzten drei Jahren hatte ich eine Idee entwickelt, ein Modul zum Vertrieb von Produkten und Schaffung von zusätzlichen Arbeitsmöglichkeiten, über eine automatisierte Küche mit einem umgebauten Pfandautomaten, einer App und Plattform, welche zugleich den Vertrieb ermöglichen und Agrartourismus in den vielen schönen siebenbürgischen Dörfern schaffen sollte. Im Gespräch über dieses, erfuhr ich von meinem Großonkel in Schäßburg von Frau Schöfnagels Bemühungen in Probstdorf. Es hatte mir gut gefallen, weil es einige Ideen, die ich davor hatte, aufnimmt und mir die perfekte Spielwiese bietet, mein Konzept zu testen.

In welcher Phase befindet sich das Projekt gegenwärtig?

Wir sind dabei alles auszuräumen oder einzuräumen, sauber zu machen, die Genehmigungen zu beantragen und den Transilvanian Brunch vorzubereiten. Für die Finanzierung habe ich ein Crowdfounding in Deutschland gemacht, das erfolgreich gelaufen ist und über welches 16.000 Euro erreicht werden konnten. Im Moment befindet sich ein Fernsehteam in Probstdorf, welches sich auch über das Crowdfounding gemeldet hatte. Es wird einen kurzen Dokumentarfilm über Dorf und Projekt geben. Dank des Crowdfundings haben wir sehr viel Aufmerksamkeit bekommen, mehr als 160 Menschen haben uns unterstützt und über fünfzehntausend sind auf uns aufmerksam geworden, auch Stiftungen.

Was kann von der genannten Summe finanziert werden?

Von dieser Summe und eigenem Geld können wir Pfarrhaus, Schule und Garten herrichten, die Genehmigungsverfahren finanzieren und den Betrieb im ersten Sommer laufen lassen.

Worin besteht das Konzept?

Wir haben eine offene Plattform. Ein großes Thema ist die verlorengegangene Eigeninitiative. Viele Menschen haben keine Hoffnung, sind ein Leben lang von Resignation geprägt, sie sehen nicht die Möglichkeit, selbst etwas daran zu ändern. Zuerst im Niedergang des Kommunismus, danach in den 90ern und 2000er Jahren, wo immer mehr Menschen abgewandert sind. In vielen Dörfern sind oft nur die Alten und Schwachen zurückgeblieben.

Wir wollen mit unserer Plattform jedem die Möglichkeit geben, ein Angebot an Touristen zu stellen, oder ein Produkt über unseren Online-Markt zu platzieren, sich gut zu präsentieren. Wir wollen den Menschen auf kleinster Ebene zu ihrem eigenen Glück verhelfen.Eine Mischung aus Dorfmarketing, Kommunenarbeit und Online-Shop quasi.

Ab dem 20. April kann man mit Leuten aus dem Dorf sein eigenes Brot backen, seine eigenen Filzhausschuhe machen, eine Peitsche flechten oder seinen eigenen Schaps brennen. Wir bauen zur Zeit einen Terminplaner, wo verschiedenen Aktivitäten, die traditionell  in der Landwirtschaft durchgeführt werden, von den Ortsansässigen eintragen werden können und von Touristen begleitet werden dürfen.

Die Arbeiten im Garten sollen auch wieder aufgenommen werden?

Wir stellen als Absatzmöglichkeiten für die Leute Hilfe bereit, indem wir die Obstverarbeitung, Gemüseverarbeitung wieder aufnehmen und indem wir über traditionelle Samen, die wir angepflanzt haben usw., die ökologische Landwirtschaft stärken und so versuchen, Lokalwerbung einzuführen. Von verschieden Seiten werden wir mit traditionellem Saatgut unterstützt, vieles ist schon gepflanzt. Für Gemüse und Kräuter wollen wir später einmal als Samenbank fungieren und die Monokultur aus den verschiedensten Bereichen bekämpfen.

Gibt es die Möglichkeit, online Produkte zu bestellen?

Wir sind gerade dabei, einen Onlineshop aufbauen. Damit wollen wir auch in Richtung Heilkräuter gehen, weil die für den Onlineshop  von allen Produkten am besten geeignet sind. Ab heute steht die Software,  wir haben aber noch keine Produkte, die wir verkaufen können. Diese Saison müssen wir erstmal  vorfinanzieren. Im Winter kann man dann in Rumänien und Deutschland online bestellen.

Die App haben Sie entwickelt?

Gemeinsam mit der Plattform und einer automatisierten Küche habe ich die Idee entwickelt, zum Teil programmieren lassen und man kann die App jetzt im Playstore herunterladen. Wir sind stetig am Erweitern und Verbessern und können jederzeit neue Dörfer aufnehmen. Also die Funktionen sind da, man braucht Fotos und man braucht eine Geschichte. Grundsätzlich ist jeder willkommen, wir wollen nicht nur bei uns Leuten helfen, sondern auch woanders.

Die App ist jedoch primär für Kleinbauern gedacht, als Konsument können Sie diese nur nutzen wenn Sie eines unserer Produkte haben, Sie können aber auch jeden anderen QR-Scanner nehmen und das Profil auf unserer Website einsehen. Bei uns im Restaurant wird es so sein, dass wir die Hälfte etwa selber produzieren, und die andere Hälfte aus dem Dorf hinzukaufen.Darunter wird eine Mappe liegen mit allen Personen, mit Ihrem QR-Code und was von ihnen für dieses Gericht produziert wurde.

Alles befindet sich gerade im Umbau und Sachen werden miteinander abgestimmt.

Das Restaurant funktioniert bereits?

Das wird am 20. April in einer ersten Phase mit Terrassenbetrieb eröffnet. Wir sind aber in allen Verfahren drin und ich hoffe, dass wir es in zwei Monaten voll mit den Gästeappartements eröffnen. Als Freund des Projektes kann man allerdings auch in den derzeit wegen Brandschutz gesperrten acht oberen Zimmern übernachten.

Am 20. April veranstalten wir übrigens den Transilvanian Brunch, wo wir uns präsentieren. Nach dem gemeinsamen Essen mit 15 verschieden Gerichten und QR-Codes aus dem Dorf, folgt ein Rundgang mit der Vorstellung des Dorfes und der Produzenten und anschließend kann man bei einem der Workshops, welche die Köche, Hirten, Bauern etc. anbieten, mitmachen.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

 

 

 

 

 

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