HZ-Sonderpreis für Kreativität (III)

Ausgabe Nr. 2576

Die Neuntklässlern mussten zu diesem Bild eine Vorgeschichte schreiben und eine passende Überschrift finden.

Bei der Landesphase des Schülerwettbewerbs im Fach Deutsch als Muttersprache hat die Hermannstädter Zeitung für jede Klasse einen Sonderpreis für Kreativität vergeben. Außer einem Jahresabonnement, einer Jubiläumsmedaille, einem T-Shirt und einem Buch gehört zum Preis, dass die prämierten Aufsätze in der HZ veröffentlicht werden. In der aktuellen Ausgabe lesen Sie den Aufsatz des Schülers Andreas-Erick Lazăr (9. Klasse, Deutsches Goethe-Kolleg Bukarest).

 

Bis zu den Sternen

Es war ein drückend heißer Sommertag im Monat Mai. Der Wind hatte alle grauen Regenwolken festgeblasen und vor der strahlenden Mittagssonne konnte man sich nur im Schatten der Baumkronen verstecken. Mein Name ist in diesem Augenblick noch nicht wichtig, deshalb werde ich ihn noch nicht erwähnen. Trotzdem muss ich gestehen, dass das Leben außerhalb der Stadtgrenzen ziemlich anstrengend sein kann. Vielleicht übertreibe ich, eigentlich bin ich ein ganz gewöhnlicher Junge, der seit sechzehn Jahren mit dem Landleben Bekanntschaft gemacht hat. Vermutlich sind schon anderthalb Wochen vergangen, seit dem meine beiden Schwestern und ich Opfer des Geschehens wurden…

Wie ich bereits gesagt habe, war es ein durchaus warmer Sommertag und da mein Onkel einen Wohnwagen gemietet hatte, fand ein Familienausflug in die Kühle eines dichten Waldes statt. Drei Stunden Fahrzeit und schon konnten wir die frische Luft und den lieblichen Gesang der Vögel in den Bäumen genießen. Jedoch hatte die rabenschwarze Nacht eine andere Wirkung auf uns…

Am Lagerfeuer sitzend, lauschten wir den Geräuschen des Holzes bei der Verbrennung und bewunderten die nächtlichen Farben am Himmel, die die Abenddämmerung erzeugte. Plötzlich hörte meine kleine Schwester ein merkwürdiges Geräusch, das aus dem Wald kam. Vermutlich ein Eichhörnchen, sagte ich ohne den bunten Himmel aus den Augen zu lassen. Jedoch zwang mich das erschrockene Gesicht meiner Schwester, schnell nachzusehen und noch schneller zurückzukommen. Ächzend stand ich auf und begab mich in Richtung Waldrand. Ohne eine Taschenlampe war es schwer etwas zu erkennen, bis ich letztendlich über etwas Rechteckiges gestolpert bin. Augenblicke später sah ich mich wieder auf beiden Beinen stehen und musste feststellen, dass es sich um ein okkultes Buch handelte, welches in der Erde vor langer Zeit vergraben wurde. Ich nahm es in die Hand und konnte unter dem Staub eine Überschrift erkennen: „Chorus“. Beim Lesen konnte ich die Kälte fühlen, die meinen Mund verließ. Eine Kälte, die ich noch niemals gefühlt hatte. Plötzlich griff jemand meine Hand. Es waren meine beiden Schwestern, die meine Abwesenheit nicht mehr ertragen konnten. Ihre Blicke waren auf das Buch in meiner Hand gesichtet und fünf Minuten später saßen wir wieder am Lagerfeuer und öffneten die erste Seite. Die Schrift war ziemlich schwer zu verstehen, doch letztendlich konnten wir den Inhalt trotzdem erkennen: „Der Chorus dir eine Frage stellt, die dich dein ganzes Leben quellt. Meide seinen Blick, seine pechschwarzen Augen. Stilles Schweigen kannst du dir nicht erlauben. Kennst du keine Antwort auf das was er fragt, ist es vorbei, dann hast du versagt… Mit seinem Auge er in deine schaut. Deine Lebensfreude wird somit geklaut.“ Wir schauten uns gegenseitig an und betrachteten danach den unteren Teil der Seite: „Drei Personen sind notwendig, um den Fluch zu beschwören. Drei und nicht mehr als drei für das Aussprechen der folgenden Worte.“ Wir schauten uns erneut an und lasen den Spruch: „Chorus, komm und nimm uns mit, nimm uns mit in deine dunkle Welt zu dritt.“ Beim Aussprechen verlor ich das Gefühl in meinen Händen und ließ das Buch fallen. Meine Schwestern begannen zu lachen und die jüngere erinnerte sich daran, dass sie ihre Halskette im Wald aus Versehen fallen ließ. Ich stand auf und machte mich auf den Weg, denn schließlich wusste ich, worauf sie hinaus wollte. Es dauerte nicht lange, bis ich sie gefunden hatte, als mich plötzlich ein starker Wind aus dem Gleichgewicht brachte.  Vor mir konnte ich eine schwarze Gestalt erkennen, die einer Vogelscheuche ähnlich sah. Meine Gedanken gerieten außer Kontrolle. In dem Moment konnte ich erst begreifen, dass das Buch mit einem bestimmten Grund begraben wurde. Die Kreatur lächelte teuflisch und stellte mir seine Frage. Verwirrt und ängstlich versuchte ich seinen Anblick zu vermeiden, um klar nachdenken zu können, doch mir fiel keine Antwort ein. Sollte das wirklich so enden? Waren meine Träume und Ziele schon verloren? Sollte ich wirklich leblos wie eine Vogelscheuche enden? In dem Augenblick fielen mir die letzten beiden Zeilen aus dem Buch ein: „Der Chorus verlangt dein Leben, aber was wenn er selbst kann keine Antwort dir geben?“ Somit konnte ich tapfer mit einer Gegenfrage antworten und verlangte die Antwort auf seine Frage. Der Chorus begriff meine Vorgehensweise und geriet ins Schwanken. Hätte er mir die Antwort gesagt, so wusste ich sie danach, aber wenn er darauf verzichtete, kannte er selbst die Antwort nicht. Der Gedanke daran ließ den Chorus verschwinden und zwar für die Ewigkeit.

Langsam stand ich auf und stellte fest, dass das Buch wieder vergraben war. Ich stand wie eingefroren da, bis meine Schwester nach mir rief, um zu sehen, ob ich mich um das merkwürdige Geräusch gekümmert hatte. Es war als hätte es den Vorfall nie gegeben. Ich machte mich auf den Weg zurück zum Lagerfeuer und sammelte langsam meine Gedanken wieder auf.

Ich begriff, dass unsere Wünsche und Ziele dem Leben Farben geben und niemand sie beeinflussen darf. Letztendlich sind wir alle Menschen und ein Leben ohne Leidenschaft oder Lebensfreude lassen uns leblos erscheinen. Schließlich sind unsere Ziele den Sternen ähnlich. Jeder leuchtet am Nachthimmel, doch zusammen entstehen Konstellationen, die unseren Weg im Leben darstellen. Die Frage danach verbrachte ich damit, den Vorfall auf Papier zu bringen, was meine Liebe zur Schriftstellerei entfachte. Letztendlich konnte ich doch noch den richtigen Weg in meinem Leben nehmen, oder nicht?

Andreas-Erick LAZĂR

 

 

 

 

 

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