„Mit Bibliotheken die Welt retten”

9.000 Kinder- und Jugendbücher erscheinen jährlich in Deutschland
Ausgabe Nr. 2520
 

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Birgit Dankert, emeritierte Professorin für Bibliotheks- und Informationswissenschaft, hat den deutschen Kulturzentren und Bibliotheken in Rumänien durch das Goethe-Institut Bukarest rund 650 Bücher geschenkt. 80 hat das Deutsche Kulturzentrum Hermannstadt erhalten. Über Kinderliteratur und die Zukunft der Bibliotheken sprach Birgit Dankert mit der HZ-Redakteurin Ruxandra S t ă n e s c u.

 

Sie haben viele Bücher nach Rumänien geschickt…

Neben meiner wissenschaftlichen Tätigkeit habe ich immer kulturpolitische Ämter in der ganzen Welt wahrgenommen. Seit ich pensioniert bin, kann ich mich den Dingen widmen, die mir wichtig erscheinen, dass sich zum Beispiel die Kinder- und Jugendliteratur international verbreitet und den Kindern zu leben hilft und ihnen auch hilft, eine Sprache zu lernen und sich in bestimmten Situationen zurechtzufinden. Als ich wieder einmal meine Regale mit Neuerscheinungen voll hatte – ungefähr 650 aus dem Jahr 2016 und zwar sogenannte gute Kinder- und Jugendliteratur, die auch rezensiert, prämiert und empfohlen wird -, dachte ich, dass in Rumänien die Bücher gut untergebracht wären. Ich habe mich an das Goethe-Institut gewendet, das die Bücher an verschiedene Institutionen in Rumänien verteilt hat, unter anderem an das Deutsche Kulturzentrum in Hermannstadt. Und jetzt bin ich hier und freue mich, das alles zu erleben.

Sie haben erst Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte studiert, sich dann aber für Bibliotheken entschieden. Warum?

Ich bin eine alt gewordene Achtundsechzigerin, und mein Mann und ich wollten immer mit den Bibliotheken die Welt retten.

Haben die Bibliotheken eine Zukunft?

Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern und ich habe sehr ernste Stunden erlebt, als sich so rumsprach, dass die Bibliotheken keine Zukunft haben, weil es keine Bücher mehr geben wird und weil wir alles nur auf Computer lesen wollen. Dann kam die Einsicht und die Wende in der Erkenntnis, dass es gerade die Biblioheken sind, die mit Hilfe der Computer Informationen und Kommunikation bieten können, die sie ohne Computer gar nicht hätten leisten können. Es gibt heute auch kein Buch in den Regalen, das nicht per Computer hergestellt worden ist. Also diese Mischung zwischen den Qualitäten eines gedruckten oder fotografierten Buches einerseits, und die Möglichkeiten, die das World Wide Web anbietet, dass man Informationen hier am Computer erfahren kann und auch in die ganze Welt schicken kann, schließen sich überhaupt nicht aus, sondern ergänzen einander. Es haben nur die Bibliotheken Zukunft, die sich den ganzen Apparat der Computer zu eigen machen und Bibliotheken, die nur Bücher führen, haben keine Zukunft. Es haben aber auch die Computer keine Zukunft, die sich nicht auf Bücher verlassen können. Wenn die Kombination zwischen digitalen und analogen Medien klappt, hat die Bibliothek eine Zukunft.

Was empfehlen Sie einer Bibliothek, damit sie Erfolg hat?

Das weiß man ja… Eine erfolgreiche Bibliothek ist in der Gemeinde akzeptiert, es kommen viele Menschen aus unterschiedlichen Altergruppen, sie ist ein kulturelles Zentrum, es gibt Wissen weiter und kann auch weiter leiten, wenn es was nicht weiß, wie man zum Beispiel vom Hausarzt zu einem Spezialisten geschickt wird. Dazu gehört ausgebildetes Personal, ein nicht jedes Jahr neu zu eroberndes Budget mit einer Kontinuität der Finanzierung. Die Bibliothek muss einen ausreichenden Medienbesitz oder -zugang haben, muss Zusammenhänge herstellen zwischen der tatsächlich vorhandenen Zielgruppe und dem, was sie anbietet und muss deutlich machen, dass es für diese Zielgruppen immer ein spezielles Angebot gibt, das die Zielgruppe auch weiter bringt.

Ist in Deutschland die Anzahl der Bibliotheken zurückgegangen?

Ja, wir haben zur Zeit etwa 3.000 öffentliche Bibliotheken, die wissenschaftlichen ausgeschlossen. In den Großstädten wurden einzelne Stadtteilbibliotheken geschlossen, aus finanziellen und aus Rationalisierungsgründen – man kann zum Beispiel fünf Minuten mit dem Bus zur nächsten Bibliothek fahren. Der zweite Grund, den ich in Norddeutschland erlebe, wo ich mit meinem Mann lebe, ist die Entvölkerung des ländlichen Raums, das kennen sie vielleicht auch in Rumänien. Daran ist nichts zu ändern, das wird so kommen, dann sind die Bibliotheken auch in Gefahr. Man sucht da neue Wege, Busfahrten bis zur nächsten Bibliothek oder Fahrbüchereien…

Und das alles, obwohl die Anzahl der Bücher gestiegen ist?

Ja, das ist eine gute Frage. Die radikalste Antwort, die ich darauf geben kann, ist ein Beispiel aus Dänemark, die berühmte Biblothek von Aarhus. Die Bibliotheken in Dänemark sind märchenhaft gut, die in Aarhus ist wie ein Schloss am Meer, unglaublich schön, mit unglaublich viel Personal, mit unglaublicher Einrichtung, aber ganz wenig Büchern, weil sie nur das zur Vefügung stellen, was wirklich ausgeliehen wird. Alles andere wir über URLs und über Computer angeboten, und deswegen ist Ihre Frage so wunderbar: Der Unterschied zwischen der Produktion und dem, was so oft gelesen, benutzt und gewünscht wird, dass es sich lohnt, von öffentlichen Geldern zu bezahlen, wird immer kleiner.

Haben also auch die klassischen Bücher eine Zukunft?

Ja, wir sehen hier auch einen großen Teil der Bücher, die eine Zukunft haben, weil sie bestimmte Qualitäten besitzen, die sich vielleicht auf den ersten Blick sehr merkwürdig anhören werden. Einmal sind es fertige Gebilde, das heißt, irgend jemand hat den Mut gehabt, eine bestimmte Sache, mag es nun Information oder eine Geschichte sein, aufzuschreiben. Sie bietet dem Kind eine fertige Schilderung, eine Lösung an. Zweitens hat das Buch eine so traditionell perfektionierte Kombination von Bildern und von Schrift, wie es sie in dem Computerbereich nicht gibt. Vieleicht gibt es sie einmal, aber im Moment ist es nicht der Fall. Drittens kann das Kind, meiner Meinung nach, die Geschwindigkeit, die Intensität und die eigene Phantasie anhand eines Buches einbringen, wobei ein Computer selbst die Geschwindigkeit vorgibt. Ich will aber gar nichts gegen Computer sagen, es gibt z. B. eine Literaturart, die Bücher zum Großteil überflüssig gemacht und ersetzt hat: die Sachliteratur.

Die Anzahl der Neuerscheinungen in Deutschland ist – zumindest im Vergleich zu Rumänien – sehr groß.

Ja, sie ist vielfältig und hat viele Namen, viele Genres, viele Gattungen, Illustratoren und Autoren. Zur Zeit werden jedes Jahr 9.000 neue Kinder- und Jugendbücher vorgestellt. Ob das die ideale Zahl ist, das weiß ich nicht, denn es ist fast nicht mehr möglich, über 10-20 Jahre eine gesamte Produktion zu kennen. Es sind einfach zu viele Titel, aber niemand will das abbremsen. Jeder Verlag, der so viel publiziert, lebt mit der Hoffunng, in diesem riesigen Teich zwei oder drei Goldfische zu haben, die sich gut verkaufen.

Was macht Deutschland richtig?

Ich glaube, dass wir ein ganz bestimmtes Datum nennen können, an dem wir aufgewacht sind. Einmal war es 1945, als wir eine Kindergeneration zur Demokratie hin erziehen mussten, was wir auch mit Hilfe von Kinderliteratur getan haben. Das zweite Datum, das ich nennen möchte, ist das Jahr 2000, als die erste Pisa-Studie der OECD über die Verwendung von öffentlichen Geldern für Leseerziehung veröffentlicht worden ist. Da stellte sich heraus, dass Deutschland, das Land der Dichter und Denker, ganz schlecht im Lesen war. Wir hatten immmer gedacht, wir wären so gut, das war aber nicht so, und besonders ein Resultat war sehr entmutigend: der Unterschied zwischen den Kindern, die in gute Schulen gegangen sind und wohlhabende Eltern haben und den Kindern, die keine wohlhabenden Eltern haben, war enorm, wie in fast keinem anderen Land der Welt. Da hat man gemerkt, dass man ganz neue Wege gehen muss. Riesige Anstrengungen und enorme Geldsummen sind zur Verfügung gestellt worden, bis heute, so dass man auch außerschulisch – auch in Bibliotheken – lesefördernde Maßnahmen ergreifen konnte. Dann war der Bann gebrochen, dann war die gesellschaftliche Akzeptanz da und es gab Gelder, höhere Produktionen und Respekt, denn lange Jahre waren Kinderliteratur und Kinderbuchautoren nicht so viel wert.

Sie waren unter anderem Vorsitzende der Jury des Deutschen Jugendliteraturpreises. Welche Kinderbücher haben Erfolg?

Wir suchen immer nach dem Buch, dass sowohl gute Literatur ist, was also Kenner gut finden und was Kinder gerne lesen, und diese Tranche ist nicht so klein. Die Sprache muss gut, aber einfach sein, und zwar nicht im Sinne von primitiv, sondern von leicht verständlich. Die Erzählung muss einen dramatischen Bogen haben, mir einer Einleitung, mit einem Konflikt oder spannendem Erlebnis, das sich auflösen muss und es muss über die Geschichte selber hinausweisen. Es muss auch einen gewissen Humor haben, und es muss auch vom Autor her eine gewisse Verantwortung haben. Was willst du dem Kind eigentlich erzählen? Keine Belehrung, aber doch eine Verantwortung zu einer Aussage hin, die das Kind in seinem Alter verstehen kann.

Sind die Bilder wichtig?

Die Bilder sind auch wichtig, weil die Kinder sehr visuell wachsen. Einerseits sind sie visuell gepolt und andererseits sind sie visuell mit sehr vielen Reizen versehen, dass ein Buch ohne Bild weniger akzeptiert wird.Drittens ist die Buchillustration, die sich ganz in den Dienst des Textes stellt oder eine Geschichte vorstellt, eine Tradition der letzten 300 Jahren.

Zu guter Letzt: Haben sie einen eBook-Reader?

Ja, sicher. Wenn ich mit dem Zug fahre und ein dickes Buch lesen will, dann nehme ich lieber das eBook.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Birgit Dankert mit Roxana Stoenescu in der DKH-Bibliothek.

Foto: Ruxandra STĂNESCU

 

 

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