Ein Marathon der Gefühlsregungen

„Rovegan“ – greift Thema der Arbeitsmigration auf
Ausgabe Nr. 2521
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Immer häufiger wird dokumentarisches Theater in Hermannstadt gezeigt. Nach „Sprechen Sie Schweigen?“ von Gianina Cărbunariu machte ein ähnlich aufgebautes Gastschauspiel aus Bukarest am Freitag, den 10. März, im Gong Kinder- und Jugendtheater halt. Das Theaterstück „Rovegan“ von Catinca Drăgănescu behandelt ebenfalls das Thema Arbeitsmigration. Wie im Falle des Stückes von Gianina Cărbunariu, ging auch bei „Rovegan“ eine Recherche voraus.

 

Inspiration für das Theaterstück fand Catinca Drăgănescu im Buch „Cireșe amare“ von Liliana Nechita. 2015 ging die Regisseurin auf eine Recherchereise in mehrere Dörfer des Kreises Vaslui. Hier waren die meisten Dörfer von dem Phänomen der Arbeitsmigration betroffen. Vor allem Frauen lassen ihre Familien zurück, um in Italien oder Spanien in der Altenpflege zu arbeiten.

Dieses Thema nahm Catinca Drăgănescu in „Rovegan“ auf. Eine Rahmengeschichte bildete das rumänische Märchen „Capra cu trei iezi“ (Die Geiß mit den drei Geißlein) von Ion Creangă. Im Märchen geht die Geiß in den Wald, um Nahrung für die Geißlein zu finden. Im Theaterstück geht die Geiß nach Italien, um Geld zu verdienen, damit es die Geißlein besser haben. In Italien trifft die Geiß auf fremde Tiere, die eine andere Sprache sprechen und die von der billigen Arbeitskraft profitieren. Meistens sind es Wölfe. Zuhause, in Rumänien, geht es den Kindern allerdings kein Stück besser, sondern eher schlechter. Die Mutter muss Geld verdienen und kann ihnen nicht helfen. Sie Aufopferung der Mutter ist sinnlos. Zum Schluss zieht auch das ältere Geißlein nach Italien und die Familie zerbricht an der sogenannten Arbeitsmigration.

Drei Schauspielerinnen standen auf der Bühne: Mihaela Teleoacă, Silvana Negruţiu und Valentina Zaharia. Mihaela Teleoacă spielte eine einzige Gestalt, die sich aufopfernde Mutter, ständig mit Tränen in den Augen. Eine herausragende schauspielerische Leistung der 48-jährigen Bukarester Schauspielerin. Ihre jüngeren Kolleginnen Silvana Negruțiu und Valentina Zaharia verkörperten einerseits die zu Hause gebliebenen Geißlein, andererseits die Arbeitgeber in Italien.

Ein emotionsgeladene Story, ein Marathon der Gefühlsregungen. Es wurde im Saal sowohl gelacht, als auch traurig geseufzt. Und nach der Aufführung fand ein sehr spannendes und gelassenes Gespräch zwischen Regisseurin, Schauspielerinnen und dem Publikum statt. Catinca Drăgănescu recherchiert nämlich schon für das nächste Theaterstück, das den Titel „Bun de export“ tragen soll. Darin soll das Phänomen „Braindrain“ (englisch brain drain, wörtlich Gehirn-Abfluss, im Sinne von Talentschwund), behandelt werden. Als „Braindrain“ bezeichnet man die volkswirtschaftlichen Verluste durch die Emigration besonders ausgebildeter oder talentierter Menschen aus einem Land. In Rumänien sind vor allem Ärzte und IT-Fachleute davon betroffen. Erschreckend sind aber laut Regisseurin Catinca Drăgănescu die Perpektiven der Mittelklasse, die ihre Kinder dazu ermutigt im Ausland nach besser bezahlter Arbeit zu suchen. Das frühe Erlernen einer Fremdsprache wird auch als eine Vorbereitung für den Export angesehen.

„Rovegan“ kam innerhalb des Projekts „Go West. Platforma de teatru și dezbatere pe tema migrației“ zustande und wurde vom Verein Arena in Partnerschaft mit dem theaterpädagogischen Zentrum „Replika“ organisiert.

Cynthia PINTER

 

Die Geiß, Mihaela Teleoacă (rechts), wird von dem italienischen Arbeitgeber-Wolf, Valentina Zaharia, entfloht.

Foto: Cynthia PINTER

 

 

 

 

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