Verkleidung und Wahrheit

In Florescus Roman „Der Mann, der das Glück bringt“
Ausgabe Nr. 2503
 

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Berl ist 14 oder 15 Jahre alt, als er zum ersten Mal ein Kind tötet. Sein genaues Geburtsjahr kennt er nicht. Auch sein Name lautet nicht Berl, manchmal heißt er Streichholz, Paddy oder Pasquale. Über seine Herkunft weiß er nichts, also erfindet er sich sein Leben. Er behauptet, er sei vom Mond auf die Erde gekommen, und gibt sich abwechselnd als Italiener, Jude oder Ire aus. Catalin Dorian Florescus neuer Roman „Der Mann, der das Glück bringt“, erzählt die Lebensgeschichte Berls durch die Augen seines Enkels Ray.

 

Ray ist ein erfolgloser Kleinkünstler, der sein Geld durch Auftritte als Stimmenimitator lange verstorbener Stars verdient. Er lernt die zweite Erzählerin des Romans, eine Rumänin namens Elena, in seiner Heimatstadt New York kennen. Elena ist dorthin gekommen, um die Asche ihrer Mutter von den Twin Towers zu streuen – ausgerechnet am 11. September 2001. Mit grauer Asche und Staub bedeckt stolpert Elena in das kleine Off-Off-Broadway-Theater, in dem Ray für einen Auftritt probt. Um die Nacht und den Horror zu vertreiben, erzählen sie sich vom Leben ihrer Vorfahren.

Florescus Stil wird oft als fabulierwütig bezeichnet, und an kreativen Einfällen und Wendungen mangelt es auch diesem Roman tatsächlich nicht. Die beiden Familiengeschichten erstrecken sich vom Jahre 1899 bis in die Gegenwart und wechseln dabei zwischen dem Großstadtdschungel New Yorks und den Sümpfen des Donaudeltas hin und her.

Es sind keine glücklichen Biographien, aber sie sind voller Träume. Welcher Handlungsort könnte dafür passender sein als New York?

Rays Großvater Berl wächst hier auf, im Migranten-Ghetto. Er ist ein talentierter Sänger und träumt von einer Karriere als Star des Vaudeville-Theaters. Da er Waisenjunge ist, muss er sich als amerikanischer Oliver Twist mit verschiedenen Gelegenheitsjobs und Tricksereien durchs Leben schlagen. „In Amerika ist kein Platz für Bescheidenheit“, mahnt ihn einer seiner Arbeitgeber. „Damit verhungert man.“

Vom Zeitungsjungen steigt er fast zum Adoptivsohn eines Gänsehändlers auf, indem er sich als Jude ausgibt. Imitation und Identität, Verkleidung und Wahrheit, das sind wie schon in Florescus Bestseller „Jacob beschließt zu lieben“ die großen Themen des Romans. „Ein Weißer, der sich als Schwarzer ausgibt und eigentlich Jude ist, das ist Amerika“, heißt es an einer Stelle über den Entertainer Al Jolson. Die ganze Welt ist eine Freakshow und New York ist ihre Bühne.

Für Berl allerdings wendet sich das Leben schon bald wieder zum Schlechten. Ein gewissensloser Kapitän zwingt ihn, kranke und ungewollte Kinder zu töten, um sein Beerdigungsgeschäft anzutreiben.

Nicht nur in New York ist das Leben hart. Der andere Teil des Romans erzählt von Elenas Mutter, ebenfalls Elena genannt. Die Fischerstochter wächst in einem kleinen Dorf im Donaudelta auf, in dem es noch Hexen und den Teufel gibt. Nachrichten aus der großen Welt kommen hier im ländlichen Rumänien nur zeitverzögert an, doch veraltete Zeitungen, Postkarten und Schallplatten erzählen von einem besseren Leben in Amerika und wecken Fernweh in Elena. Kurz bevor ihr Traum vom Auswandern eine Chance hat, in Erfüllung zu gehen, bricht ihre Welt in sich zusammen: Sie erkrankt an Lepra.

„Mutter schaffte es 2001 doch noch nach New York, in einem Einmachglas.“ Ihre Tochter Elena reist als 40-Jährige in die Stadt der Träume. Hier verbinden sich die beiden Familiengeschichten, als sie im letzten Viertel des Romans Ray kennenlernt.

Während sich Florescu bei den Vorfahren noch die Zeit nahm, durch ihre Lebensgeschichte zu flanieren, stürzt er nun Ray und Elena in eine Liebesgeschichte, als müsse er sich der Beschleunigung des 21. Jahrhunderts anpassen. Vom archaischen Charme, der den Rest des Buches ausmacht, bleibt auf den letzten Seiten nicht viel.

Schade, denn die vielen Episoden der ersten zwei Drittel des Romans bieten immer wieder teils amüsante, teils bestürzende Begegnungen, und lassen viel Raum für melancholische Landschaftsbeschreibungen. Vor allem wenn Florescu im Donaudelta verweilt, zeigen sich die Stärken seines ausufernden Schreibstils. In Rumänien kennt sich der Autor gut aus; er lebt zwar in Zürich, geboren wurde er aber in Temeswar. Während seine Schilderungen des 11. Septembers nur an die Fernsehbilder von damals erinnern, merkt man Florescu bei der Beschreibung des Donaudeltas an, dass er diesen Ort mit allen Sinnen erfasst hat. Diese Passagen sind es, die den Roman lesenswert machen.

Bernadette MITTERMEIER

Catalin Dorian Florescu: „Der Mann, der das Glück bringt“, Verlag C. H. Beck München 2016, 327 Seiten, ISBN 9783406691126

 

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