Ausgabe Nr. 2954
Die Rundfunk-Journalistin Elisabeth Deckers und ihr Einsatz in Hermannstadt

Elisabeth Deckers am PC im Büroraum des Landeskirchlichen Archivs im „Friedrich Teutsch”-Begegnungs- und Kulturzentrum.Foto: Beatrice UNGAR
Elisabeth Deckers Lebenslauf ist alles andere als geradlinig. Zwischen Musik, Reisen und Geschichte ist sie heute vor allem eines – Dokumentarin im Teutsch-Haus in Hermannstadt. Seit etwa zehn Jahren hilft sie dort, das umfangreiche Archiv rund um die Siebenbürger Sachsen zu dokumentieren und zugänglich zu machen. Wie es dazu kam und wie ihr Leben vorher aussah, erzählt sie der HZ im Gespräch im Erasmus-Büchercafé in Hermannstadt. Sie bringt ihren freiwilligen Einsatz wie folgt auf den Punkt: „Es ist zwar keine Musikdokumentation, aber Dokumentation.“
Die Musik soll sich durch Deckers ganzes Leben ziehen, denn nach ihrem Musik- und Französisch-Studium arbeitete sie beim Rundfunk in der Musikdokumentation: „Das heißt, das passt praktisch zu der Arbeit, die ich auch hier im Teutsch-Haus mache. Es ist hier zwar keine Musikdokumentation, aber Dokumentation. Da muss man schon Ahnung haben, wie das funktioniert.”
Bevor sie aber in ihrer Pension Dokumentarin für das Teutsch-Haus wurde, lebte sie fünf Jahre in Peru, nachdem ihr damaliger Mann dort einen Job als politischer Berater angeboten bekommen hatte. Deckers unterrichtete Musik an einer Schule und Musikgeschichte an der Universität. Nebenher arbeitete sie wieder beim Radio. Vier Stunden war sie jeden Tag auf Sendung und spielte Musik für das einzige Klassikradio in ganz Peru.
Zurück in Deutschland zog es Deckers wieder in die Dokumentation. Bei Radio Bremen war sie neun Jahre im Dokumentationsarchiv tätig, bis sie zum Hessischen Rundfunk in Frankfurt geholt wurde, wo sie Leiterin der Musik für alle Wellen wurde. „Popmusik, Rockmusik, Junge Musik, deutsche Schlager und auch Klassik hatten wir. Bis zu meiner Rente war ich dann Chefin vom HR2, das ist die Kulturwelle des hessischen Rundfunks.“ Beim HR2 spielte sie klassische Musik, Jazz, Weltmusik und vieles mehr. Deckers hat neben der musikalischen Unterhaltung auch für viele Interviews gesorgt und Live-Sendungen im Studio aufgezeichnet.
Heute ist Elisabeth Deckers Dokumentarin in Hermannstadt. Vor etwa einem Jahrzehnt ist sie zur Leiterin des Teutsch-Hauses gegangen und hat ihre Dienste angeboten: „Da könnte ja jeder kommen. Sie war sehr misstrauisch. Aber es hat funktioniert und jetzt mache ich das seit zehn Jahren.“ Deckers Geschichte mit Hermannstadt und Siebenbürgen dauert aber schon länger. Bereits als Studentin lernte sie bei einem internationalen Musikkurs drei Studierende aus Rumänien kennen. „Anfang der 70er Jahre waren die Leute wie aus dem Wilden Westen für uns. So etwas Fremdes kannten wir nicht. Ich habe mich dann um sie gekümmert, wir haben uns angefreundet und den Kontakt gehalten“, erzählt Deckers. Gemeinsam mit ihrem damaligen Mann wollte Deckers ihre rumänischen Freunde besuchen: „Damals in der Ceaușescu-Zeit war das aber gar nicht so einfach“, erklärt sie, „denn damals durfte man mit den Leuten aus dem Westen keinen Kontakt haben.“ Trotzdem haben die beiden es geschafft, ihre Freunde einmal für etwa zwei Stunden im Schwimmbad in Klausenburg zu treffen. Rumänien hat ihr sehr gefallen und seitdem sind sie immer wieder nach Rumänien gefahren.
Eine noch engere Verbindung zu Hermannstadt entstand später durch ihren Partner, einen Siebenbürger Sachsen. Gemeinsam reisten sie häufig nach Siebenbürgen, unter anderem um restituierte Häuser seiner Familie zurückzufordern. „Wir sind von Amt zu Amt gelaufen, es war unheimlich viel Bürokratie“, erinnert sich Deckers. Am Ende gelang es ihnen jedoch, die Häuser zurückzuerhalten. Für sie war diese Zeit nicht nur anstrengend, sondern auch spannend: „Ich habe das Land nicht mehr nur als Touristin gesehen, sondern von innen kennengelernt.“
Heute ist Deckers immer noch oft in Hermannstadt. Man findet sie meistens im Archiv des Teusch-Hauses. Dort lagern Nachlässe und Unterlagen von Persönlichkeiten der Siebenbürger Sachsen aus mehreren Jahrhunderten. Ihre Aufgabe besteht darin, sogenannte Findbücher zu erstellen. Darin werden die Dokumente systematisch erfasst, beschrieben und so aufbereitet, dass Forschende gezielt darauf zugreifen können. Auch wenn sie sich nicht immer im Detail mit den Inhalten beschäftigen kann, bleiben viele Geschichten hängen. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihr etwa ein handschriftlicher Roman aus dem frühen 20. Jahrhundert, den sie Seite für Seite entziffern und übertragen musste. „Kein Mensch konnte das lesen“, sagte sie. „Ich habe mich mühsam wieder in die alte Schrift eingearbeitet.“
Die Arbeit im Archiv ist für Deckers abwechslungsreich und zugleich eine Fortsetzung ihrer eigenen Geschichte. Denn die Musik spielt weiterhin eine Rolle in ihrem Leben. In Frankfurt spielt sie Cello, ist Teil eines Orchesters und eines Streichquartetts. Wenn sie im Sommer für mehrere Wochen nach Hermannstadt kommt, reist sie meist mit dem Auto, um ihr Instrument mitnehmen zu können. Dieses Mal ist ihr Aufenthalt kürzer. Drei Wochen bleibt sie in der Stadt, deshalb ist sie mit dem Flugzeug und ohne Cello gekommen. Nachdem Deckers uns noch durch das weitläufige Archiv im Teutsch-Haus geführt hat, muss sie sich verabschieden. Sie muss zur Probe mit dem Hermannstädter Bachchor, dessen Mitglied sie ist.
Alisa SCHWARZ