Urzellauf in Großschenk: Eine Tradition, die Verbindungen schafft
Ausgabe Nr. 2946

Gruppenbild mit Urzeln und Narrenwagen vor dem Hintergrund der imposanten Großschenker Kirchenburg.
Fotos: Werner FINK
„Läw Schoinker Sochsen,/ Dä nea schun vuir longer Zet,/ Mät oallen ausgewemdert set./ Doch vuir det Urzelleofen nin ech un,/ set ihr extra än de Hoimet kun.”, begrüßte Narrenrichter Helmuth Zink die Anwesenden. Heimgekommen waren auch dieses Mal etwa 35 Großschenker, die in Deutschland leben, um gemeinsam mit den hier Lebenden den Urzellauf in Großschenk mitzumachen. Insgesamt 99 Urzeln nahmen in diesem Jahr teil.
Der Zug hatte vor dem Bürgermeisteramt angehalten, wo das „Narrengericht” abgehalten wurde. Bürgermeister Gheorghe Mirca versicherte in seinem Grußwort, dass solange seine Amtszeit dauere, er diesen Brauch unterstützen werde.
Während des Narrengerichts ging es wieder lustig zu, wobei sich der eine und der andere Großschenker in den Berichten der Narrenrichter vom Anhänger wiedererkannte. Ganz bestimmt wurde auch dieses Mal übertrieben. Die Narrenrichter – Michael Gottschling, Elke Recker und Helmuth Zink – berichteten vom Flaschensammler Markus, der seinen Anhänger voller Pfandflaschen am Morgen leer vorfand, vom Herrn Grigore und von Frau Gabi, die eine tote Katze auf der Straße mit der eigenen verwechselten, von den Wandergesellen, die sich damit blamierten, dass sie im Marktbrunnen badeten, von der Großschenker Katze, die in den Kofferraum stieg und in Österreich landete oder von Ali Căpriță, der auf dem WC des Gemeindesaals einschlief. Die Verse dichtete übrigens Helmuth Zink, wobei Mischi Gottschling mit der rumänischen Übersetzung half. Zu den Berichten der Narrenrichter gab es auch Karrikaturen, die den Anhänger schmückten und um die sich der gebürtige Fogarascher, Ciprian Muntiu (seine Oma kam aus Großschenk) kümmerte. Muntiu ist ein Maler, der gegenwärtig in Frankreich lebt und in seiner neuen Heimat das Ronchin Festival d‘arts Roumain organisiert. Er unterstützt die Urzeln auch dadurch, dass er sie zu seinem Festival mit einer kleinen Ausstellung im September 2026 eingeladen hat.

Die Urzeln verteilten nicht nur die Krapfen sondern ließen sie sich auch schmecken. Unser Bild: Marlene Herberth (links) und Horst Graef.
„Wir staunen, wie viele Leute dabei sind und auch wie viele Urzeln”, sagte Mischi Gottschling.„Die Leute haben Spaß, man sieht das Lachen in ihrem Gesicht. Das ist die Hauptsache, dass wir als Gemeinschaft zusammenkommen und unabhängig vom Wetter Spaß haben.”
Im Weiteren ging es zur Kirchenburg, wo im Museum die erste Ausstellung des Jahres eröffnet wurde: „Urme care ne poartă II. Anatomia Gestului” (Spuren, die uns leiten II. Anatomie der Geste). Die Ausstellung zeigt, wie Handwerk, Ritual und Identität untrennbar miteinander verbunden sind.
Zu sehen war u. a. das Gründungsdokument der Schenker Schusterzunft, verliehen aus Hermannstadt um 1570. Neben der Fortsetzung der Forschung zur neulich in der Gemeinde entdeckten Zunftlade der Schuhmacher, in Partnerschaft mit den Universitäten in Klausenburg, der Technischen Universität, dem Institut für Mündliche Geschichte, dem Zentrum für mittelalterliche Diplomatik und dokumentarische Paläografie sowie der Civitas-Stiftung, präsentiert die Ausstellung die Werkstatt und die Arbeit von Victor Vulpe, zeitgenössischer Schuhmacher und Silberpreisträger der Weltmeisterschaft der Schuhmacherei in London (2023). Es stellten auch Flavia Pitiș (Malerei) und Alex Herberth (Objekt) aus und es gab Sounds von Valerius Borcoș.

Die jüngste Urzel freut sich über einen leckeren Krapfen.
„Ich bin ein lebender Schuhmacher, wahrscheinlich müsste ich hier in einer Vitrine ausgestellt werden, weil wir vom Aussterben bedroht sind”, sagte spaßeshalber Victor Vulpe. Es gehe eher um Europa. Weltweit gehe es aber der Schuhmacherzunft gut. Vor allem die Japaner sollen sehr gut in der Branche sein. „Ich kann mit erhobenem Kopf sagen, dass ich Teil einer Zunft bin, die sich weltweit vergrößert hat”, meinte er. Die Zünfte gebe es nun nicht mehr lokal sondern global. Was er noch hervorhob: Die Geschichte des Schuhwerks in Rumänien beginne mit den Siebenbürger Sachsen, sie beginne mit dem Beitrag der Österreicher und der Menschen, die aus dem Westen kamen und sich hier niederließen. Ausgestellt war u. a. ein linker Black Balmoral Boot, der Halbstiefel, mit dem Vulpe 2023 Silber bei der Weltmeisterschaft gewann, aber auch das Werk, mit dem er 2019 den vierten Preis belegt hat. Die Schumacherhandwerk-Weltmeisterschaft wird übrigens seit 2018 regelmäßig in London veranstaltet, wobei es jedes Jahr ein anderes Thema gibt.
Zu sehen waren weiterhin auch einige Aquarellen von Vulpe. Er ist nämlich Doktorand im zweiten Jahr im Bereich Bildende Künste in Temeswar. Mit der Schuhmacherei beschäftigt er sich seit 2005. Davor war er Maler.
Anzutreffen waren während des Urzellaufes wie immer auch alte aber auch neue Gesichter. „Es ist gut, dass die Leute es in beiden Sprachen machen, dass sie es wollen”, meinte Pfarrer Michael Reger und fügte hinzu: „Die Tradition ist ein Fundament, etwas, auf das man aufbauen kann. Und das Fundament geht vielleicht bis zum Haus des Nächsten und es schafft Verbindungen”.
Etwa 35 Familien erwarteten die Urzeln vor dem Tor, um sie zu bewirten.
„Zu Ehren meines Vaters bin ich heute hier”, sagte der gebürtige Agnethler Gerhard Haupt. Sein Vater, ebenfalls Gerhard Haupt stammt nämlich aus Großschenk. Und es ist früher auch schon vorgekommen, dass dieser zum Teil zu Fuß, von Großschenk nach Agnetheln oder umgekehrt das Urzelkostüm mitbrachte. Nach 38 Jahren war Haupt im vergangenen Jahr zum ersten Mal wieder in Agnetheln, um beim Urzellauf mitzumachen. „Das hat mich so mitgenommen, dass ich jetzt das Jahr in Folge wieder hier bin”, sagte er. „Wir haben unsere Veranstaltungen in Deutschland, aber hier auf heimischen Boden ist das alles was anderes”. Sobald er die rumänische Grenze überquert, überkomme ihn immer ein Gefühl: „Immer wieder wenn ich über die rumänische Grenze drüber bin, dann bin ich schon daheim”, bekannte auch Helmuth Fröhlich.
„Ein tolles Erlebnis heute”, stellte auch Agathe Wolff fest, die ebenfalls mitlief. Sie kommt regelmäßig nach Siebenbürgen, mit den Urzeln mitgelaufen war sie aber zuletzt in ihrer Jugend, etwa 1988.
Für gute Laune sorgte Sorin Țerbea sowohl am Tag mit seinem Akkordeon als auch beim Ball im Kulturhaus, wo er mit zwei Kollegen die ganze Nacht hindurch bis um 4 Uhr morgens zum Tanz aufspielte.
Werner FINK