Eine grundehrliche Geschichte

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Martin Szegedi sucht mit tabulosem Debütroman eigenen Seelenfrieden

Ausgabe Nr. 2935

Martin Szegedi: Die Entblößung bis auf die Knochen. BoD – Books on Demand, 2024, 200 Seiten, 10 Euro, ISBN 978-3-7693-1386-4.

Für Marcel Reich-Ranicki, den wohl bekanntesten Literaturkritiker des 20. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum wurde Literatur wohl auch deswegen geschaffen, um „die Leiden des Individuums zu zeigen.“ Bei der inhaltlichen Erschließung des autobiographischen Romans „Die Entblößung bis auf die Knochen” von Martin Szegedi dürfte sich der Leser oft an das soeben erwähnte Zitat eines ganz großen Liebhabers des gedruckten Wortes erinnern. Schon die Überschrift verrät nämlich manchmal einiges.

 

Tatsächlich wurden im Buch brachial alle inneren Begrenzungslinien eingerissen und schwere seelische Verletzungen enttabuisiert. Somit erfahren wir die Geschichte eines Mannes mit viel Herzblut und erkennen dabei vielleicht Parallelen zum eigenen Dasein. Aber der Autor legte zugleich Dinge offen, die selbstverständlich mit Alleinstellungsmerkmalen versehen sind.

Zu Beginn der Handlung freute sich der Aufschreibende, dass es ihm endlich gelang mit seiner Familie für immer nach Deutschland zu fahren. In seinem Herkunftsland existierte längst keine Luft zum Atmen mehr. Perspektivlosigkeit bestimmte den dortigen Alltag. Und das Land der Sehnsüchte verursachte erst einmal so etwas wie dauerhafte Schockstarre. Beispielsweise beim Besuch ganz normaler Bäckereien. Was für eine emotionale Reise aus dem Land der Lebensmittelknappheit hinein in das vermeintliche Paradies des Überflusses erlebten die daran Beteiligten. So etwas blieb fest haften im Gedächtnis und konnte nur Schritt für Schritt verarbeitet werden. Es folgten viele weitere Überraschungswellen beim persönlichen Zurechtfinden in der neuen Umgebung. Denn als Spätaussiedler wollte der bundesrepublikanische Neubürger eher unauffällig wirken, was natürlich nicht gelang. Wegen dem mützenhaften Äußeren, wegen einem anderen Dialekt, durch das Beharren auf Tugenden, die scheinbar nichts galten in der Moderne des Westens mit all ihrer schauspielenden Oberflächlichkeit. Natürlich wollten die Neuangekommenen mitmachen und „gut beim Schaffen“ sein, wie es im Buch formuliert wurde. Fleiß, Ausdauer, Disziplin – mit diesen Eigenschaften würden sie uns im einstigen Wirtschaftswunderland schon akzeptieren, hoffte Martin und werkelte hervorragend mit Schalttafeln sowie Elektroplänen. Aufgrund eigener realsozialistischer Erfahrungswerte beherrschte er zugleich meisterlich die Improvisation, das Tüfteln, das Weitermachen in vermeintlich aussichtslosen Situationen. Nicht allen Kollegen gefiel das, misstrauisch wurde der von woanders her Stammende beäugt. Arbeitete dieser etwa gar für Dumpinglöhne und nutzten diese seltsam wirkenden Weitgereisten nur unsere Sozialsysteme aus? Für so manche Einheimische gehörten die zwar ihre Sprache Sprechenden sowieso nicht dazu. So etwas verletzte, so etwas machte zuweilen mürbe, so etwa schürte die aufgrund von Diktaturerfahrungen bereits vorhandenen Minderwertigkeitsgefühle.

Aber der Propagandist konnte allerhand mehr außer „nur“ gut arbeiten. Er dichtete. Schon lange. Im kommunistischen Rumänien hatte er dies bereits gemacht und bekam fast zwangsläufig Probleme mit der dortigen Geschmackspolizei. Auch nach der Ausreise spürte der vermeintlich Entkommene den langen Schatten einer das Innere, das eigene Ich, zersetzenden Geheimpolizei. Einreisen in das Land seiner Geburt waren jahrelang nicht möglich. In der Wahlheimat dagegen blieb der zuweilen Zweifelnde ebenfalls ruhelos und rastfrei. Dieses hin und her persönlicher Gefühlwelten ist krass, überforderte nicht nur ihn auf Dauer. Trotz akuter gesundheitlicher Probleme, funktionierte der längst außer Kontrolle Geratene weiter. Angeblich! Immer wieder die Enttäuschungen im Tagesgeschäft und dann die schlimmen Träume der Nacht. Wenn es überhaupt zum Schlaf kam. Bitteres Resultat: Er machte einfach nicht mehr mit und versuchte freiwillig das eigene Dasein zu beenden. Es klappte nicht! Auch die Neuauflage dieses Begehrens voller Bitternis scheiterte. Viele Monate Krankenhausaufenthalte zerfraßen bereits angegriffene Seelenwelten. Aber war er wirklich verlassen und einsam im Tal der Finsternis? Nein, es gab Leute die gaben ihm Kraft zum Weiterleben wie seine gefühlsstarke Partnerin. Beschwerlich erwies sich der Pfad, um die Dunkelheit zu verlassen und sich zurück zu bewegen in einen Alltag, wo nun tatsächlich manchmal die pralle Sonne grüßte.

Zugegeben: Das hier Notierte ist nichts für die inhaltsleere Zerstreuung. Das hier Vorgelegte entpuppte sich eher als totale Selbstreflektion. Es wurde aber vor allem die Geschichte eines besonderen Mitbewohners. Wichtig genug, um es öffentlich zu machen.

Roland BARWINSKY

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Bücher.