Neue Heimat in Hermannstadt

Teile diesen Artikel

Interview mit dem deutschen Pädagogen Philip Puls

Ausgabe Nr. 2921

Philip Puls.
Foto: privat

Ein neuer Buchladen mit deutschen Büchern ist seit kurzem in Hermannstadts Unterstadt unweit des Bahnhofs eröffnet worden. Betreiber ist der gebürtige Oldenburger Philip Puls. Bei einem Besuch gewährte Puls dem HZ-Praktikanten Tudor M a h l folgendes Interview:

Stellen Sie sich bitte kurz vor.

Mein Name ist Philip Puls, ich bin 28 Jahre alt und wohne derzeit in Hermannstadt. Ich wurde in Oldenburg geboren und habe dort 12 Jahre gelebt. Anschließend sind wir nach Tirol gezogen. Dort habe ich 15 Jahre gelebt, Pädagogik studiert und auch als Lehrer gearbeitet. Bildung interessiert mich nämlich sehr und ich möchte selbst nie aufhören zu lernen. Ich führe „Lectura“, einen Buchladen in der Elisabethgasse/Str. 9 Mai 36, und biete zudem Nachhilfestunden an.

Wie kamen Sie nach Hermannstadt?

Ich war letztes Jahr hier auf die Hochzeit eines Freundes eingeladen und habe so meine Freundin Nicole zufällig kennengelernt. Gleichzeitig habe ich mich in diese Stadt verliebt, weil hier Kultur, Geschichte, tolle Leute und gutes Essen zusammenfließen.

Gibt es auch Herausforderungen, die eine neue Heimat mit sich bringen?

Erstens die Sprache, denn ich würde gerne Rumänisch sprechen und finde, Sprache ist ein Schlüssel, um Menschen zu öffnen. Es ist zwar keine leichte Sprache, dafür aber melodisch.

Nicht nur die Sprache ist neu, sondern auch verschiedene Bräuche und Traditionen. Auf solche Unterschiede habe ich mich gefreut, weil ich etwas Anderes erleben will. Ich versuche, eine neue Kultur zu begrüßen.

Können Sie Beispiele für kulturelle Unterschiede nennen?

Ich würde sagen, dass die Menschen, die ich hier kennengelernt habe, sehr warm und interessiert sind. Wenn jemand fragt „ce faci“ (wie geht es), ist es keine Floskel aus gesellschaftlichem Zwang, sondern echtes Interesse. Dies kann zu viel sein, wenn man aus Ländern kommt, in denen die Menschen zurückhaltender sind. Auch haben Familie und Tradition hier einen hohen Stellenwert.

Was war zuerst da? Die Leidenschaft für Bildung oder die Liebe zu Büchern?

Auf jeden Fall die Liebe für Bücher, da ich schon als Kind viel gelesen habe und mich für Bücher und Geschichte interessiert habe. Aber ich finde es wichtig, wenn man als Erwachsener mit Kindern zusammenarbeitet, nicht zu vergessen, dass man selbst ein Kind war. Meine Herangehensweise ist es, als gutes Vorbild voranzugehen. Ich bin der Meinung, man sollte Bildung interessant gestalten.

Gleichfalls sollten wir heutzutage Technologie nicht zu sehr verteufeln, da das Internet, wenn man es richtig benutzt, sehr viele Vorteile hat. Ich probiere eine Balance zu finden, denn Technologie ist ein nützliches Werkzeug.

Sie haben selbst unterrichtet. Welche Fächer fallen dabei besonders auf?

In Österreich habe ich nach dem Studium vor allem Englisch und Geschichte, aber auch anderes wie Sport oder Deutsch unterrichtet. Favoriten sind dabei Geschichte und Deutsch. Auch heute geht es mir darum, Kinder für Deutsch zu begeistern.

Außer einem Nachhilfeprogramm haben Sie auch einen Buchladen im Angebot. Welche Art Bücher verkaufen Sie?

Die Bücher in „Lectura“ behandeln Themen wie Kunst, Fotografie, Geschichte, Poesie, Belletristik, Biografien und Musik. Die Bücher geben auch unseren Interessenbereich wieder und zeigen, wer wir sind. Darum haben wir Bücher gesammelt, manche aus unserem eigenen Bestand, viele gekauft.

Wir „verkaufen“ eine Liebe zu Büchern, Kunst und Geschichte. Jeder kann bei uns sitzen, ein Buch aus dem Regal nehmen und in Ruhe schmökern. Wir sind kommerziell, aber das ist nicht unser Hauptaugenmerk.

Haben Sie eine Buchempfehlung?

Ich habe viele Buchempfehlungen, aber für Kinder und Jugendliche stechen zwei Bücher hervor, die ich jedem wärmstens ans Herz legen würde: Das sind „Momo“ und „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende. Die kann ich wirklich empfehlen, da es Bücher sind, die man auch als Erwachsener lesen kann, um ins Grübeln zu geraten. „Momo“ behandelt das Thema der Zeit, die unendliche Geschichte schafft den Spagat zwischen Fantasie und Erwachsenwerden.

Für Erwachsene empfehle ich meinen Lieblingsautor Hermann Hesse. Ich mag alle seine Bücher, aber empfehle „Steppenwolf“ insbesondere. „Narziß und Goldmund“ habe ich dieses Jahr gelesen und genossen, deshalb ist es jetzt frischer in Erinnerung.

Ich würde sogar behaupten, würden mehr Menschen Hermann Hesse lesen, gäbe es vermutlich weniger Krieg, Streit und Unzufriedenheit auf der Welt.

Haben Sie vielleicht einige Ratschläge, philosophischer oder praktischer Art?

Ein Rat, der mir geholfen hat, ist folgender: Bleibe immer neugierig. Man hat nie alles gesehen, gehört, gelesen und verstanden. Man sollte nie der Meinung sein, man wisse alles. Deshalb finde ich auch, dass man als Lehrer auch von Kindern lernt und nicht nur umgekehrt.

Zweitens sollte man reisen und immer in Bewegung bleiben, damit man nicht „rostet“. Das heißt nicht, alles stehen und liegen zu lassen, aber dennoch zu versuchen, Neues zu erleben.

Der dritte Tipp meinerseits wäre, man sollte beachten, dass „man ist, was man isst“. Das gilt nicht nur für das Essen, sondern für alles, was man emotional oder gedanklich zu sich nimmt. Deswegen sollte man vorsichtig sein: Ich finde, Positives zu konsumieren macht einen automatisch „erfüllter“ als das Aufnehmen negativer Einflüsse.

   Vielen Dank für das Gespräch!

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Allgemein.