Tragend und psychedelisch

Murnaus ,,Nosferatu“ zur Musik von Violeta Dinescu auf der Terrasse des Thalia-Saals

Ausgabe Nr. 2685

Das Trio Contraste – Sorin Petrescu (Flügel und Keyboard), Ion Bogdan Ștefănescu (Flöte) und Doru Roman (Perkussion) – schuf mit Violeta Dinescus Musik eine dem Film entsprechende Stimmung. Foto: der Verfasser

Als eine der ersten Filmadaptionen von Bram Stokers Roman „Dracula“ zählt der Stummfilmklassiker „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ zu den Mitbegründern des Horrorgenres und begeistert auch 98 Jahre nach seiner Premiere noch immer Filmfans weltweit. Im Rahmen der Reihe „Dach-Konzerte“ wurde am vergangenen Freitag, dem 7. August, die restaurierte digitale Fassung des Kultfilms von dem Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau auf der Terrasse des Thalia-Saales gezeigt. Das Trio Contraste unterlegte den Gruselstreifen mit einer neuen Filmmusik komponiert von Violeta Dinescu.

Man möchte meinen, die Bewohner Siebenbürgens seien der Vampir-Geschichten und des damit einhergehenden Stigmas längst überdrüssig; seit Bram Stokers „Dracula“ 1897 in London erschien, gilt die Region im südlichen Karpatenbecken vorrangig als Heimat blutsaugender Dämonen und ist den meisten Ortsunkundigen nur unter Transsylvanien bekannt. Dennoch verfolgten rund 30 Besucher die Vorführung von „Nosferatu“ auf der Terrasse des Thalia-Saales und lauschten der musikalischen Begleitung durch das Trio Contraste, bestehend aus Sorin Petrescu (Flügel und Keyboard), Ion Bogdan Ștefănescu (Flöte) sowie Doru Roman (Perkussion), die dem deutschen Stummfilm über den blassen Vampir erneut Leben einhauchten.

Am 4. März 1922 betrat Nosferatu zum ersten Mal die Bewegtbild-Bühne. Henrik Galeen war im Jahr zuvor damit beauftragt worden, ein Drehbuch für einen Film zu schreiben, der sich an Stokers Roman orientierte. Um jedoch die Filmrechte nicht erwerben zu müssen, sollten die Figuren andere Namen erhalten. So wurde aus der Titelfigur Graf Dracula der Graf Orlok bzw. Nosferatu (gespielt von Max Schreck); der Anwalt, Jonathan Harker, der dem Grafen zum Hauskauf verhilft, wurde zu Thomas Hutter (Gustav von Wangenheim), und dessen junge Gemahlin, an deren Lebenssaft sich der Graf labt, benannte man von Mina Murray in Ellen (Greta Schröder) um. Auf die Figur des Professor Abraham van Helsings wurde gänzlich verzichtet, und die Handlung verlegte man von Whitby in der nordenglischen Grafschaft Yorkshire in die fiktive Stadt Wisborg an der Nordseeküste Deutschlands. Die Handlung blieb allerdings weitestgehend die selbe: Der junge Anwalt reist zum Grafen nach Transsylvanien, wickelt den Hauskauf ab, dient Nosferatu des Nachts als Nahrungsquelle und wird von ihm ausgelaugt und ausgesaugt in dessen Schloss zurückgelassen, als dieser sich auf den Weg nach Wisborg macht, um das Blut der dortigen Bevölkerung zu trinken.

Obwohl der expressionistische Film heutzutage Kultstatus genießt, war er seinerzeit ein finanzielles Fiasko. Die erst 1921 gegründete Produktionsfirma Prana-Film musste bereits im Sommer ’22 Konkurs anmelden, und die Filmrechte wurden gepfändet. Entgegen aller Bemühungen, Urheberrechtsverletzungen zu vermeiden, wurde der Rechtsnachfolger, die Dafu-Film GmbH, noch im selben Jahr von der Witwe Florence Stoker verklagt, und ein knapp drei Jahre andauernder Rechtsstreit begann. In letzter Instanz entschied das Berliner Gericht schließlich im Juli 1925 zu Gunsten der Witwe, dass ausschließlich alle Kopien des Films vernichtet werden müssten. Da „Nosferatu“ jedoch bereits ins Ausland verkauft worden war, überlebten glücklicherweise einige Kopien unter anderem in England und Frankreich, die sich aber in Schnitt und Zwischentiteln vom Original unterschieden.

In den folgenden Jahrzehnten gab es immer wieder Bestrebungen, den Film in die Kinos zu bringen. Eine französische Schnittfassung begeisterte Ende der 20er Jahre die Surrealisten und wurde nach entsprechender Bearbeitung auch in den U.S.A vorgeführt. Im Jahr 1930 veröffentlichte der deutsche Filmproduzent Waldemar Roger die erste vertonte Version des Films: „Die zwölfte Stunde“. Unter der Prämisse, es durch Schnitt und Ton soweit zu verfremden, dass kein weiterer Urheberrechtsstreit ausgelöst werden würde, hatte Roger Filmmaterial, das im Originalfilm nicht verwendet worden war, von Albin Grau, Mitbegründer von Prana-Film, erhalten. Neben dem bis dato unveröffentlichten Material verwendete Roger außerdem Bilder aus Kulturfilmen und zusätzliche von ihm gedrehte Szenen, um den Film neu zu gestalten. Außerdem wurde auch die originale Filmmusik, die „Fantastisch-romantische Suite“ komponiert von Hans Erdmann, durch eine neue Komposition von Georg Fiebiger ersetzt.

Bei der diesjährigen Vorführung auf der Terrasse des Thalia-Saales wurde der Stummfilm wieder wie in alten Zeiten von Livemusik begleitet. Auch hier entschied man sich gegen den originalen Soundtrack. Das Trio Contraste spielte stattdessen die Neukomposition der gebürtigen Bukaresterin Violeta Dinescu, die seit 1982 in Deutschland lebt und wirkt. Vereinzelt erinnert die Musik noch an die ursprüngliche orchestrale Symphonie; sie lässt aber auch klassisch untermalenden Töne wie Pferde-Trappeln mit schrillem Flötenspiel und modernen Synthesizer-Klängen verschmelzen. Der Horrorfilmfan könnte hier eine Reminiszenz an die Neuverfilmung „Nosferatu – Phantom der Nacht“ (1978) vermuten, denn deren Soundtrack, gespielt von der deutschen Krautrock-Band Popol Vuh, ist ähnlich tragend und psychedelisch wie Dinescus Komposition.

Infolge der Neuverfilmung mit Klaus Kinski wurde der originale „Nosferatu“ durch Initiative des Filmmuseums München ab 1981 rekonstruiert und restauriert. Grundlage dafür waren deutsche, französische und spanische Schnittfassungen sowie eine Kopie von „Die zwölfte Stunde“. Entgegen der Urfassung war diese Fassung nicht gelblich viragiert (eingefärbt), sondern schwarz-weiß; erst später wurden die Bilder durch Anwendung von Filtern beim Umkopieren nachträglich koloriert. Bei der Premiere der Rekonstruktion am 20. Februar 1984 im Rahmen der Internationalen Filmfestspiele Berlin spielte ein Orchester erstmals wieder die Originalmusik von Hans Erdmann. Anfang Februar 1987 feierte die von dem Filmhistoriker Enno Patalas erneut ergänzte und korrigierte Fassung in München Premiere. Diese Version verhalf Nosferatu schließlich im Dezember 1988 zu seinem ersten Fernsehauftritt im ZDF – allerdings wieder mit neuer Filmmusik geschrieben von Hans Posegga.

Die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung bewahrt seit 1966 die deutsche Filmkultur und verhalf Nosferatu in den Jahren 2005 und 2006 zum Sprung bzw. zum Flug in die Digitale Welt. In Zusammenarbeit mit dem spanischen Regisseur Luciano Berriatúa wurden die Einzelbilder einer französischen und einer tschechischen Version sowie einer Kopie von „Die zwölfte Stunde“ restauriert und letztendlich in originaler Abfolge digitalisiert. Zudem wurde diese neue Urfassung endlich wieder mit der ursprünglichen Musik von Hans Erdmann unterlegt.

Seit fast 100 Jahren begeistert „Nosferatu“ Horrorfans weltweit und inspirierte unzählige Vampir-Filme. Bei der Vorführung der restaurierten Fassung der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung auf der Terrasse des Thalia-Saales zeigte sich wieder einmal, dass der Stummfilmklassiker ein zeitloses Meisterwerk der Filmgeschichte ist – nicht nur aufgrund der darstellerischen Leistung, sondern vor allem wegen den großartig gruseligen Bildern. Und Originalmusik hin oder her, die Darbietung der Komposition von Violeta Dinescu durch das Trio Contraste machte diesen „Nosferatu“ zu einem ganz eigenen und besonderen. Wer die Aufführung verpasst haben sollte, findet eine Aufzeichnung unter: www.facebook.com/livestreamromania.ro.

Übrigens: Die erste – ebenfalls inoffizielle – Adaption von Bram Stokers „Dracula“ war der ungarische Film „Draculas Tod“ (Originaltitel: Drakula halála). Der Film entstand 1920 oder ’21; wann genau, ist nicht belegt, da alle Kopien seit dem Zweiten Weltkrieg als zerstört gelten. 2018 versuchten Studenten der Sapientia Universität in Klausenburg/Cluj-Napoca, „Draculas Tod“ mit der damaligen Technik nach zu filmen. Doch das ist eine andere Geschichte.

Tobias LEISER

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Posted in Aktuelle Ausgabe, Film.