Im Ensemble wird man groß

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Begegnung mit einem sensiblen Musiker / Von Ursula PHILIPPI

 

Mist! Da stehe ich nun seit 50 Minuten in der zugigen  Haltestelle von Tartlau und es kommt kein Bus. Die Anschlüsse nach Hermannstadt sind somit alle weg. In vier Stunden beginnt die Probe in der Philharmonie, bei der ich dabei sein wollte. Ludwig Quandt, Erster Solocellist der Berliner Philharmoniker, ist Gast des kommenden Konzerts mit Antonin Dvořáks Cellokonzert in h Moll op. 104. Schließlich schaffe ich es per Auto und komme gerade recht, um die erste Probe mit zu erleben. Unterwegs lege ich mir Fragen zurecht. Was erzählt wohl ein Musiker von Weltruf, wenn es ihn an einen Ort wie Hermannstadt verschlägt?

   Das erste, was Ludwig Quandt in der Probenpause sagt, noch bevor er ein Wasserglas austrinkt: er habe gehört, dass die Orchestermusiker keine Kammermusik pflegen. Das erscheint ihm völlig unnormal. „Auch wir stünden nicht da wo wir stehen, wenn nicht jeder, aber wirklich jeder der Berliner Philharmoniker, Ensemblemusik betreibt! Ohne Kammermusik kann es nicht gehen.“ Angesichts der mühseligen Probe, der ungeschickten Begleitung des Orchesters, das am heutigen Mittwoch das Stück erstmals durchspielt, kann man dem gar nichts hinzufügen. Dabei ist in Hermannstadt die Infrastruktur ja vorhanden: ein Kammermusiksaal im eigenen Haus, manche anderen Orte in der Stadt, die sich für Musik in kleineren Gruppen anbieten. Tatsächlich rührt sich wenig, von einer regelmäßigen Spielzeit unterm Dach der Hermannstädter Philharmonie ist nicht die Rede. Die Jungen im Orchester entwickeln manche Initiative und haben Ideen. Von der Verwaltung erhalten sie aber kaum Hilfe. So bleibt es bei sporadischem Mitwirken hier und dort. Und den Jungen sind bald die Flügel gestutzt!

Nach getaner Probenarbeit, die einer Unterrichtsstunde ähnelte, erzählt der Gast auch von sich selber: von seiner Liebe zur Artenvielfalt in der Natur zum Beispiel. Ihn interessieren Libellen, die nun, im digitalen Zeitalter, endlich leichter zu fotografieren sind. Als Gymnasiast in den 70-er Jahren des vorigen Jahrhunderts hatte er überlegt, Umweltschützer zu werden. Es war die Zeit der ersten Naturschutzgebiete, noch vor dem Wandel in der Gesellschaft, der unter anderem durch Helmut Kohls Wort von der „geistig-moralischen Wende“ geprägt war, als plötzlich junge Abiturienten im eleganten Jackett auftauchten und Geld, Geld, Geld immer wichtiger schien. Ludwig Quandt behielt dann doch das Cello in der Hand, war unter anderem Preisträger des ARD-Wettbewerbs und erlebte eine intensive Förderung im Ensemblespiel durch die bundesweit organisierten Konzerte junger Künstler. Was es doch ausmacht, erinnert er sich, wenn ein Konzertveranstalter einem nicht bloß den Schlüssel in die Hand drückt und Papiere zur Unterschrift vorlegt, sondern selbst für die Sache brennt. Erfolgreiche Konzerte leben vom guten Management. Und: Ideen sind gefragt. In Berlin geben sie jeden Dienstag im Foyer ein Lunchkonzert bei freiem Eintritt. Da fläzen sich Menschen, die sonst nie zu Konzerte kämen, in die Ecke und hören 45 Minuten zu. Jeder aus dem Orchester kann mitmachen. Und der Riesenerfolg des philharmonischen Salons, zu dem sein Vorgänger Götz Teutsch, der selbst aus Siebenbürgen stammt, einmal im Monat einlädt! Es ist eine Verbindung aus Literatur und Musik, die regelmäßig 1200 Leute versammelt. In wenigen Tagen, wenn er wieder zu Hause ist, wird Ludwig Quandt da mitmachen und Cellostücke von Jean Sibelius spielen. Immer mehr ist das  Unkonventionelle gefragt. Die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker, deren Leiter Quandt ist, haben kürzlich eine CD mit Musik von Astor Piazzolla aufgenommen. Wer will heute noch eine klare Trennlinie zwischen U-und E-Musik ziehen? Jedermann kann sich dank der digitalen Medien sofort über den Tango Nuevo informieren, oder auch alte Originalaufnahmen von Rachmaninoff hören. Und junge Menschen, das findet er beneidenswert, kennen keine Berührungsängste, lieben und pflegen zum Beispiel den Jazz, der neue rhythmische Welten erschließen kann. Statt der Schmalspurklassiker wachsen heute technisch bestens ausgebildete junge Leute heran, die durchlässiger für das Phänomen Musik sind. Was ihnen trotzdem abgeht? Zum Beispiel ein Gespür für das gepflegte Rubato, das freie Spiel. Dieses spürt man als Beobachterin der Proben und beim Konzert Ludwig Quandts in Hermannstadt ganz stark: Weder der Dirigent noch das Orchester reagieren sensibel auf die kleinen Freiheiten in der Agogik des Solisten. Es kommt dann, wie es nicht kommen müsste: Der Solist reagiert souverän und begleitet seinerseits, oder er „hilft“ dem Dirigenten bei Kadenzen. Nur eines tut er nicht: dynamisch aufdrehen, forcieren, lauter spielen, nur weil das Orchester nicht leise genug begleitet. Immer wieder wird dieses piano und pianissimo in den Proben gefordert. Was aber im Konzert passiert, wirft ein Licht auch auf die Gewohnheiten des Publikums: Der Mittelsatz endet in poetischen Zwiegesprächen von Cello und einzelnen Bläsern. Quandt spielt ganz nach innen, sein wertvolles altes italienisches Cello singt zauberhaft. Im Publikum raschelt und hustet es. Das wiederholt sich bei der Zugabe: Bachs Allemande aus der sechsten Cellosuite, vorgetragen wie von einem Evangelisten, voll edlem Ausdruck. Man hört ein ewiges Husten wie aus dem Vorzimmer einer Hausarztpraxis. Hat das Hermannstädter Publikum kein Gespür dafür? Liebt es nur das Spektakel, die Virtuosität, die allgegenwärtigen Walzer und Arien? Quandt selbst spricht es an: was beklatschen die Menschen, wenn sie Mozart hören? Wie können sie entspannen, wenn diese Musik voller Zwischentöne und dunkler Tiefen bei sensiblen Menschen eine Gänsehaut erzeugt? Für ihn ist Mozart aufregend, ja aufwühlend.

Nur wenige Menschen können ganz ohne Musik, weiß auch Ludwig Quandt. Ziel ist es, Wege zu finden, damit Hörer viel aufnehmen und sich ihr musikalisches Konsumverhalten erweitert. Von der Schlagerparade, dem musikalischen fast food, zur haute cuisine? Es gilt, Wege offen zu halten zu den schönen Dingen. Wie viel Einsatz das erfordert, erzählt der Musiker, Solocellist bei den Berlinern seit 1993, wenn er über den berühmten „spirit“ spricht, der dieses Weltklasse-Orchester auszeichnet. Was die einzelnen auch umtreibt, was für verschiedene Ansichten sie auch haben mögen, wenn es ans Konzert auf der Bühne geht, dann ziehen alle, alle an einem Strang. Dann ist jeder bereit, sich unterzuordnen, seien er oder sie auch noch so virtuos. Ohne den unbedingten Willen, ein Team zu bilden, kann man in diesem Orchester nicht bestehen. Das lehrt auch die Orchesterakademie, eine zweijährige Ausbildung für junge, besonders begabte Instrumentalisten. Und wieder: Sie alle werden auch in Kammermusik unterrichtet, im Auf-einander-Hören, im Mit-einander-Musikmachen. Und keinem tut es gut, sich auf Kosten von Kollegen zu profilieren. Jeden kann es in dieser dünnen, sauerstoffarmen Luft mal erwischen. Selbst der Chef, Sir Simon Rattle, verzieht keine Miene, wenn seine Musiker mal einen schlechten Tag haben. Verständnis für die extremen, oft sehr belastenden Leistungen, die im vollen Rampenlicht erwartet werden, ist angesagt.

Ludwig Quandt unterstreicht am Ende des Gesprächs, was ihm unbedingt wichtig erscheint: Kammermusik muss sein. Das soll auf jeden Fall gesagt werden. Musiker, die nur in den Dienst schlurfen und sich sonst nicht weiter musikalisch betätigen, können es nicht weit bringen. Es schadet auch dem Orchester, selbst wenn ein Potential zu erkennen sei, wie in Hermannstadt.

Wir tauchen ein ins Menschengewühl der Heltauergasse und Quandt denkt an Alltagssorgen: Mathe mit den Töchtern, musikalische Erziehung der Jüngsten, die die begabteste von den dreien zu sein scheint. Und am Montag der Termin beim Arzt mit einem Flüchtling. Ludwig Quandt betreut einen Goldschmied aus Aleppo, dem die Hand zeschossen wurde, der Familienmitglieder verloren hat, der übers Meer floh als es unerträglich wurde. Seine Frau macht Musik in Flüchtlingsheimen. Was für Einsichten man dabei gewinne! Ich bin völlig überrascht.  Wie nebenbei erschließt sich mir am Beispiel dieses Gastes: Sensibilität heißt nicht nur, schönste Töne zu erzeugen sondern: Durchlässig sein für Höhen und Tiefen, Licht und Dunkel wahrnehmen, wie Mozarts Musik eben!

 

Ein sensibler Musiker: Ludwig Quandt.    

Foto: www.die12cellisten.de