Vom Zungenspitzen- zum Reibe-R

Ausgabe Nr. 2465
 

Ergebnisse eines Sprechübungskurses an dem RST

 

 

„Tim uns seine Schüler“ hieß die Veranstaltung, die im Erasmus-Büchercafé am Mittwoch der Vorwoche (20. Januar), stattgefunden hat. Eine „szenische Lesung“ war angekündigt worden, die von den Schauspielerinnen und Schauspielern der deutschen Abteilung des Radu Stanca Theaters Hermannstadt im Sprechunterricht mit Tim Schüler vorbereitet wurden.

Die Schauspieler Johanna Adam, Anca Cipariu, Emöke Boldizsar, Mara Căruțașu, Ali Deac und Lucian Pană präsentierten der Reihe nach kurze Monologe, Gedichte und Erzählungen. Lustig anzusehen waren aber auch die Aufwärm-, Zungen- Kieferlocker-, Artikulations- und Resonanzübungen, die für das Publikum eine Neuheit darstellten. Immerhin bekommt man nicht alle Tage einen Einblick in die Vorbereitungsübungen der Schauspieler.

Tim Schüler wurde als Sprecherzieher vom Institut für Auslandsbeziehungen Stuttgart für drei Monate nach Hermannstadt entsandt, auf Anfrage des Theaters. Seine Zeit in Hermannstadt ging letzte Woche zu Ende. Die szenische Lesung sollte zeigen, was die Schauspieler in seinem Sprechunterricht alles gelernt hatten.

Der 24-Jährige stammt aus der Hamburger Gegend, hat Sprechwissenschaft studiert, in Berlin an der Volksbühne und in Ekuador als Deutschlehrer gearbeitet. Über das Jobangebot aus Hermannstadt erfuhr er in Wien, wo er am Max Reiner Seminar ein Praktikum absolviert hatte. Er bewarb sich sofort und wurde mit weit ausgebreiteten Armen am RST empfangen. Tim Schüler beschreibt seinen kurzen Aufenthalt als „sehr, sehr schön“. Vor allem hätte er nicht mit dem großen Verlangen nach Wissen gerechnet, das ihn am Theater erwartet hatte: „Es kamen extra Studenten von weit weg, um an meinem Unterricht teilzunehmen. Mara Căruțașu kam beispielsweise den langen Weg aus Bukarest.“

In diesen drei Monaten hat der deutsche Sprecherzieher viel Praktisches mit seinen Schülern geübt, aber dabei das Theoretische nicht außer Acht gelassen. Er hat die deutsche Phonetik und deren Regeln gelehrt.

Großen Wert legte Tim Schüler auf die korrekte Aussprache der Schauspieler: „Sehr lange Zeit verbracht haben wir an der Aussprache des „R“, damit das Zungenspitzen-R zum Reibe-R wird. Ein weiteres Thema war die Auslautverhärtung. Das bedeutet, wenn man z.B. das Wort „Hemd“ hat, das mit „d“ endet, aber trotzdem mit „t“ gesprochen wird.“ Dadurch, dass an der deutschen Abteilung sowohl Deutsch-Muttersprachler als auch Deutsch-Fremdsprachler arbeiten, wurde in den Unterrichtsstunden viel Wert auf die Vokalqualität gelegt: „Rumänisch ist eine silbenzählende Sprache, das Deutsche ist eine akzentzählende Sprache. Daran habe ich auch gearbeitet, dass die Schauspieler von der typischen rumänischen Betonung wegkommen. Es war eine spannende Herausforderung für mich, weil ich Schauspieler mit ganz verschiedenen sprachlichen Hintergründen hatte. Einige gehören der deutschen, andere der ungarischen Minderheit an, andere haben Rumänisch als Muttersprache. Für jede Ausgangssprache musste ich ein anderes Konzept erarbeiten.“

Allgemein fand Tim Schüler die Arbeit am RST sehr spannend und würde gerne wiederkommen. An der szenischen Lesung im Erasmus-Büchercafé war zu erkennen, dass die Schauspieler in den letzten drei Monaten sehr viel dazugelernt haben. Ob Tim Schülers Wunsch, einen „Ensemble-Klang“ auf der Bühne zu schaffen, in Erfüllung geht, wird sich bei der nächsten Theatervorstellung zeigen.

Cynthia PINTER

 

Foto 1: Johanna Adam trug das Gedicht „Wie man eine Torte macht“ von Cissy Kraner vor.

Foto 2: Sprecherzieher Tim Schüler begrüßte die Anwesenden.

Fotos:  Cynthia Pinter

 

 

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Bildung.