Faszinierend und überzeugend

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Zu Dorothee Rieses Roman ,,Wir sind hier für die Stille“ / Von Andreea DUMITRU-IACOB

Ausgabe Nr. 2983

Dorothee Riese: Wir sind hier für die Stille. Berlin Verlag in der Piper Verlag GmbH Berlin/München 2024, 235 Seiten, ISBN 978-3-8270-1493-1, 135 Lei. In Hermannstadt liegt das Buch in der Schiller-Buchhandlung und im Erasmus-Büchercafé auf.

Dorothee Rieses Debütroman „Wir sind hier für die Stille“ öffnet der Leserschaft eine Tür zum Land jenseits der Wälder. Transsilvanien fasziniert und überzeugt zugleich. Nach Transsilvanien, sprich Siebenbürgen, verschlägt es die Hauptfigur Judith. Sie erlebt in der Wahlheimat der Eltern ein plurikulturelles Umfeld voller Widersprüche, in dem sie sowohl die rumänische Sprache als auch die gesellschaftliche Sprache bzw. die Sprache der Beziehungen und deren Bedeutung in der rumänischen Gesellschaft lernt.

Judith wandert mit ihren Eltern nach Rumänien aus und befindet sich seit ihrer Umsiedlung in einem fortlaufenden Lernprozess. Es ist die Geschichte eines Aufwachsens und einer Entwicklung; das Mädchen wird zu einer literarischen Perspektivfigur. Das Dorf Sarmizegetusa befindet sich an einer Stelle am Rande der Karpaten, wo sich alte Wege kreuzen, und wird für die deutsche Aussteigerfamilie das neue Zuhause im Osten Europas. Mutter Anna und Vater Kurt sehen Rumänien als eine gute Alternative, den Menschen und der Natur näher zu kommen, und möchten ihrer Tochter im Gegensatz zur deutschen Konsumgesellschaft den Zugang zum einfachen Leben ermöglichen. Das Haus, das sie bewohnen, hat einen Lehmofen, kein fließendes Wasser, ein Plumpsklo, einen Brunnen, Stallungen, eine Scheune und eine „Draußenküche“. (S. 27) Alles wird auf das Nötigste reduziert.

Sie sind sich aber in der ersten Etappe nach der Ankunft nicht bewusst, dass sie zwei weitere große Hürden überwinden müssen: Erstens stellt sie die rumänische Sprache vor große Herausforderungen und zweitens kennen sie die Mentalitäten in Rumänien nicht. Naiv und unbelastet haben alle drei Deutschland verlassen, ohne sich auf diese Reise ernsthaft vorzubereiten. Die Lebensweise der Dorfbewohner, die zu unterschiedlichen Ethnien gehören, stößt bei ihnen in der Anfangszeit auf Unverständnis.

Ihr Aufenthalt wird jedoch durch die Bekanntschaft mit Lizitanti, einer Siebenbürger Sächsin, in die richtigen Bahnen gelenkt. Sie klärt Familie Schiller über die Mentalitäten im Dorf, über die Lebensweise der Roma und über geschichtliche Aspekte auf. Von der alten Frau erfahren die neuen Dorfbewohner also mehr über das plurikulturelle Gesicht Siebenbürgens. Die Siebenbürger Sachsen sind nach dem Zweiten Weltkrieg deportiert worden und nach den traumatischen Jahren der kommunistischen Diktatur nach der Revolution von 1989 mehrheitlich in den Westen ausgewandert; die Roma, im Roman „die Rotzigen“ genannt, werden wegen ihrer Armut und ihrer Lebensweise von der rumänischen Gesellschaft als minderwertig betrachtet. Die Rumänen, die die Mehrheit im Dorf bilden, teilen sich in zwei Kategorien ein: Arme und Neureiche. Die armen Bewohner haben es schwer, ihren Lebensunterhalt zu sichern, während die Neureichen die Vorzüge der sich in Rumänien etablierenden kapitalistischen Gesellschaft genießen.

Die Beziehung zu Lizitanti ist anfangs die Verbindung zur Heimat über die gemeinsame Sprache, die in der Aussprache fremd klingt, denn das Deutsch in Siebenbürgen ist für das Mädchen „ein schreckliches Donnern voller R und T“. (S. 14) Die „Tanti“ begleitet Judiths Alltag, beantwortet ihr wichtige Lebensfragen und wird sogar zu ihrer Wahlgroßmutter. Das Dorfleben beschäftigt Judith von morgens bis abends und umfasst Themen wie Armut, häusliche Gewalt, die Praxis der Orthodoxie, Alkoholkonsum, Abholzung der Wälder, verlassene Kirchenburgen, das Verschwinden der deutschen Minderheit und das Schulwesen.

Judith integriert sich so gut, dass sie sich sogar wünscht, rumänisch zu werden. Nachdem sie des Rumänischen mächtig ist, stellt sie fest, dass ihr „r“ nicht so rollt, wie das bei den Rumänen üblich ist, und sie beginnt bewusst, ihre Aussprache zu verändern. Ihre Freundschaft mit dem Roma-Mädchen führt sie in eine Welt, die sie in Deutschland nie hätte erleben können. Die beiden Freundinnen erkunden die Gegend um das Dorf und besuchen zusammen die Schule. Irina fehlt sehr oft, weil sie sich um die kleineren Geschwister kümmern und die Hausarbeit verrichten muss. Ihre Familie legt wenig bis keinen Wert auf formale Bildung, nichtsdestotrotz ist Irina ein Kind, das sich in der Gesellschaft immer zurechtfindet. Judith bewundert sie dafür.

Die Eltern des Mädchens, die in Deutschland stark sozial engagiert gewesen sind, sehen ihre Aufgabe darin, den Menschen im Dorf auf Augenhöhe zu begegnen. Kurt, der „barfüßige Deutsche“, übernimmt zum Beispiel den Schlüssel von der Kirchenburg und spielt manchmal die Orgel. Seinen Freunden aus Deutschland berichtet er über die Herausforderungen vor Ort, denn diese „mussten mehr von der Armut erfahren“. (S. 66) Auch die Mutter Anna erlebt die Not der Dorfbewohner und wünscht sich genauso raue Hände wie die der anderen. Sie identifiziert sich vor allem mit dem harten Leben der Frauen und weiß, dass es für sie kein Entkommen aus dem Dorf gibt. Sie lehrt Irinas Mutter, Cati, lesen, verwaltet das „Mützenprojekt“, berät die Armen der Gemeinde und kocht jeden Tag für Judiths Freunde. Beide Elternteile führen dort ihr Leben frei von allen Konventionen fort. Es ist für sie die Suche nach einem neuen Lebenssinn.

Rieses Roman spricht die Sprache der Liebe – der Liebe zum Fremden, zu bereichernden Erfahrungen, zu Rumänien. Die Geschichte einer persönlichen Entwicklung verläuft parallel zum Weg der rumänischen Gesellschaft aus dem Kommunismus. Judiths Figur fesselt und macht neugierig auf mehr.

(gekürzte Fassung der Rezension, die unter https://zwischengrenzen.online/besprechung-wir-sind-hier-fuer-die-stille-riese/ zu lesen ist)

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Bücher.