Auf den Spuren der Auswanderer

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Hargesheim und Hermannstadt führten gemeinsam ein Erasmus+ Projekt durch

Ausgabe Nr. 2983

Gruppenbild mit allen Beteiligten vor der UNESCO-Kirchenburg in Deutsch-Weißkirch.

„Vom rheinischen Albtraum in den siebenbürgischen Wunsch(t)raum?” So lautet der Titel eines Erasmus+ Projekts, in dessen Rahmen Schülerinnen und Schüler der Alfred-Delp-Schule in Hargesheim und des Samuel-von-Brukenthal-Gymnasiums in Hermannstadt folgenden Fragen und möglichen Antworten nachgegangen sind: Was bewegt Menschen, ihre Heimat zu verlassen und anderswo ein neues Leben zu beginnen? Oft ist es die Hoffnung auf bessere Lebensbedingungen, die sie dazu bringt, die Sicherheit des Vertrauten aufzugeben und sich auf den Weg in eine ungewisse Zukunft zu machen. Was heute wie damals ein Wagnis ist, hat die Geschichte Europas über Jahrhunderte geprägt.

Die Wanderungsbewegungen des Mittelalters, darunter die Ansiedlung der Siebenbürger Sachsen in Siebenbürgen, haben Regionen und Gesellschaften nachhaltig verändert. Doch welche Umstände veranlassten sie, und was machte ihnen ein Leben in der Ferne attraktiv?

Am Beispiel der mittelalterlichen Migration der Siebenbürger Sachsen wollten sie die Ursachen und Beweggründe historischer Wanderungsbewegungen untersuchen – um die Vergangenheit besser zu verstehen und daraus neue Perspektiven auf Gegenwart und Zukunft zu gewinnen. Getragen wurde unser Projekt von einer lebendigen deutsch-rumänischen Partnerschaft.

Bei insgesamt sechs geografisch-historischen Exkursionen in ausgewählten Regionen Deutschlands und Rumäniens gingen die Schülerinnen und Schüler den Spuren der Auswanderer nach und versuchten, ihre Lebensbedingungen und Beweggründe Schritt für Schritt nachzuvollziehen.

Dank dafür gilt besonders Bernd Schumacher, Oberstufenleiter der Alfred-Delp-Schule in Hargesheim, und Monika Hay, Schulleiterin des Brukenthal-Gymnasiums in Hermannstadt, die das Projekt maßgeblich ini-
tiiert und ermöglicht haben. Ebenso sei den Lehrkräften Christian Schmitz von der Alfred-Delp-Schule sowie Ieremia Marga vom Brukenthal-Gymnasium gedankt, die das Projekt engagiert begleiteten und unterstützten.

Die Spurensuche begann im April d. J. im Westen Deutschlands, der Herkunftsregion der Auswanderer: mit den Lebensbedingungen, die Menschen im Mittelalter bewegten, die Heimat zu verlassen. Ein wesentlicher Faktor im Rheinland war Überbevölkerung, insbesondere in landwirtschaftlich ungünstigen Räumen. Ungünstige Boden- und Klimaverhältnisse, dazu Umweltkatastrophen erschwerten die landwirtschaftliche Versorgung und konnten die Lebensgrundlage vieler Menschen gefährden.

Mit der deutschen Ostkolonisation und den Kreuzzügen ergaben sich zugleich Möglichkeiten, in östlichen Gebieten neue Siedlungen aufzubauen. Historische Quellen zum damaligen Alltag und klimageschichtliche Analysen vermittelten Eindrücke von den Herausforderungen der damaligen Bevölkerung.

Um 1150 wanderten vermutlich etwa 3.000 Familien aus, geschätzt 15.000 Menschen: Wagemutige auf der Suche nach neuen Möglichkeiten, aber auch Menschen, die wegen ihrer schwierigen Lebensbedingungen kaum eine andere Perspektive sahen. In den folgenden Jahrhunderten folgten noch weitere Auswanderungen in vergleichbarer Größenordnung.

Auch vor Ort wurden die natürlichen Voraussetzungen für die Landwirtschaft untersucht. Proben der Bodenqualität und ihre genaue Analyse halfen, die damaligen Erntebedingungen und die Versorgungsproblematik besser zu verstehen. Auch moderne Datierungsmethoden wie die Dendrochronologie wurden thematisiert. Mit Hilfe dieser Wissenschaft lässt sich das Alter von Holz und damit auch das Alter historischer Bauwerke bestimmen.

Beim Besuch von Städten im Rheinland, deren Entwicklung und heutiger Wohlstand maßgeblich von der dort verbliebenen Bevölkerung getragen wurde, fiel es schwer, sich vorzustellen, wie grausam und bestimmend die wirtschaftlichen Probleme damals waren – so stark, dass Menschen alles aufgaben, um ein neues Zuhause zu suchen.

Im zweiten Teil des Projekts, Ende September d. J., richtete sich der Blick auf die andere Seite von Migration: Die Bedingungen, die einen Zielort attraktiv machen und Menschen bewegen, sich dort eine neue Existenz aufzubauen. Welche Perspektiven also bot Siebenbürgen den Siedlern als neue Heimat an?

Sowohl im Rheinland als auch in Siebenbürgen gab es Vor- und Nachteile, die sich je nach Lebenssituation unterschiedlich auswirkten. So bot das Rheinland nicht ausschließlich schwierige Lebensbedingungen, ebenso wie Siebenbürgen trotz neuer Möglichkeiten auch Herausforderungen mit sich brachte.

Das Zusammenspiel der Bedingungen in beiden Regionen beeinflusste also die Entscheidung zur Auswanderung. Einer der maßgeblichen Faktoren waren die sehr weitreichenden Siedlerrechte, die den „hospites saxones“ 1224 durch das sogenannte „Andreanum“ verliehen wurden, den Freibrief von Ungarns König Andreas II.

Verschiedenste Exkursionen erforschten die Geschichte und Geografie Siebenbürgens: einer Region mit kultureller Vielfalt, aber auch mit wiederkehrenden Konflikten. Diese Einblicke führten vor Augen, dass auch das Leben im „Wunschraum“ Siebenbürgen nicht ohne erhebliche Schwierigkeiten war.

Die Geschichte des Zusammenlebens verschiedener Bevölkerungsgruppen – darunter Sachsen, Ungarn und Rumänen – verdeutlicht, wie vielschichtig die Entwicklung Siebenbürgens war und wie nachhaltig die unterschiedlichen kulturellen Einflüsse die Region bis heute prägen. Ob in Handwerk, Bildung, Architektur oder Handel – die Sachsen verstanden es, ein fremdes Land zu kultivieren und es Schritt für Schritt in eine echte Heimat zu verwandeln.

Die Beschäftigung mit der Geschichte der Siebenbürger Sachsen zeigt, dass Migration nicht nur die Lebenswege einzelner Menschen verändert, sondern auch langfristige Auswirkungen auf die Gesellschaften hat, die aus ihr hervorgehen. Die Auseinandersetzung mit der Migration der Siebenbürger Sachsen besitzt gerade für die heutigen politischen Diskussionen über Migration eine besondere Aktualität.

Migration wird gegenwärtig teils extrem problematisiert und zum Gegenstand gesellschaftlicher Konflikte gemacht. Historische Auseinandersetzung kann hier eine andere Perspektive eröffnen; kann verdeutlichen, dass Flucht und Auswanderung keineswegs moderne Phänomene sind, sondern immer schon zur menschlichen und europäischen Geschichte gehören.

Historische Auseinandersetzung plus persönlicher Austausch bedeuteten eine historische plus eine gegenwartsbezogene Perspektive. Das Projekt hat auch gezeigt, wie Begegnung zwischen Menschen dazu beitragen kann, Vorurteile abzubauen. Geprägt von unterschiedlichen Erfahrungen und Sichtweisen hat unsere Zusammenarbeit einzigartige Ergebnisse erbracht – auch die wertvolle Erkenntnis, wie viel uns als Menschen trotz aller Unterschiede verbindet. Europäische Integration findet nicht nur auf politischer Ebene statt, sondern auch durch direkte Begegnungen und verschiedene Perspektiven.

Tara Heath SCHUG

Maria BUCUR

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Bildung.