Viel Zustimmung aus Wittenberg

Die Reformation in Siebenbürgen (II) / Von Wilhelm Andreas BAUMGÄRTNER
Ausgabe Nr. 2524
 

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Vor allem in den sächsischen Städten gab es lange Zeit ein Nebeneinander von katholischem und evangelischem Leben. Die Strukturen der alten Kirche waren intakt, aber die Stadtführung und große Teile der Bürgerschaft waren auf Seiten der evangelischen Sache. Während in Hermannstadt diese Patt-Situation zu einem Erlahmen der evangelischen Bewegung führte, begann sie in Kronstadt Fahrt aufzunehmen. Bedeutsam war, dass wie auch in Hermannstadt, auch in Kronstadt einflussreiche Anhänger Luthers im Stadtrat saßen.

 

Am 19. Februar 1539 traten die Pfarrer des Kronstädter Kapitels unter dem Vorsitz von Stadtpfarrer Jeremias Jekel zusammen. Jekel, der sich als Reformator bereits einen Namen gemacht hatte, hielt die Zeit für gekommen, die Reformation auf den Weg zu bringen. Man weiß nicht genau, was beschlossen wurde, vermutet aber, da der 19. Februar damals ein Aschermittwoch war, dass die Fastengebote aufgehoben worden waren. Diese Nachricht schlug wie eine Bombe im Rathaus ein.

Die Stadtführung war überrascht und berief noch am gleichen Tag die Gauversammlung zu einer außerordentlichen Sitzung, denn mit dieser Kapitelentscheidung waren Recht und Tradition außer Kraft gesetzt. Was hier beschlossen wurde, wissen wir nicht, aber wir wissen, dass die Stadtführung diese Entscheidung der Kirchenoberen ablehnte, da Stadtrichter Lukas Hirscher ein entschiedener Reformationsgegner war. Auch Johannes Honterus, der zukünftige Reformator, war zu diesem Zeitpunkt dagegen, weil er Reformen innerhalb der Kirche wollte, während diese Entscheidung des Kapitels ein Bruch mit der Kirche bedeutete. Es gibt aber keinen Hinweis, dass diese Kapitelentscheidung rückgängig gemacht worden wäre.

Das bedeutete, in Kronstadt gab es eine Gruppe Geistlicher um Jeremias Jekel, die eine Reformation streng nach lutherischen Gesichtspunkten, also der Rechtfertigung aus dem Glauben, vertrat, während eine zweite Gruppe um Johannes Honterus eine „gemäßigtere“ Richtung nach schweizerischem Muster einschlug (also neben den Glauben auch die guten Taten stellte) und Reformen innerhalb der römisch-katholischen Kirche wollte. Aber solange Lukas Hirscher an der Macht war, hatte die Reformation in Kronstadt, trotz Honterus und Jekel, keine Chance. Aber nach Hirschers Tod am 19. April 1541 und nachdem Johann Fuchs der Jüngere die Stadtführung übernommen hatte, änderte sich die Lage. Der neue Stadtrichter war nämlich ein glühender Reformations-Anhänger. Daraufhin ging die Reformation wieder in kleinen Schritten weiter. Sein erster Beschluss war, das Katharinenkloster südwestlich der Schwarzen Kirche (damals Marienkirche) gelegen, wo heute das Honterus-Gymnasium beheimatet ist, zu beschlagnahmen und in eine Schule umzuwandeln.

Allmählich änderte sich auch die Haltung von Honterus, der langsam aus dem schweizerischen ins lutherische Lager überwechselte. Grund dafür war wahrscheinlich die Haltung in der Abendmahlsfrage, das heißt, welche Bedeutung das Austeilen von Brot und Wein im Gottesdienst hat. Die unterschiedliche Antwort auf diese Frage unterscheidet bis heute die christlichen Konfessionen und teilte sogar die Reformatoren.

Landgraf Philipp von Hessen wollte den Abendmahlsstreit zwischen Martin Luther und Huldrych Zwingli, dem Schweizer Reformator aus Zürich, schlichten und hatte deshalb die beiden vom 1. bis 4. Oktober 1529 auf sein Schloss in Marburg eingeladen. Einig waren sich beide nur in der Ablehnung der katholischen Transsubstantiationslehre, nach der sich während der Messe Brot und Wein mit dem Glöckchengeläut des Priesters auf mystische Weise in das wahre Fleisch und Blut des Herrn verwandeln. Zwar geht auch Luther beim Abendmahl von der Realpräsenz Christi aus, doch geschieht das durch die Gleichsetzung („predicatio identica“) von Brot und Wein („Konsubstantiation“). Luther: „Was ist das wahre Sakrament des Altars? Es ist der wahre Leib und Blut unseres Herrn Jesus Christus, unter dem Brot und Wein uns Christen zu essen und trinken von Christus selbst eingesetzt…“. Für Zwingli hatte das Abendmahl mit seinen Elementen Brot und Wein nur eine symbolische Kraft, die an den Auferstandenen erinnern sollte. Deshalb war das Marburger Religionsgespräch gescheitert.

Der Kronstädter Johannes Honterus kam schon während seines Basler Aufenthaltes unter den Einfluss von Professoren, die der Wittenberger Richtung anhingen. Doch noch schien er unentschlossen zu sein. Doch als er später Luthers „Kleinen Katechismus“ in seiner Druckerei drucken ließ, hatte er sich vermutlich schon für Luther entschieden, weil er sonst dessen Katechismus nicht gedruckt hätte. Die Forschung ist sich heute einig, dass die Kronstädter Reformatoren, mit Honterus an der Spitze, erst 1541 auf die Wittenberger Linie einschwenkten.

An vielen Orten des Burzenlandes wie Kronstadt, Tartlau und Brenndorf wurden Änderungen in der Messordnung vorgenommen, allerdings an jedem Ort unterschiedlich. Als dann am 8. April 1542 der siebenbürgische Bischof von Weißenburg, Johann Statilius, ein hartnäckiger Verfolger aller Evangelischen, gestorben war, sahen die Kronstädter die Zeit für gekommen an, zur Tat zu schreiten. Ihnen kam die weltpolitische Lage zu Hilfe. Die drohende Kriegsgefahr ließ in der Stadt eine Art von Untergangsstimmung entstehen, die die Menschen für kirchliche „Verbesserungen“ empfänglicher machte.

Der Kronstädter Stadtrat übergab die Neuordnung der Kirche und alle anderen „Glaubensdinge“ in die Hand von Honterus. Im Schatten der politischen Ereignisse (es herrschte ein Bürgerkrieg um den vakanten ungarischen Thron zwischen König Ferdinand I. und dem siebenbürgischen Woiwoden Johann Zapolya, in den sich auch die Türken einmischten) fiel das Geschehen in Kronstadt nicht auf. Am 3. Oktober 1542 fand der erste evangelische Gottesdienst auf Betreiben von Stadtrichter Johann Fuchs und Johannes Honterus in der Stadtkirche (heute „Schwarze Kirche“) statt.

Was hatte sich verändert? Anstelle des Kanons mit dem Messopfer war die Feier des Abendmahls in beiderlei Gestalt getreten. Das bedeutet, dass auch den Laien der Kelch mit Wein gereicht wurde. Ansonsten hatte der Gottesdienst damals noch sehr viel mehr Ähnlichkeit mit der katholischen Messe als mit einem heutigen evangelischen Gottesdienst. Die Priester hatten noch ihre liturgischen Gewänder an, die Liturgie wurde auf Latein gesungen, nur der Sprachteil (Einsetzungsworte und Schriftlesungen) erfolgte auf Deutsch.

Von Kronstadt aus verbreitete sich die neue Gottesdienstordnung im ganzen Burzenland. Am 6. Dezember 1642 gab es bereits die erste Kirchenvisitation. Das neue Jahr fand hier ein evangelisches Burzenland vor. Um sich nicht zu verzetteln und damit der Reformation Dauer zu verleihen, war ein einheitliches Vorgehen notwendig. Daher erteilte der Stadtrat Honterus den Auftrag, zum Abschluss der Reformation und zur Herstellung der kirchlichen Einheit die durchgeführten Reformen schriftlich festzuhalten. So entstand 1543 das „Reformationsbüchlein für Kronstadt und das gesamte Burzenland“. Wie aber sah es in den anderen sächsischen Orten aus?

Mathias Ramser, der Stadtpfarrer von Hermannstadt und Dechant des Hermannstädter Kapitels, besuchte 1540 und 1541 Kronstadt, um sich über die dortige Lage zu informieren. Im Jahre 1543 schickte ihm das Kronstädter Kapitel drei Exemplare des Reformationsbüchleins von Honterus. Ramser hatte trotz seiner reformatorischen Gesinnung nicht den Bruch mit der katholischen Kirche im Auge, deshalb verhielt er sich sehr vorsichtig. Er schickte ein Reformationsbüchlein nach Wittenberg, um es von Luther, Melanchthon und Bugenhagen (Stadtpfarrer an der Wittenberger Kirche) prüfen zu lassen. Von allen dreien erhielt er dazu zusagende und lobende Schreiben. Bei so viel Zustimmung aus Wittenberg mussten auch in Hermannstadt alle Bedenken gegenüber der Kronstädter Reformation fallen. Jetzt war Honterus der Reformator des gesamten Sachsenlandes.

Wie auch in Kronstadt, war auch in Hermannstadt der Stadtrat mit Bürgermeister Petrus Haller an der Spitze die treibende Kraft, unterstützt von Königsrichter Georg Hutter und dessen Nachfolger Johann Roth. Nach sorgfältiger Vorbereitung wurde 1543 die Kirche in Hermannstadt im Sinne des Kronstädter Reformationsbüchleins reformiert. Im Frühjahr 1544 konnte Mathias Ramser in Begleitung einiger Ratsherren eine Visitation im Hermannstädter Kapitel durchführen und sich vom Sieg der Reformation auch im Hermannstädter Stuhl freuen.

Die Stadt zog die Güter der Kirche und der Klöster ein, verkaufte vier Häuser der Dominikaner und errichtete von dem Geld an der Südseite der Stadtpfarrkirche ein neues Schulhaus (an Stelle dieses Schulhauses wurde 1779 – 1781 das heutige Brukenthal-Gymnasium gebaut). Die Mönche und Nonnen mussten ins weltliche Leben zurückkehren oder an einen anderen Ort ziehen. Dabei wurden sie nicht bedrängt, nicht bedroht, es gab keine feindselige Stimmung. Manche von ihnen heirateten und erhielten von der Stadt eine Starthilfe. Dem Mönch Matthias zum Beispiel half die Stadt mit 12 Gulden, einen eigenen Hausstand zu gründen.

Ähnlich verlief die Reformation auch in den anderen sächsischen Orten wie Mediasch, Schässburg, Mühlbach oder Bistritz und den angrenzenden Dörfern. Ab 1544 übernahm dann die Nationsuniversität die Führung in der reformatorischen Umgestaltung des Sachsenlandes. Es wurde ein Ausschuss „gelehrter Männer“ gebildet, um die Reformation flächendeckend auf dem Sachsenboden einzuführen. Am Sonntag, 20. März 1547, fand in Hermannstadt ein Treffen statt, wo nach mehrwöchigem Tagen auf der Grundlage des Kronstädter Reformationsbüchleins eine „Kirchenordnung aller Deutschen in Siebenbürgen“ erarbeitet wurde. Das von Honterus stammende Reformationsbüchlein hatte die Aufgabe, der Reformation zum Durchbruch zu verhelfen, während die Kirchenordnung sich um eine Vereinheitlichung des Gottesdienstes bemühte. Die Nationsuniversität beschloss am 20. April 1550, dass nach dieser Ordnung die Kirchen in allen Städten und Dörfer des Sachsenlandes reformiert werden sollten. Damit war die Kirche der Siebenbürger Sachsen der Zuständigkeit der katholischen Kirche entzogen. Das war die Geburtsstunde der Evangelischen Kirche Augsburger Bekenntnisses in Siebenbürgen.

 

Wer mehr über die Reformation in Siebenbürgen erfahren möchte, kann das in der Sonderausstellung „Reformatio Transilvaniae 500 – Sakrale Räume und Symbole im Wandel“, die vor kurzem im Friedrich Teutsch-Begegnungs- und Kulturzentrum in Hermannstadt eröffnet und daselbst bis zum 10. November d. J. zu besichtigen ist. Anhand von Infotafeln und Objekten zeichnet die vom Museum der Evangelischen Kirche A. B. in Rumänien veranstaltete Schau die Geschichte der Reformation in Siebenbürgen nach. Unser Bild: Eine Truhe mit Hostieneisen (auch Oblatenzangen genannt) gehört zu den Exponaten. In einigen evangelischen Kirchengemeinden in Siebenbürgen sind auch heute noch solche Zangen in Gebrauch, um die Oblaten zu markieren, die beim Heiligen Abendmahl gereicht werden.    

Foto: Fred NUSS

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