„Es fielen auf einmal Bomben“

Zenderscher gedachten der zivilen Opfer des Luftangriffs vom 9. September 1944

Ausgabe Nr. 2590

Alfred Gross (links) bei seiner Ansprache vor dem Gedenkkreuz, mit Cosmin Blaga, Sprecher des Bürgermeisteramtes von Neumarkt.           
Foto: Privat

„Wir, die ganze Kolonne der Wägen von Büffeln, Ochsen und Pferden  gezogen, hatten angehalten, um eine Rast einzulegen. Auf einmal tauchten Flieger am Horizont auf, die über uns hinwegzogen, es waren ca. 13 an der Zahl. Nach kurzem wendeten sie und kamen im Sturzflug auf uns zu, es fielen auf einmal Bomben. Das Chaos brach los, alle flüchteten, wer sich nur bewegen konnte, in das nahe liegende Maisfeld, auf der linken Seite, ich hatte einen Bombensplitter in der Hüfte, mein Cousin Andreas Weber eine Wunde überm Auge, die stark blutete, aber wir waren noch am Leben.“ So beschreibt die damals 17-jährige Katharina Gross den bei Sângeorgiu de Mureș erfolgten Angriff deutscher Kampfflugzeuge auf den Konvoi der Evakuierten aus Zendersch und fünf anderen Gemeinden, dem am 9. September 1944 zwölf Zenderscher zum Opfer gefallen sind. Am 11. August d. J. wurde der Opfer vor Ort gedacht und daselbst seitens der Heimatortsgemeinschaft Zendersch ein Gedenkkreuz aufgestellt. Lesen Sie im Folgenden die leicht gekürzte Ansprache des stellvertretenden Vorsitzender der HOG Zendersch, Alfred Gross, dem Sohn der eingangs zitierten Katharina Gross.

 

Wir stehen hier an einem Ort,  der für unsere Zenderscher Gemeinde und weitere fünf Nachbargemeinden eine enorme historische Bedeutung hat.

Es ist der  Ort der eines der schlimmsten Erlebnisse für die Beteiligten und ihre Familien bereithalten sollte. Es war der Tag der Flucht vor dem Krieg in die Freiheit. Zumindest hatte man ihnen das versprochen. Es war  der  9. September 1944.

Für unsere Zenderscher und alle betroffenen Gemeinden war es ein tief einschneidendes Ereignis in ihrem Gemeindeleben. Es bedeutete die Trennung vieler Familien, die nach dem Krieg nicht mehr in ihre alte Heimat zurückfanden.  Eine Gemeinschaft, die über Jahrhunderte  in guten und schlechten Zeiten zusammen gelebt hatte, eine Gemeinschaft, die vieles bewältigt und Krisen gemeistert hatte, wurde auseinandergerissen.

Nationale Grenzen dürfen „Totengedenken nicht behindern“, sagte Dr. Bernd Fabritius in seiner Ansprache am 20. Juni d. J. beim Gedenktag von Flucht und Vertreibung in Berlin. Dr. Fabritius wies darauf hin, den zivilen Toten dieser Zeit die Ehre zu erweisen, die oft auf der Flucht am Wegesrand verscharrt  wurden und deren Gräber keinen Namen trugen, sowie Opfer zu gedenken, die unverschuldet in Not geraten waren, sei eine Aufgabe die Grenzüberschreitendes Engagement erfordert.

Schuldige braucht man nicht mehr zu suchen. So war nun mal der Krieg und die Diktatoren sowie die Handlanger, die ihre Befehle ausführten. Niemals hat ein Krieg Gewinner. Es gibt nur Verlierer.

Regina Frintz erzählte mir vor ein paar Wochen, nach dem Angriff  hatte sich unser Treck in einen Ort der Verwüstung  verwandelt, Rauch Nebel und Tote. Menschen und Tiere in einem schrecklichen Zustand. Für uns war die heile Welt in ein paar Minuten zusammengebrochen .

Regina Konyen geb. Taub aus Gunzenhausen schilderte mir auch unter Tränen, dass Hansi, ihr Bruder mit 9 Jahren  an ihrer Seite verblutete.

Laut Statistik waren die Zenderscher was Tote betrifft am ärgsten betroffen.

Es waren 12 an der Zahl: Andreas Gross  (42 Jahre), Georg Rader (34), Johann (Hansi) Taub    (9), Regina Taub (20), Georg  Kreischer (47), Katharina Rader geb. Ungar (35), Johann Rader       (35), Johann Wiesen (54), Anna Hinzel geb. Kappes (23), Georg Frintz (53), Katharina Gross  (11), Anna Tatter geb. Henning (61).

„Gedenktage sind Denkmäler der Zeit“ lautet ein Zitat von Aleida Assmann. Aus so einem Tag wie diesem sollten Lehren gezogen werden: dass Frieden kostbar ist, das Humanität am Anfang des Denkens stehen muss.

Wir hoffen, dass die Europäische Union, die Völker Europas in Zukunft Krieg und Verbrechen bekämpfen und den Zusammenhalt fördern, damit solche Ereignisse sich nie mehr wiederholen und die Menschheit so viel Leid erfahren muss.

Danke an alle, die zu dieser Gedenkstunde gekommen sind vor allem danke unserem Zeitzeugen Herrn Ilarie Opriș für die Hilfe und die Aussagen vor Ort.

Danke vielmals an Dorina, Laura und Raul Matiș, die uns tatkräftig beigestanden sind, um diese Feier in dieser Form  zu gestalten, und  die uns damit sehr geholfen haben.

An dem Gedenkkreuz legten die Zenderscher einen Kranz nieder.
Foto: Privat

 

Die Ereignisse vom 9. September 1944

„In sieben sächsische Gemeinden südlich der damaligen ungarisch-rumänischen Grenze, darunter auch Zendersch, stießen im September 1944 von Ungarn aus motorisierte deutsch-ungarische Spähtrupps vor. Sie besetzten in den Orten strategisch wichtige Punkte und befahlen allen sächsischen Bewohnern, ihren Ort innerhalb von zwei Stunden zu verlassen. Die Gegend werde Aufmarschgebiet, in drei Tagen könnten alle wieder zurückkehren. Als der Befehl kaum ernst genommen wurde, drohten die deutschen Soldaten mit Erschießungen. Erst da wurde hastig zusammengepackt, was in der kurzen Zeit zu greifen war. Von einer freiwilligen oder gar geordneten Evakuierung konnte keine Rede sein. Mit Pferde-, Büffel- und Ochsengespannen machten sich die meisten der 1.318 sächsischen Einwohner von Zendersch auf den Weg. Nur 67 meist ältere Menschen blieben zurück. Die Evakuierten wurden bereits in der Nähe von Neumarkt/Târgu Mureș mit dem Schrecken des Krieges konfrontiert: Aus Flugzeugen (Anmerkung von Alfred Gross: „13 rumänische Flieger vom Typ Ju-87″) mit deutschen Hoheitszeichen wurden sie mit Bordwaffen beschossen, es gab mehrere Tote und etliche Verletzte. Der Zug der Überlebenden setzte seinen Marsch nach Sächsisch-Regen/Reghin fort. Dort mussten sie ihre Fahrzeuge an die deutsche Wehrmacht abgeben. Planlos wurden sie zu je achtzig Personen in Schotter- und Viehwaggons verladen. Nach sechswöchiger Irrfahrt durch Ungarn gelangten die Transporte, dezimiert durch weitere Fliegerangriffe und Krankheit, nach Österreich oder Niederschlesien, wo sie in Lagern untergebracht wurden. Etwa jeder dritte Zenderscher wurde von den vorrückenden sowjetischen Truppen eingeholt und im Sommer 1945 in die Heimat zurückgeschickt.“ Georg WEBER (2012)

(Aus: Dietlinde Lutsch, Renate und Georg Weber: Bildergeschichten aus Zendersch. Siebenbürgisches Dorfleben im Wandel der Zeit, Schiller-Verlag Hermannstadt-Bonn, 2016)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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