Bekenner, Zeugen und Märtyrer

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Die Referenten des „Ex fide lux“-Kolloquiums über Verbindendes und Trennendes
Ausgabe Nr. 2581

 

Die Autoren präsentieren ihr Buch: Berthold Pelster, Maximilian Pal, Irimie Marga, Daniel Zikeli, Erzbischof Teodosie, Jürgen Henkel, der Apostolische Nuntius Miguel Maury Buéndia, Kardinal Müller, Peter Gemeinhardt, Hermann Pitters und Elmar Nass (v. l. n. r.).                                                                    Foto: George DUMITRIU

Sie sind Märtyrer, Blutzeugen oder zumindest unerschrockene Bekenner des christlichen Glaubens. Wobei sie ihr Martyrium nie aktiv herbeiführen, sondern immer passiv erleiden. Das unterscheidet christliche Märtyrer schon einmal grundsätzlich von islamistischen Selbstmordattentätern, die zu Märtyrern werden wollen, indem sie möglichst viele „Ungläubige“ mit in den Tod reißen. Christliche Heilige haben Werke der Barmherzigkeit vollbracht und sich für andere Menschen in der Nächstenliebe aufgeopfert. Oder sie haben als Kirchenlehrer Wegweisendes zur Herausbildung der christlichen Lehre beigetragen. Ihre Leiber verwesen nicht, sondern strahlen selbst bei Ausgrabungen nach vielen Jahren noch Wohlgeruch aus. Und sie sind fähig, Zeichen und Wunder zu tun, ganz im Sinne der Vollmacht, die Jesus Christus seinen Jüngern übertragen hat (vgl. Matthäus 10, 1-8).

 

Keine Frage: Heilige sind bis heute eine faszinierende Wirklichkeit des christlichen Glaubens. Doch keineswegs eine unumstrittene. Denn viele Protestanten können bis heute wenig bis gar nichts anfangen mit Heiligen, Heiligenverehrung oder auch Reliquien. So verläuft die konfessionelle Trennlinie in dieser Frage eher zwischen den Protestanten und den Großkirchen der Orthodoxie und des Katholizismus, weniger zwischen West- und Ostkirche. Wobei die lutherischen Kirchen etwa im sinnenfreudigen Bayern oder in Siebenbürgen keinen Bildersturm veranstaltet und buchstäblich die Heiligen abgeräumt haben wie etwa die Reformierten der kalvinistischen Tradition in der Schweiz. In Siebenbürgen sind bis heute Flügelaltäre mit Heiligendarstellungen im liturgischen Dienst zu bewundern.

Heilige sind immer noch ein Phänomen, das Kirchen bewegt und Christen begeistert. Die hochkarätigen Referenten des Theologischen Kolloquiums zum Thema „Heilige und Heiligenverehrung in Ost und West“ gaben jüngst hintergründig Aufschluss über Verbindendes und Trennendes zwischen den Kirchen und Konfessionen bei dieser Frage. Diese Konferenz sorgte für Aufsehen, versammelte sie doch gleich als erstes Projekt der neu gegründeten ökumenischen Einrichtung „Ex fide lux – Deutsch-Rumänisches Institut für Theologie, Wissenschaft, Kultur und Dialog“ über 80 Teilnehmer aus mehreren Ländern und allen drei Kirchen: der Orthodoxie, der Katholischen Kirche und der Evangelischen Kirche. Mitveranstalter des Kolloquiums waren die Rumänische Orthodoxe Metropolie von Siebenbürgen und die Evangelische Akademie Siebenbürgen. Das Kolloquium ermöglichte den Austausch von Standpunkten und Positionen.

Für den früheren Präfekten der Römischen Glaubenskongregation, den weltbekannten Kardinal Gerhard Müller aus Rom, der Standardwerke zur katholischen Dogmatik verfasst hat, gehört die „christliche Verehrung der Heiligen nicht zu den zentralen Aussagen des Glaubens und den Grundvollzügen der Liturgie“, sei aber auch „keineswegs eine Nebensache“. Er hielt in der Evangelischen Akademie in Hermannstadt fest: „An keinem anderen Punkt der Kontroverstheologie wurde so wie hier der Kampf um die rechte Gestalt des Christentums ausgefochten. Nicht durch Zufall gilt daher bis heute der Heiligenkult als eine typische Ausprägung der katholischen und orthodoxen Frömmigkeit. Er ist zu einem der populärsten Unterscheidungsmerkmale von den Kirchen reformatorischer Herkunft geworden.“ Die Reformatoren hätten gegen Missstände gekämpft, die aus ihrer Sicht in die katholische Glaubenspraxis des Mittelalters eingedrungen waren. Die betende Gemeinschaft mit den Heiligen und ihre Anrufung um Fürbitte seien freilich keine kirchentrennende Differenz zwischen den Kirchen.

Doch wie geht das genau mit der Heiligenverehrung? Werden Heilige angebetet, wie das manchmal in der katholischen und orthodoxen Volksfrömmigkeit klingt? Der rumänische orthodoxe Metropolit von Siebenbürgen, Erzbischof Laurenţiu Streza, dazu: „Die Heiligen werden verehrt und um Fürbitte angerufen. Angebetet wird aber nur Gott allein.“ Nun, dies gilt für Orthodoxe wie Katholiken gleichermaßen. Der orthodoxe Metropolit unterstreicht zudem: „Die Heiligen waren Menschen wie wir, mit den gleichen Schwächen und Fehlern, die sich aber dem Leben in Christus und mit Christus so sehr verschrieben haben, dass sie mit der Hilfe der göttlichen Gnade Freunde und Hausgenossen Gottes geworden sind sowie gleichzeitig unsere Fürsprecher und Vorbilder.“

Mit dem Vorbildcharakter von Heiligen können sich auch Protestanten anfreunden, mit deren Vermittlerrolle weniger. So unterstrich der evangelische Kirchenhistoriker Peter Gemeinhardt von der Universität Göttingen: „Heilige als Vorbilder im Glauben sind Menschen, wie Gott sie gewollt hat, gut geschaffen, aus Gnade gerechtfertigt, zum menschengemäßen und gottgefälligen Handeln befähigt. Heilige stehen aber nicht zwischen Gott und den Menschen, nicht als Vermittler und nicht als Adressaten von Anrufung. Heilige sind Wegbereiter und Wegbegleiter. Es wäre bedauerlich, wenn evangelische Christen keine solchen Heiligen hätten.“

In der Frage der Anrufung und der Mittlerrolle der Heiligen werden wohl Differenzen bleiben. Ob diese kirchentrennend sein müssen, steht auf einem anderen Blatt. Dass die Evangelische Kirche A. B. in Rumänien mit Heiligen keine Berührungsängste kennt, stellte der evangelische Bischofsvikar und Kirchenhistoriker Dr. Daniel Zikeli aus Bukarest dar. Er hielt fest: „Wer Siebenbürgen besucht, stößt auf zahlreiche evangelische Kirchen mit imposanten, zum Teil spätmittelalterlichen Flügelaltären, auf denen Heiligenfiguren dargestellt sind.“ Er erwähnte die Altäre in Schäßburg, Birthälm und Braller.

Zikeli zeichnete die Entwicklung der reformatorischen Haltung zu Heiligen von Martin Luther bis zum Augsburger Bekenntnis von 1530 nach, das die Heiligen nur noch als Vorbilder im Glauben wertet. Und doch betonte auch er: „Die siebenbürgischen Altäre bewahren die Erinnerung an prägende Gestalten mittelalterlicher Frömmigkeitsgeschichte. Sie können ein Anlass sein, im Sinne lutherischer Theologie diese Zeugen des Glaubens und der Liebe wiederzuentdecken, nach ihrem Leben und Wirken zu fragen und Gott zu danken für jene Männer und Frauen.“

Dass das Christentum zu allen Zeiten auch Glaubensmärtyrer hervorbrachte, die ihr Leben für ihren Glauben an Jesus Christus hingegeben haben, ist bekannt. Dass dies auch heute geschieht, wird in der freien westlichen Welt weitgehend verdrängt und ignoriert. Bei dem „Ex fide lux“-Kolloquium gab es dazu am zweiten Tag in der Orthodoxen Akademie von Sâmbăta de Sus Klartext.

Der orthodoxe Erzbischof Teodosie Petrescu von Tomis (Konstanza) berichtete von Märtyrern der Antike aus der Dobrudscha. Er betonte im historischen Rückblick: „Die Mehrzahl der in der Gegend von Skythien verehrten Heiligen waren örtliche Märtyrer, Soldaten, Priester oder einfache Gläubige.“ Der evangelische Kirchenhistoriker Hermann Pitters ließ die Entstehungsgeschichte des „Rumänischen Martyrologiums“ von 2007 Revue passieren, das auf über 800 Seiten 130 Lebensbilder christlicher Märtyrer der kommunistischen Zeit wiedergibt. Pitters bezeichnete diesen gemeinsam erstellten Band als „Ausdruck einer ökumenischen Erinnerungskultur der beteiligten Kirchen, die sich gemeinsam auf das Zeugnis ihrer Glieder besinnen, die während der kommunistischen Herrschaft um ihres Glaubens willen verhaftet und gefoltert worden sind und den Tod erlitten“. Er spricht in diesem Zusammenhang auch von der „Ökumene der Märtyrer“.

Dass das Martyrium für den Glauben kein allein historisches Phänomen ist, beleuchtete Berthold Pelster von dem Päpstlichen Werk „Kirche in Not“ aus München. Er erinnerte an den 15. Februar 2015, als 21 ägyptische Christen in orangenen Overalls von Terroristen des Islamischen Staates vor laufender Kamera geköpft wurden, weil sie nicht zum Islam konvertierten. Die Koptische Kirche erklärte sie sofort zu Heiligen. Pelster zeigte auf, wo heute Christen massiv verfolgt und mit dem Tod bedroht werden, von Ländern wie Ägypten, dem Irak oder Nigeria über die vom Islamischen Staat beherrschten Gebiete in Syrien bis hin zu den kommunistischen Diktaturen in China und Nordkorea.

Nicht immer geht es so schnell mit der Heiligsprechung wie im Falle dieser 21 von Islamisten hingeschlachteten Märtyrer. Der orthodoxe Kirchenrechtler Irimie Marga aus Hermannstadt und sein katholischer Kollege Maximilian Pal, Franziskanerpater und Professor an der Franziskaner-Hochschule von Roman zeigten auf, wie komplex die Prüfungsverfahren und das Heiligsprechungsverfahren selbst ablaufen.

Dass die Heiligen neben solchen kirchenrechtlichen Verfahrensfragen und über die Frömmigkeit hinaus freilich bis heute auch für das christliche Leben und Zeugnis in der Welt bedeutend werden können zeigte der katholische Sozialethiker Elmar Nass aus Fürth. Er entwickelte eine „hagiographische Ethik“ und hielt fest: „Heiligung wird verstanden als Auftrag von Kirche und aller Getauften, Sauerteig für die Welt zu sein. Dieser Auftrag wird erfüllt durch Menschen, die sich an den Heiligen als Vorbilder orientieren und ein entsprechendes Ethos der Liebe verinnerlichen.“ Dass alle Heiligen ihre Heiligkeit nicht aus eigener Leistung beziehen, sondern mit ihrer starken Gabe des Glaubens an der Heiligkeit Gottes teilhaben, zeigt der orthodoxe Dogmatiker Grigore Dinu Moş aus Klausenburg – eine Überzeugung, die auch Katholiken und Protestanten teilen.

Alle Vorträge des Theologischen Kolloquiums sind in einem Tagungsband aus der Reihe „Deutsch-Rumänische Theologische Bibliothek/DRThB“ veröffentlicht, der vom Staatssekretariat für Kultusangelegenheiten der Rumänischen Regierung, dem Bayerischen Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales, dem  Universitätsverein der Wilhelm Löhe Hochschule aus Fürth und dem Unternehmen Hans Müller HMP Medizintechnik aus Nürnberg gefördert wurde:

Smarand LIEBERFELD

 

Gerhard Kardinal Müller/Metropolit Laurenţiu von Siebenbürgen/Jürgen Henkel/Hermann Schoenauer (Hg.): Heilige und Heiligenverehrung in Ost und West/Sfinții și cultul sfinților în Răsărit și Apus, 328 S., Schiller Verlag Hermannstadt-Bonn, ISBN 978-3-946954-28-6

 

 

 

 

 

 

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Kirche.