Georg Scherg in Hermannstadt

Hundert Jahre seit der Geburt des Schriftstellers und Literaturprofessors
Ausgabe Nr. 2513
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Noch bevor Georg Scherg (*19. Januar 1917, Kronstadt/ Braşov, †20. Dezember 2002, Bodels-hausen bei Tübingen) für zwei Jahrzehnte in Hermann-stadt ansässig wurde, um hier als Lehrkraft und Literat zu wirken (1970-1990), hatte er sich in dieser Ortschaft wiederholt aufgehalten. Bereits in jungen Jahren war er hier mit gleichaltrigen Gymnasiasten und auch anderen Stadtbewohnern zusammengekommen, so mit Angehörigen der deutsch-französischen Familie Coulin. Marie Coulin, die Mutter dreier Söhne, die etwa derselben Altersklasse wie Georg Scherg angehörten, berichtete mir – es muss in den 1950er, 1960er Jahren gewesen sein -, sie habe den Schorsch gekannt, er habe sich wiederholt auch in ihrer Wohnung aufgehalten. Geblieben ist in meiner Erinnerung, der Junge sei anspruchsvoll gewesen und habe den Eindruck eines recht verwöhnten Burschen hinterlassen.

Georg Scherg wurde 1970 an die seit Kurzem in Hermannstadt bestehende Fakultät für Philologie und Geschichte berufen. Diese war anfangs der Klausenburger Babeş-Bolyai-Universität unterstellt und erhielt (mit zwei weiteren Fakultäten) erst 1976 verwaltungsmäßige Selbstständigkeit, die in der Titulatur Hochschulinstitut Hermannstadt gewährleistet war. Scherg wurde als Dozent eingestuft und mit der Aufgabe betraut, den Germanistischen Lehrstuhl zu leiten.

Sein Unterricht konnte – wie einer seiner einstigen Studenten bezeugt – recht anregend wirken. Gert Ungureanu schrieb in der Scherg gewidmeten Dissertation: „… in seinen Vorlesungen war immer ein wenig mehr als nur der pure Inhalt, die reine Information. Es war immer auch etwas Lebenserfahrung darin enthalten, etwas Fiktion, etwas literarischer Essay. Seine Aussagen und Schlussfolgerungen waren mehr als schlichte Einsichten, waren stets schon die Konsequenz dieser Einsichten.“

Die Fakultät für Geschichte und Philologie hatte ihren Sitz im Gebäude, das – wenn auch inoffiziell – immer noch mit der populären Bezeichnung Domniţa Ileana versehen war. Auch heute ist es Kernstück der 1990 gegründeten Universität, die seit 1995 den Namen des Dichters und Philosophen Lucian Blaga trägt.

Mit Ehefrau Mariana und dem hinzugekommenen Sohn Sachs Walter wohnte er die Jahre hindurch (bis zur Emigration 1990) im Stadtviertel Fleischhauerwiese/Cartierul Ştrand, in der Strada Vasile Cârlova.

Außer dass sie ihren Unterricht bestritten, erwartete man von Hochschul-Lehrkräften, sie mögen sich an Forschungsvorhaben beteiligen. Georg Scherg ging auf dergleichen Ansinnen ein und beteiligte sich an wissenschaftlichen Tagungen wie auch an der gemeinschaftlichen Erarbeitung literaturgeschichtlicher Kompendien. So ist er als Mitautor an den Veröffentlichungen „Die Literatur der Siebenbürger Sachsen in den Jahren 1849-1918“ und „Die rumäniendeutsche Literatur in den Jahren 1918-1944“ beteiligt gewesen.

Dergleichen war nun nicht gerade sein ureigenstes Anliegen, doch fügte er sich den akademischen Gepflogenheiten. Seine in Sachkenntnis abgefassten, flüssig geschriebenen Beiträge zählen zu den mit Gewinn zu lesenden Abschnitten der beiden literaturgeschichtlichen Bücher. In einem Fall mag er die Aufforderung zu wissenschaftlicher Untersuchung gar begrüßt haben, als er nämlich daran ging, das epische Werk von Traugott Teutsch zu sichten und zu kommentieren. Jahrzehnte vorher hatte er sich bereits mit diesem Autor beschäftigt, in der Absicht, eine Dissertation über ihn zu schreiben. Die Kriegs- und Nachkriegsereignisse hatten ihn dann aber von diesem Plan abgedrängt.

Zur Krönung seiner Tätigkeit als akademischer Lehrer, Literarhistoriker und Essayist verlieh die Lucian-Blaga-Universität ihm den Titel eines Ehrendoktors (1997).

Georg Schergs Schreibtischarbeit galt in erhöhtem Maß der Belletristik. In der Hermannstädter Zeitspanne seines literarischen Schaffens sind zahlreiche Arbeiten erzählender Prosa erschienen. Beispielsweise der Roman „Bass und Binsen“ (1973), diese weit ausgesponnene Schilderung eines – vage umrissenen – Kronstädter Milieus. Parabolisch, arabeskenhaft, verspielt und doch mit ernstem Grundton, so präsentiert sich die Erzählweise des Romans.

Die Kronstädter Sage von der riesenhaften Bassgeige und dem darin verschollenen Schneider erklärt das eine Substantiv des Titels, „Bass“; das andere, „Binsen“, ist ein Zeichen für Vergänglichkeit, für Unscheinbarkeit und Verlust, was umgangssprachlich in Wortfügungen wie „Binsenweisheit“ und „in die Binsen gehen“ angedeutet ist.

Begebenheiten und Gestalten aus dem Hermannstädter Hochschulmilieu werden – einigermaßen verfremdet – in eine launige, ironisch-satirische Romanschilderung eingefügt, „Der Sandkasten“ (1981) betitelt. Verwicklungen des Lebens, bedenklich genug, aber doch nicht allzu gravierend, sollen mit Hilfe administrativer Maßnahmen behoben werden. Was denn auch geschieht, der Sandkasten (sprich: das Hochschulinstitut) hat Regeln, hat Obliegenheiten und Gliederungen, verkörpert in Sandburg, Sandmann, Sandkammer und dergleichen. Auch sich selbst, den „Leiter des Lehrstuhls von der Sprach- und Schriftgelehrten Fakultät“, bringt Scherg ins Romangeschehen ein, und er nennt sich, in freundlicher Selbstironie, Knedderlenk.

Vielleicht ist es angezeigt, hier etwas über die Aufnahme der Schergschen Prosa durch Kritik und Publikum anzumerken. Die Breite seiner Schilderungen hat manche Leser, viele gar, dazu verleitet, die Romanlektüre vorzeitig abzubrechen. Ein Germanist, der Manuskriptseiten Schergs für den Kriterion Verlag lektoriert hatte, Dieter Roth, fragte sich im Lauf der Jahre wiederholt, warum das Werk von Georg Scherg, des „Sprachvirtuosen“ (den er im Roman „Der müde Lord“, 2013, in Georg Scherf umbenannt hatte), „so wirkungsarm und folgenlos“ blieb.

Die Antwort auf die Frage nach der begrenzten Wirkung liegt wohl gerade in der Virtuosität, mit der Scherg die Sprache handhabte. Das Defizit ist zudem der geringen kritischen Distanz geschuldet, die er zu seinem eigenen Schaffen aufbrachte. Der Sprachvirtuose setzte bei Beginn einer Arbeit gleichsam eine Art Perpetuum mobile in Gang, und sein Hang zur Kalligraphie, zur Schönschrift, die er mit wahrer Meisterschaft nicht nur im übertragenen, sondern auch im buchstäblichen Sinn betrieb, verhinderte, dass er je einen kunstvoll aufs Blatt gesetzten Text straffte oder gar verwarf.

Solche behutsam vorgetragene Einwendungen hätte mir mein einstiger Lyzealprofessor und Hochschullehrer, zu dem ich später auch dienstliche Kontakte unterhielt, wohl nicht übel genommen, sie hätten vermutlich die Loyalität kaum beeinträchtigt, die ich ihm – so wie er mir – entgegenbrachte. Er achtete stets darauf, dass die Formen kollegialen Umgangs gewahrt blieben, ja er hatte zu den Lehrkräften des Deutschkatheders und auch zu den Autoren im Umfeld ein geradezu kameradschaftliches Verhältnis. Andererseits war er sich dessen bewusst, dass nicht alle im Literaturbetrieb agierenden Personen ihm gut gesinnt waren.

Als Hypothese sei vorgebracht: Scherg ist, seinem Wesen, seiner künstlerischen Beschaffenheit nach, möglicherweise am ehesten für lyrische Dichtung bestimmt gewesen. Und zwar für den Gedichttypus, der auf Sprachklang setzt, eingedenk seiner musikalischen Begabung. Einen lyrischen Sprachfluss sowie eine an poetische Assoziationen gemahnende Kompositionsweise ist auch in seiner Prosa vielfach anzutreffen, abgesehen davon, dass er sich dem Gedankenspiel gerne hingab. In der Hermannstädter Zeit erschien der Gedichtband „Gastfreundschaft“ (1985), und wir vermuten, die lyrische Produktion der 1970er und 1980er Jahre sei reicher gewesen, als die Buchveröffentlichung zeigte.

Die Umstände fügten es – und das offenbar wie von selbst -, dass Scherg Gedichte und Prosaschriften aus dem Rumänischen ins Deutsche übertrug. Für einen anspruchsvoll zusammengestellten „Eminescu“ (Bukarest: Kriterion Verlag 1975) hatte der Herausgeber und Verlagslektor des Bandes, Dieter Roth, Scherg damit betraut, eine ganze Reihe von Gedichten zu übertragen, und das Ergebnis fiel zur vollen Zufriedenheit des Verlags aus (wie im Nachwort Dieter Roths zu lesen ist).

Von Ion Caraion, dem Scherg noch aus den Gefängnisjahren bekannten Lyriker, übertrug er einen Band Gedichte, „Lied, das in der Flöte blieb“ (1974). Ein anderer Haftgenosse Schergs, Alexandru Ivasiuc, wurde nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis zu einem angesehenen Schriftsteller. Zwei seiner Romane verdanken Scherg eine deutsche Fassung: „Im Vorhof der Hölle“ (1971) und „Die Vögel“ (1975).

Aus dem Romanschaffen Marin Predas hat Georg Scherg das Buch „Marele singuratic“ übersetzt, „Der Einsame“ (1976). Auch Nicolae Brebans Roman „Animale bolnave“ wurde von Scherg verdeutscht und erschien unter dem Titel „Kranke Tiere“ (1973). Anzuführen wäre hier auch der Band „De dignitate Europae“ (1988) des Philosophen Constantin Noica – er erschien im Deutschen gar vor der rumänischen Buchausgabe, „Modelul cultural european“ (1993).

In seinen Hermannstädter Jahren leitete Georg Scherg den „städtischen“ deutschen Literaturkreis (so bezeichnet, um den Zirkel vom zeitweilig bestehenden studentischen Literaturkreis und von der Leserunde der Mundartautoren zu unterscheiden). Der Kreis trat am Beginn der Ära Scherg im „Goldschmiedehaus“ (Kleiner Ring, neben dem Apothekenmuseum) zu Lesungen und Aussprachen zusammen (in einem Raum des ersten Obergeschosses, der durch das Wappen der Goldschmiede, 1745, gekennzeichnet ist).

Später tagte der Literaturkreis vor allem in der Josefgasse, die besser, ja fast ausschließlich unter dem Namen Strada Dr. Ioan Raţiu bekannt ist. Hier stand ein Gebäude literarischen Belangen zur Verfügung (die Schriftstellervereinigung Asociaţia Scriitorilor Sibiu hatte dort ihren Sitz, auch war da die Redaktion der Zeitschrift Transilvania untergebracht). Manchmal wurden die Literaturkreis-Veranstaltungen auch im Hauptgebäude des Hochschulinstituts abgehalten. Als Glanzstück der Literaturkreis-Tätigkeit kann das „Sonderheft Sibiu“ der Zeitschrift Neue Literatur gelten (Nr. 5, 1972).

Georg Scherg selbst hatte zu Beginn seines hiesigen Daueraufenthalts einmal geäußert: „Schon seit meiner Jugend habe ich eine besondere Vorliebe für Hermannstadt gehabt, ohne mir freilich über die Ursache genau Rechenschaft geben zu können. Ich konnte damals auch noch nicht ahnen, dass es mir bestimmt war, hier einmal als Hochschullehrer tätig zu sein. Inzwischen haben der dauernde Aufenthalt und meine Arbeit in dieser Stadt es mit sich gebracht, dass ich erkennen konnte, was sie von anderen Städten unterscheidet: Außer ihrem landschaftlichen und architektonischen Zauber, außer einem milderen Klima, ist es der Atem des Geistes, der sie und ihre Menschen beseelt, eine liebenswürdige Offenheit für Neuschöpfung und Tradition auf allen kulturellen Gebieten, der Literatur, der Musik, Malerei, wissenschaftlicher Forschung. Es ist ein eigentlich akademischer, weltoffener Geist der Übereinstimmung von Gesinnungen, trotz nationaler Unterschiede“ (Hermannstädter Zeitung, 3. September 1971).

Joachim WITTSTOCK

 

Georg Scherg (1917-2002).

Foto: HZ-Archiv

 

 

 

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