„Bedeutendstes Forschungswerk“

Ausgabe Nr. 2441
 

100 Jahre seit dem Tod des siebenbürgischen Botanikers Josef Barth

 

Als besten Kenner der Flora des mittleren und unteren Kokeltales würdigte der spätere Gründer des Botanischen Gartens der Universität Klausenburg Prof. Dr Alexandru Borza das Lebenswerk des Lehrers, Pfarrers und leidenschaftlichen Botanikers Josef Barth anlässlich dessen Todestages, der sich am 29. Juli 2015 zum hundertstenmal jährt. Bereits als junger Geobotaniker war Borza mit ihm zusammengetroffen und hatte dabei  in ihm einen herausragenden Kenner der Pflanzenwelt Siebenbürgens gesehen. Im Rahmen eines späteren Forschungsprogramms der Zweigstelle Klausenburg der Rumänischen Akademie der Wissenschaften zur Erfassung der Pflanzengemeinschaften hatte Professor Borza auch die Hügelgebiete um den Mittel- und Unterlauf der Großen Kokel in die Forschungen einbezogen. Dabei war er fast 50 Jahre nach Josef Barths Tod auf dessen Spuren gewandert und hatte sich in seinen eigenen Geländeforschungen vergleichend auf Barths frühere Ergebnisse gestützt, die er 1964 als „bedeutendstes Forschungswerk“ im Gebiet einschätzte. An dieser Einschätzung hat sich bis zum heutigen Tag kaum etwas geändert. 

 

Josef Barth stammt aus dem siebenbürgischen Weinland, wo er am 19. Oktober 1833 als Sohn der  Landwirtfamilie Johann Barth und Regine geb. Adam  in Tobsdorf  nahe des damaligen Bischofssitzes Birthälm, Bezirk Mediasch das Licht der Welt erblickte. In der bäuerlichen Wirtschaft seiner Eltern lernte er früh mit anpacken und gleichzeitig auch die Natur seiner Umgebung mit offenen Augen und Interesse wahrzunehmen. Um dem geweckten Jungen den Weg für seine berufliche Ausbildung zu bahnen, wurde er als „Subaltern“, eine Art Lehrling im Schuldienst, den Volksschulen von Baaßen, Großprobstdorf und schließlich Hetzeldorf  zugeteilt und dem jeweiligen Schulrektor untergeordnet, wobei er für den Besuch des Prediger- und Lehrerseminars in Mediasch vorbereitet werden sollte. Das Lehrerseminar bestand zu der Zeit aus jeweils einer Klasse, die an den evangelischen Gymnasien eingerichtet war und eine Reifeprüfung sowie gleichzeitig auch die Vorbereitung für den Beruf eines Volksschullehrers und Pfarrers bzw. eines Predigers zum Ziel hatte. Doch als Lehrjunge im Schuldienst wurde er hauptsächlich zur Bedienung der Lehrer und ihrer Familien eingesetzt, wobei seine gezielte Vorbereitung für die Aufnahme in die  Lehrerseminarklasse auf der Strecke blieb. So kam er wissenschaftlich kaum vorbereitet 1850 in die Lehrerklasse am Mediascher Gymnasium. Dank seines großen Fleißes und seiner Motivation war es ihm möglich, sich das fehlende Grundwissen rasch anzueignen und nach vier Jahren Schulausbildung seine Reifeprüfung „mit bestem Erfolge“ abzulegen. Gleich danach wurde er ab Herbst 1854 als Schulrektor in die Gemeinde Meschen eingesetzt und bereits 1856 zum städtischen Elementarschullehrer nach Mediasch berufen.

Nach fünf Jahren im Schuldienst  ging Josef Barth als Pfarrer nach Kleinprobstdorf, um nach weiteren vier Jahren 1864 dem Ruf  als Pfarrer nach Langenthal bei Blasendorf zu folgen, wo er bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand im Jahr 1905 seinen Dienst in der evangelischen  Kirchengemeinde versah. Gleich danach ließ er sich in Hermannstadt nieder, wo er in der „Sagvorstadt“, d. h. in dem neu erschlossenen Baugebiet der „Konradwiese“ in der Engelleitergasse (heute Str. Timișoara) zwei Hofparzellen mit Haus erwarb, wo er mit seiner Tochter und deren Familie wohnte. Hier verstarb er im Alter von 82 Jahren, am 29. Juli 1915 und fand auf dem Alten Friedhof neben der Friedhofskapelle seine letzte Ruhestätte.

Bereits während seiner Lehrerzeit in Mediasch, begann Barth seine naturwissenschaftlichen Streifzüge in die nähere und weitere Umgebung. Dabei hatte es ihm besonders die interessante Flora des Kokelhochlandes angetan. Angeeifert durch die botanischen Forschungen von Michael Fuss (1814-1883) und Ferdinand Schur (1799-1878) wurde Barth deren „fleißigster Schüler“  wie Borza 1915 schrieb. Mit Dr. Ferdinand Schur, der neun Jahre seines Lebens (1845-1854) in Siebenbürgen verbracht und sich der Erforschung der siebenbürgischen Pflanzenwelt gewidmet hatte, stand Barth in brieflichem Kontakt. Ihm verdankt Barth die Bestimmung vieler Arten sowie die Vermittlung von Tauschbeziehungen mit anderen Botanikern und Tauschvereinen. Bald wurde jedoch aus dem Lernenden selbst ein hervorragender Pflanzenkenner, der sein Wissen mit Begeisterung an die folgende Generation siebenbürgischer Botaniker, so an Julius Römer (Kronstadt), Karl Ungar (Hermannstadt) weitergab und als deren „Nestor“  ihn Borza ansah.

Von seinem Langenthaler Wohnsitz aus zog Barth  immer größere Kreise  bei seinen Sammelexkursionen. Bald konnte er seine „Systematische Aufzählung der im großen Kokeltale  zwischen Mediasch und Blasendorf wildwachsenden Pflanzen“ (1866 und 1867) veröffentlichen. Seine Exkursionen führten ihn dann in die Klausenburger Heuwiesen, das Westgebirge, in das Hatzeger Tal, das Retezat- , Parâng- und Fogarascher Gebirge, in die Burzenländer Berge und die Ostkarpaten. Die Ergebnisse seiner Sammelausflüge wurden zum Teil in Form von Florenlisten veröffentlicht. Barth trug ein überaus reiches Pflanzenmaterial zusammen, das ihm die Möglichkeit zu regen Tauschbeziehungen gab, die zur Vergrößerung der Sammlungen führten. Von den umfangreichen Pflanzensammlungen, die Barth an wissenschaftliche Institutionen verkaufte, gelangte ein 16.000 Bogen umfassendes Herbar an das Botanische Institut Bukarest, ein weiteres, 17.000 Bogen umfassendes nach Budapest. Schließlich erwarb  der Siebenbürgische Verein für Naturwissenschaften  1909 eine etwa 10.000 Herbarbogen zählende Sammlung, die sich auch heute im Besitz des Naturwissenschaftlichen Museums in Hermannstadt befindet. Dieses „Herbarium Europaeum“ vereinigt außer einem reichhaltigen, von Barth gesammelten siebenbürgischen Pflanzenmaterial, auch von anderen namhaften Botanikern gesammelte Pflanzenbelege, so von Florian Porcius, V. v. Janka, L. Simonkai, D. Grecescu, K. Ungar, Julius Römer, Iuliu Prodan, mit denen Barth auch in brieflichem Verkehr stand. Dazu kommen Pflanzen aus allen Teilen Europas.

Als Mitglied des Siebenbürgischen Vereins für Naturwissenschaften, dem er ab 1866 angehörte, arbeitete Barth auch an dem von Michael Fuss herausgegebenen „Herbarium Normale Transsilvanicum“ mit, war jedoch auch an anderen Sammlungen so an Dörflers bekanntem „Herbarium normale“  der europäischen Flora beteiligt. Barth hat auch ein Kryptogamenherbar zusammengestellt, von dem zwischen 1871 und 1877 drei Lieferungen, zwei mit Moosen und eine mit Flechten erschienen, die der Siebenbürgische Verein für Naturwissenschaften  „in jeder Beziehung den Freunden der Botanik anempfehlen konnte“. „In Anerkennung  seiner Verdienste  um die Erforschung der siebenbürgischen Flora“ ehrte ihn  der Verein 1899 mit der Wahl zu seinem „Korrespondierenden Mitglied“. In seinem Dankesbrief  gab Barth seine Zusicherung, dass er „so weit seine Kraft reicht, auch fernerhin auf diesem Gebiete fortarbeiten werde“.

An Josef Barths Namen knüpfen sich in Siebenbürgen Entdeckungen pflanzengeographisch wichtiger Arten, so jene der Sibirischen Kreuzblume (Polygala sibirica) am Hohen Berg bei Scholten, dem westlichsten Standort dieser Pflanze, die in den Steppen nördlich des Schwarzen Meeres beheimatet ist, oder des Meerträubchens (Ephedra distachya), einer Reliktpflanze aus dem Tertiär in der Thordaer Klamm, der in Siebenbürgen sehr seltenen Kleinblütigen Nabelnuss (Omphalodes scorpioides) bei Blasendorf/ Blaj, einer seltenen Fingerkrautart (Potentilla haynaldiana), die in Felsspalten  im Parâng-Gebirge wächst sowie des von ihm benannten Siebenbürgischen Tragants (Astragalus transsilvanicus) bei Unirea/Oberwintz und vieler anderen Arten.

Der Siebenbürgische Verein für Naturwissenschaften würdigte ihn als „einen Botaniker, der durch mehr als 50 Jahre die Kenntnis unserer Pflanzenwelt gefördert hat“. Der bleibende Wert von Johann Barths Tätigkeit liegt vor allem in seinen reichen Pflanzensammlungen, mit genauer Bestimmung und wertvollen Fundortangaben. Dank ihrer reichen Informationen finden sie auch heute Berücksichtigung bei den Forschungsvorhaben zur Ausarbeitung der Verbreitungskarten einzelner Arten in der Flora Rumäniens und Europas. 

Erika SCHNEIDER

 

Josef Barth (1833-1915).

Foto: Archiv Dr. Heinz Heltmann

 

 

 

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