Eine nostalgische Kirchenburgentour zwischen den Jahren
Ausgabe Nr. 2942

Die Kirchenburg in Galt/Ungra ist einigermaßen gut instandgehalten.
Foto: kirchenburgen.org
Das weihnachtliche Krippenspiel, die Gottesdienste, die Bescherung, das Chorsingen sind vorbei – bis zum Altjahresabend gibt es noch einen Montag und einen Dienstag. Was tun, um auch selbst mal zu entspannen und vielleicht noch etwas Neues zu erleben? Es wird fieberhaft überlegt: Nach Bukarest? Da ist das Museum des Kommunismus am Montag geöffnet. Oder auch die Kathedrale der Erlösung des Volkes, die man sich ansehen könnte. Aber es gibt Einwände: der Weg ist lang, es gibt ganz sicher Stau, man ist zusammengenommen einen ganzen Tag unterwegs, um dann einen Tag in Bukarest zu verbringen – das lohnt sich nicht. Also Plan B: Kirchenburgen in der Gegend Kronstadt-Reps.
Montagmorgen kurz nach 9 Uhr erste Station: Tartlau/Prejmer – UNESCO-Kulturerbe, also ein Muss. Links vom Eingang in die imposante Kirchenburg stehen zwei moderne Eintrittskartenautomaten. Man schiebt seine Bankkarte rein und der Automat spuckt einen Zettel mit einem QR-Code aus, den man dann dem Lesegerät der Einlassschleuse vorweisen muss. Es blinkt grün, die Stange geht nach unten und schon ist man auch ohne Zeitmaschine in einer anderen Welt. In einer Welt, in der die in diesem Jahrtausend angebrachte Wandfarbe abblättert. Und dann betritt man den Innenhof und ist im Mittelalter. Rundherum die nummerierten Kammern, in die sich frühe Generationen im Falle feindlicher Bedrohung zurückziehen konnten. Und ein ganzes System von Treppen rauf und runter, über die man unter anderem oben in die Wehrmauer gelangt, aus der die Einheimischen heißes Pech auf die Feinde kippen oder sie über die Schießscharten abschießen konnten, ohne selbst in ihr Visier zu geraten. Der Kirchenraum ist kreuzförmig, ein spannendes Detail, das mir aus den mir bekannten Kirchen so nicht in Erinnerung ist. Wir sind trotz des Montagmorgens zwischen den Jahren nicht die einzigen Gäste, auch andere in- und ausländische Touristen erkunden an diesem kalten Wintermorgen die Kirchenburg. Trotzdem wirkt alles etwas unpersönlich auf mich – man besichtigt Räume, Geräte, Vorrichtungen, aber es fehlt das Leben.

Der vorreformatorische gotische Flügelaltar von 1513 aus der evangelischen Kirche in Meeburg steht seit 2005 in der Bergkirche in Schäßburg. Auf seinen Tafeln sind Szenen aus dem Leben der heiligen Ursula und acht Passiondarstellungen zu sehen. Unter dem spätgotischen Sprengwerk des Schreins steht eine spätere Holzplastik, die Christus als Weltenrichter darstellt.
Quelle: agramonia.com
Etwas persönlicher wird es in Honigberg/Hărman, wo am Kartenschalter eine Dame sitzt, die ihren Urlaub in der alten Heimat verbringt und dann ehrenamtlich in der Kirchenburg arbeitet – sie will dazu beitragen, dass die Siebenbürger Sachsen und ihre Kultur nicht gänzlich in Vergessenheit geraten. Drei Katzen sitzen zusammengerollt in dem wohlig warmen Raum und lassen sich nicht stören, als wir an ihnen vorbei in die winterlich kühlen Ausstellungsräume schreiten. Allerlei Gebrauchsgegenstände, Möbelstücke, Fotos, Musikinstrumente bieten einen Einblick in das Leben der Sachsen, als die Dorfgemeinschaft noch intakt war und nach ihren eigenen Regeln funktionierte. Auch hier laufen wir einmal oben die Wehrmauer ab – ein beeindruckender Rundgang. Etwas anachronistisch wirkt das Abflusssystem der Dachrinnen – ein Netz von Plastikrohren, die von den alten Steinmauern der Kirche wegführen. Zur Klinke des Kirchenportals muss ich mich strecken, um die Tür aufzuschieben. Und so mächtig wie die Tür ist auch der Kirchenraum, der sich vor mir auftut. In geringen Abständen zueinander stehen die grob gezimmerten Bänke, im hinteren Teil darüber eine mächtige Empore. Der geschmückte Weihnachtsbaum und die bunten Decken auf den Bänken zeugen davon, dass hier wohl zu den Feiertagen Gottesdienste abgehalten wurden. In der Sakristei dann die Winterkirche mit Seminarraumbestuhlung in Schwarz.
Der Weg führt weiter, an Werkhallen und Fabriksgeländen vorbei, nach Marienburg/Feldioara. Schon von ferne sieht man den Kirchturm und auf dem Berg dann auch die Marienburg. Die Kirche sieht aus, als würde sie nicht mehr genutzt – besichtigen kann man sie jedenfalls nicht, das Tor ist geschlossen. Dafür ist die Marienburg vor einigen Jahren neu aufgebaut worden, die im 13. Jahrhundert wohl bei der Verteidigung des Burzenlandes durch den Deutschen Orden eine wichtige Rolle gespielt hat.
Die Reise geht weiter zu Orten in der Repser Gegend – bereits auf der Fahrt werden einige Erinnerungen an die Zeit des Vikariats wach. Der unasphaltierte Weg rund um die Kirchenburg in Galt/Ungra ist von Müll übersät – ein trauriges Bild. Aber die Burg ist einigermaßen gut instandgehalten. Das weiß ich seit letztem Sommer, wo ich die Kirche anlässlich eines Konzertes auch besucht und voller Freude festgestellt habe, dass der Mann, der vor 30 Jahren Kurator war, immer noch da ist und mich auch noch kennt.
Der Weg führt weiter nach Hamruden/Homorod) und Katzendorf/Cața, wo die Silhouetten der gut erhaltenen Kirchenburgen Jahrhunderte alte Geschichte(n) bergen. Bei der Runde um die Kirchenburg in Streitfort/Mercheașa wundere ich mich über das verfallene, aber mächtige Gebäude neben der Kirche – wohl das ehemalige Pfarrhaus (?).

Innenhof der Kirchenburg in Katzendorf. Das Bild entstand im Sommer 2014 bei der Verleihung des Dorfschreiber-Preises. Foto: Beatrice UNGAR
Weiter geht es an einen Ort, der als östliche Grenze des Siedlungsgebiets der Siebenbürger Sachsen gilt, dessen Ausdehnung mit den Worten „von Broos bis Draas“ umschrieben wird. Wo Broos/Orăștie ist, weiß jeder in unserer Gegend, der einmal Richtung Westen gefahren ist. Aber Draas/Drăușeni kennt kaum jemand. Ich erinnere mich an Gottesdienste, die ich vor 30 Jahren hier mit einer Handvoll Damen mittleren Alters gehalten habe. Wohnte nicht eine von ihnen in dem Haus gegenüber der Kirche? Eine Runde um die Draaser Kirchenburg tut nach der Autofahrt ganz gut. Hinter der Kirche grüßen Romakinder auf Ungarisch. Sie haben sich auf der dünnen Schneeschicht eine „Glitsch“ zurechtgemacht, auf der sie nun fröhlich jauchzend bäuchlings auf einem alten Plastikkanister rutschen. Aus dem Hinterhof eines ehemals sächsischen Hauses, das schon ziemlich verfallen ist und seit Langem von anderen bewohnt wird, fährt ein Bagger Schrott zu einem Traktor-
anhänger auf der Gasse. Ich erblicke Reste eines Kühlschranks und sonstiges Gerümpel. Auf der Seite zur Hauptstraße hängt ein Baustellenschild an der Kirchenburg, aber das ist auch schon etwas verwittert.

Der Kirchturm zu Radeln/Roadeş im Kreis Kronstadt stürzte am 14. Februar 2016 entlang eines Risses an der Südwand ein.
Foto: HZ-Archiv
In Meeburg/Beia – auch so ein „Ende der Welt“ wie Seligstadt, wo man keinen Weg hat, der weiterführt, sieht der Kirchturm von ferne zwar noch ganz akzeptabel aus, aber bei näherem Hinsehen tut sich ein großes Loch in der Wand der Kirche auf, ja eigentlich fehlt ein großes Stück der Mauer! Die Anlage ist abgeschlossen, man kommt da nicht hinein, aber deprimierend ist es schon, eine evangelische Kirche in diesem Zustand zu sehen, auch wenn sich dieses Schicksal schon vor 30 Jahren abzeichnete, als es einen Skandal gab, weil Schafe im Meeburger Predigerhaus ihr Unwesen trieben.
Auf dem Weg nach Schäßburg/Sighișoara ist die Abzweigung nach Radeln/Roadeș, der Weg zur letzten Station an diesem Tag. Jetzt ist es eine Asphaltstraße, damals war es noch ein „Staubweg“. In Radeln ist vor ziemlich genau 10 Jahren der Kirchturm teilweise eingestürzt. Notsicherungsmaßnahmen wurden durchgeführt. Um weiteren Verfall zu verhindern, wurde der eingestürzte Teil abgetragen und die Steine außerhalb der Ringmauer aufgetürmt. Der noch stehende Teil des Turmes ist vor weiterem Verfall gesichert und mit einer Konstruktion bedeckt, durch die der Wind in der beginnenden Dämmerung gespenstisch pfeift und einem ein etwas unheimliches Gefühl in die Knochen jagt. Vor 30 Jahren kam ich hierher zum Gottesdienst und stieg den Weg zur beeindruckenden Kirchenburg hinauf. Vor der Kirchentür stand die Gemeinde Spalier. Es war Brauch, die Kirche erst nach dem Pfarrer zu betreten. Ich erinnere mich gut an die Gemeinde. Der Großteil der Gemeindeglieder war 1995 bereits ausgewandert, und die, die übrig geblieben waren, hatten sich schon lange mit den anderen ortsansässigen Ethnien gemischt. Aber es war eine lebendige Gemeinschaft, die noch an überkommenen Bräuchen festhielt und vor allem noch sehr gut sang. Wir steigen über einen Haufen Latten voller Nägel, die wohl von so etwas wie einer Absperrung stammen, um die Kirchenburg aus etwas geringerer Entfernung in Augenschein zu nehmen. Ein trostloses Bild, das nicht zu meinen Erinnerungen aus der Zeit des Vikariats passt – als stünde ich an einem vollkommen anderen Ort als damals, vor 30 Jahren … Das Radelner Pfarrhaus ist verkauft und saniert worden, ebenso haben auch andere Gebäude rund um die Kirche eine Renovierung erfahren. Der Weg davor ist geschottert, im Pfarrhof sieht man Spielgeräte für Kinder. Ob sich da etwas tut? Jedenfalls nicht zu dieser Zeit zwischen den Jahren; da sieht es in der hereinbrechenden Dämmerung mit dem unheimlichen Heulen in der Blechkonstruktion über dem eingestürzten Kirchturm verlassen und gespenstisch aus.
Auf der Fahrt hänge ich meinen Gedanken nach. In Schäßburg werde ich von der hellen weihnachtlichen Straßendekoration geblendet. Vielleicht ist es gut so, dann sehe ich nicht, was auch hier alles verfällt. Wir holen jemanden ab und fahren nach Hause – nach Fogarasch/Făgăraș.
Ich habe viele Erinnerungen an die Vikariatszeit, in der ich recht oft in der Repser Gegend war, aber der Zahn der Zeit und der Verlassenheit hat manche der mir damals vertrauten Orte bis zur Unkenntlichkeit verändert, sodass die Erinnerungen kaum einen Anknüpfungspunkt gefunden haben. Das lässt mich nicht los, denn bald werden meine Erinnerungen sich wie unrealistische Geschichten anhören, da sie nicht mehr an örtliche Gegebenheiten gebunden werden können (an Menschen vielerorts ja leider schon lange nicht mehr). Und ohne Anhalt werden auch die Erinnerungen früher oder später verblassen. Schade…
Renate KLEIN,
Theologin, 1994/1995 Vikarin in Fogarasch mit geistlicher Betreuung des Repser Ländchens