Bemerkenswerte Einblicke

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„Hermannstadt im Jahre 1790“ neu aufgelegt
Ausgabe Nr. 2502
 

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Touristen von heute haben es leicht: Apps und Reiseratgeber führen sie sicher durch fremde Gassen. Doch schon im 18. Jahrhundert musste niemand orientierungslos durch Hermannstadt irren. Damals erschien „Hermannstadt im Jahre 1790“, ein in gotischer Schrift gedrucktes Handbuch voller Informationen über die Stadt. Nun ist es erstmals in lateinischer Schrift erschienen, mit einer rumänischen und einer deutschen Version in einem Band. Als erster hiesiger Reiseführer bietet es heutigen Lesern nicht nur immer noch gültige Tipps, sondern auch spannende Einblicke in das Leben der Frühen Neuzeit.

 

Der junge Herausgeber Martin Hochmeister d. J. (1767-1837) – er übernahm 1789 nach dem frühzeitigen Tod seines Vaters Martin Hochmeister d. Ä. (1740-1789) die von diesem gegründete Buchhandlung, die Buchdruckerei und den Verlag – hätte sich schwerlich eine interessantere Zeit als 1790 für sein Handbuch aussuchen können. Mit dem Ende des 18. Jahrhunderts ging das Mittelalter zu Ende und das Zeitalter der Aufklärung begann. Ein Jahr vor dem Erscheinen des Buches hatte der Beginn der Französischen Revolution ganz Europa erschüttert, doch die geistigen Revolutionen begannen schon deutlich früher. Naturwissenschaften und Vernunftdenken waren auf dem Vormarsch.

Auch in Siebenbürgen war dieser Wandel zu spüren und wurde aufgenommen, wenn auch oft zögerlich. Wien nahm sich Paris zum Vorbild, während Hermannstadt Wien nachahmte, wie die Herausgeberin Liliana Popa im Vorwort von „Hermannstadt im Jahre 1790“ schreibt. Dabei half die wachsende Verbreitung des Lesens: 1782 wurde eine Leihbücherei eröffnet, wenige Jahre später gründeten sich ein Leseverein und die erste siebenbürgische Zeitung und Zeitschrift.

Die wachsende Leserschaft schuf günstige Ausgangsbedingungen für „Hermannstadt im Jahre 1790“. Das Buch erschien in zwei Ausgaben; erst unter den Bezeichnung „Reisekalender“, später in einer gekürzten Fassung als „Handbuch“. Doch zunächst verkaufte es sich schlecht. Möglicherweise war es die Neuartigkeit des Projekts, die Misstrauen in der Bevölkerung weckte, vermutete ein Zeitgenosse. In einem anonym veröffentlichten Artikel zweifelte der Rezensent außerdem, ob eine so detaillierte Beschreibung der Stadt „ganz unentbehrlich“ wäre, Hermannstadt sei schließlich weder besonders groß, noch allzu gut besucht.

Die heutigen Leser können sich allerdings freuen, dass „Hermannstadt im Jahre 1790“ gedruckt wurde, denn es bietet bemerkenswerte Einblicke in das Leben der Zeit. Einige wenige Seiten mit Wechselkursen und weiteren Auflistungen kann zwar getrost überblättern, wer kein Historiker ist. Spannend wird dagegen der darauf folgende Überblick über das Leben in der Stadt und ihre Sehenswürdigkeiten.

Neben anschaulichen Beschreibungen der wichtigsten Plätze, Gebäude und der Umgebung schildert das Handbuch auch das Alltagsleben in Hermannstadt. Von der Polizeidirektion bis zur Schule wird jeder wichtigen Institution ein Abschnitt gewidmet. Empfehlungen für Vergnügungen geben Auskunft über das kulturelle Leben im Jahre 1790.

Das Theater beispielsweise wird als „Schule der Tugend und guten Sitten“ gepriesen. Hier werde mit äußerster Strenge darauf geachtet all jene Stücke zu vermeiden, die auch nur entfernt „dem feinen gereinigten Geschmacke und der Moralität des Ganzen“ widersprechen. An Stellen wie dieser lässt sich gut der Einfluss damaliger Theaterreformen auf den Alltag der Bewohner erkennen.

Die Herausgeberin Liliana Popa ordnet diese Entwicklungen im ausführlichen und lesenswerten Vorwort (deutsche Fassung von Isolde Huber) in seinen zeitlichen Kontext ein. So können Reisende des 21. Jahrhunderts durch die Lektüre auch im Hermannstadt des 18. Jahrhunderts spazieren gehen. Nebenbei bekommen sie außerdem Tipps für ihren Rumänienaufenthalt: Das Handbuch mahnt zu wetterfester Kleidung und „kluger Mäßigkeit“ beim Genuss der vortrefflichen, aber schweren Küche. Manches ändert sich eben auch in über zwei Jahrtausenden nicht.

Martin Hochmeister d. Ä. ist das „Theatral Wochenblatt“, die erste deutsche Zeitung in Siebenbürgen (1778), zu verdanken, sowie 1784 die Gründung der „Siebenbürgischen Zeitung“. Sohn Martin Hochmeister d. J. brachte ab 1790 die „Siebenbürgische Vierteljahresschrift“, die erste Zeitschrift Siebenbürgens, heraus und war von 1817 bis 1830 Hermannstadts Bürgermeister. Beiden ist wohl das Lokal „Hochmeister“ gewidmet, das seit Jahresbeginn im Hochmeisterschen Haus in der Wintergasse/Timotei Popovici betrieben wird.

Bernadette MITTERMEIER

 

Hermannstadt im Jahre 1790/Sibiul in anul 1790, Neuauflage und Übersetzung ins Rumänische des 1790 bei Martin Hochmeister verlegten und gedruckten Buches. Hrsg. von Cornel Lungu und Liliana Popa, Honterus Verlag Hermannstadt 2015, 442 Seiten, ISBN 978-606-8573-38-0

 

 

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Bücher.