Die Last des Ererbten

Teile diesen Artikel

Zu Dan Ivans Roman ,,Das rote Hemd“ / Von Josef SALLANZ

Ausgabe Nr. 2981

Dan Ivan: Das rote Hemd. Roman. Aus dem Rumänischen von Peter Groth. Dittrich Verlag, Weilerswist-Metternich 2025, www.dittrich-verlag.de, 164 Seiten, ISBN 978-3-910732-87-2, 18 Euro.

Ein rotes Hemd, ein Gefängnisaufenthalt unter merkwürdigen Umständen, zwei Constantin Brâncuși zugeschriebene Skulpturen, ein italienischer Familienclan, Garibaldi, Musik, Geld und Liebe: Dan Ivans Roman „Das rote Hemd“ hat keine Scheu vor großen Stoffen. Auf gerade einmal 164 Seiten spannt er einen Bogen über fünf Generationen und zwischen Italien und Rumänien. Im Zentrum steht die Frage, was von einer Familiengeschichte bleibt, wenn die Menschen, die sie erlebt haben, längst verschwunden sind – und ob man sich von einer solchen Geschichte überhaupt lösen kann.

Die rumänische Originalausgabe „Cămașa roșie“ erschien 2024 im Bukarester Letras-Verlag; 2025 kam der Roman in der Übersetzung von Peter Groth im Dittrich Verlag heraus.

Davide Martinelli, der Protagonist des Romans, sitzt zu Beginn in einem rumänischen Gefängnis. Warum er dort gelandet ist, bleibt zunächst im Dunkeln. Ein Reitunfall, der vier Jahrzehnte zurückliegt, spielt dabei eine entscheidende Rolle, ebenso Erinnerungen, deren Zuverlässigkeit nicht selbstverständlich ist. Ivan erzählt nicht vom Anfang zum Ende, sondern setzt seine Geschichte aus Rückblenden, Aufzeichnungen und Erinnerungsfragmenten zusammen. Was zunächst wie ein Rätsel wirkt, erhält erst allmählich Konturen.

Aus Davides Gegenwart führt der Roman weit zurück in die Geschichte der Martinellis. Italien und Rumänien sind dabei nicht bloß Schauplätze. Zwischen beiden Ländern bewegen sich Menschen, Vermögen, Hoffnungen und Erinnerungen. Die Familie erlebt Aufstieg und Verlust, politische Umbrüche und Ortswechsel. Migration ist in diesem Roman kein einzelner Einschnitt, sondern eine Erfahrung, die von einer Generation zur nächsten weiterwirkt.

Ivan interessiert sich allerdings nicht für eine lückenlos erzählte Familienchronik. Ihn interessieren die Dinge, an denen sich eine solche Geschichte festmacht. Das rote Hemd ist dafür das auffälligste Beispiel. Es gehörte Davides Ururgroßvater, der an der Seite Garibaldis kämpfte.

Ein Kleidungsstück wird zum Überbleibsel einer politischen Epoche und zugleich zu einem Familienrelikt, dessen Bedeutung sich mit jeder neuen Generation verschiebt. Das Hemd erzählt von Freiheitskampf und Gewalt, von Erinnerung und Aneignung. Gerade weil es ein so konkreter Gegenstand ist, kann es mehr leisten als manche erklärende Passage des Romans.

Ähnlich verhält es sich mit den beiden dem bekannten rumänischen Bildhauer Constantin Brâncuși zugeschriebenen Skulpturen. An ihnen kreuzen sich Kunst, Geld und familiäres Erbe. Sie sind Wertgegenstände und zugleich Träger einer Geschichte, die sich nicht auf ihren materiellen Preis reduzieren lässt.

Ivan macht aus solchen Dingen Knotenpunkte seiner Erzählung: Die Vergangenheit liegt nicht irgendwo hinter den Figuren, sie steckt in ihrem Besitz, in ihren Erinnerungen und in den Geschichten, die sie sich gegenseitig erzählen.

Auch die Musik gehört zu diesem persönlichen Gedächtnisraum. Während Davides äußerer Bewegungsradius durch die Gefangenschaft immer kleiner wird, öffnet sich in seinen Erinnerungen eine andere Welt. Die Namen Jethro Tull, Pink Floyd und King Crimson sind deshalb weit mehr als dekorative Hinweise auf eine bestimmte Generation. Sie gehören zu Davides Biografie und markieren Zeiten, in die er gedanklich zurückkehren kann. Musik wird zur Form des Erinnerns – und vielleicht auch zu einer Möglichkeit, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen.

In der Gefangenschaft gewinnt die Familiengeschichte für Davide eine neue Dringlichkeit. Was er bislang verdrängen oder auf Abstand halten konnte, kehrt nun mit Macht zurück. Was er dabei entdeckt, sind nicht nur materielle Hinterlassenschaften. Auch Schuld, Erwartungen und bestimmte Verhaltensmuster können von einer Generation auf die nächste übergehen. Der „Fluch“ der Martinellis braucht deshalb keine übernatürliche Erklärung. Er bezeichnet vielmehr die Hartnäckigkeit einer Vergangenheit, die nicht abgeschlossen ist, nur weil eine Generation stirbt.

Dass Ivan auf engem Raum so viele Fäden zusammenführt, ist zugleich die Stärke und die Schwäche des Romans. Familiengeschichte, Kunstgeschichte, italienische und rumänische Schauplätze, politische Ereignisse, Musik und eine Gefängnishandlung konkurrieren bisweilen um die Aufmerksamkeit des Lesers. Manche Motive werden eher angedeutet als entfaltet, manche Zusammenhänge erklärt, obwohl die Geschichte sie auch aus eigener Kraft verständlich machen könnte.

Gerade die Kürze des Romans setzt Ivan dabei unter Druck: Vieles, was nach einem größeren erzählerischen Atem verlangt, muss in wenigen Seiten untergebracht werden.

Dennoch wäre es zu einfach, diese Überfülle nur als Mangel zu betrachten. „Das rote Hemd“ ist kein Roman, der seine Familiengeschichte auf eine einzige Ursache zuspitzt. Ivan lässt unterschiedliche Zeiten und Lebensgeschichten ineinandergreifen und vertraut darauf, dass sich die Zusammenhänge erst im Lesen ergeben. Das kann gelegentlich verwirren, gibt dem Roman aber auch etwas Eigenwilliges. Er entzieht sich einer eindeutigen Gattungszuordnung: Familienroman, Erinnerungsgeschichte, historischer Roman und Spannungserzählung greifen ineinander.

Am Ende bleibt vor allem Davides Versuch, aus den Hinterlassenschaften der anderen die eigene Geschichte zu lesen. Das rote Hemd, die Skulpturen, die Musik – sie sind keine bloßen Requisiten, sondern Spuren. An ihnen entzündet sich die Erinnerung an eine Welt, die Davide nicht selbst erlebt hat und die dennoch zu ihm gehört.

Gerade darin liegt der Reiz von Dan Ivans Roman. „Das rote Hemd“ erzählt nicht nur von dem, was Menschen ihren Nachkommen hinterlassen wollen, sondern auch von dem, was sie ihnen hinterlassen, ohne es zu wollen.

Das rote Hemd ist dafür das prägnanteste Bild: ein Gegenstand, der eine Geschichte bewahrt, lange nachdem ihre Akteure verschwunden sind.

Josef SALLANZ

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Bücher.